Herr Dedy, um welche konkreten Maßnahmen geht es nun beim Wiederaufbau der vom Extremhochwasser betroffenen Kommunen und der künftigen Bau- und Flächenplanung?
Städte müssen den Klimaveränderungen gewachsen sein – Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit sind gefragt. Für den Wiederaufbau werden jetzt die Gefahren einer erneuten Überflutung abgeschätzt. Bei starker Überflutungsgefahr kann es dazu kommen, dass in bestimmten Lagen nicht mehr gebaut werden darf. Bestehende Planungen müssen dann korrigiert werden. Klimaveränderung bedeutet aber nicht nur Hochwasser.
Wie wichtig sind „Schwammstädte“?
Das Konzept der Schwammstadt versucht zwei Phänomene zu verbinden – Starkregen mit erhöhter Hochwassergefahr einerseits und Dürreperioden mit Wassermangel anderseits. Das geht etwa mit mehr Grünflächen, weniger Versiegelung und dem Ausbau von Rückhaltebecken für Hochwasser. Städte renaturieren Wasserläufe, um den Flüssen und Bächen wieder mehr Raum zu geben. Zur Vorsorge gehört auch, die Bevölkerung über Gefahren aufzuklären. Deshalb entwickeln die Städte Gefahrenkarten, die zeigen, wo etwa bei Starkregen Überschwemmungen auftreten können und wie damit umgegangen werden kann.
Und was können die Kommunen neben dem Anreiz über den Geldbeutel tun, um die Energie- und Verkehrswende vor Ort stärker voranzubringen?
Die Städte erstellen eigene Klimaschutzkonzepte. Es geht etwa um klimaschonende Energieversorgung und nachhaltige Mobilität. Auf dieser Basis werden neue und bessere Radwege gebaut, mehr Raum für Fußgänger geschaffen, klimafreundliche Busse beschafft, die Taktung des Nahverkehrs verbessert, die Verkehrssteuerung digitalisiert. Auch in Nischen tut sich etwas, so können Zuschüsse für Lastenräder für Gewerbetreibende ein Puzzlestein sein. Die Städte als Bauherren sind zudem Vorbild bei energetischen Sanierungen und dem energieeffizienten Neubau.
Welche Rolle kann die kommunale Wärmeplanung spielen?
Die kommunale Wärmeplanung ist wichtig, um die Wärmeversorgung neu zu gestalten. Zum Beispiel kann es sich lohnen, Abwärme von Unternehmen direkt in die Wärmeversorgung eines benachbarten Wohnviertels einzuspeisen. Die Städte haben beim Klimaschutz einen riesengroßen Werkzeugkasten.
Bis wann rechnen Sie damit, dass die massiven Einbrüche bei den Fahrgastzahlen des ÖPNVs infolge von Corona zumindest wieder kompensiert werden und nach oben gebracht werden können?
Das ist ein Thema, das mir echt Bauchschmerzen macht. Prognosen sagen, Ende 2021 werden es etwa 15 Prozent weniger Fahrgäste im Nahverkehr sein als vor Corona. Trotz dieser Delle wollen die Städte es schaffen, die Zahl der Fahrgäste im öffentlichen Nahverkehr bis 2030 zu verdoppeln. Leicht wird das nicht. Ohne den Ausbau von Bus und Bahn ist klimafreundliche Mobilität in den Städten aber nicht denkbar. Also muss das Angebot stimmen.
Was wäre dafür nötig?
Wir brauchen gute Fahrzeuge, attraktive Fahrpläne und einen möglichst reibungslosen Betrieb – die berühmten „Störungen im Betriebsablauf“ locken niemanden in die U-Bahn. Ich sehe nicht, dass wir diesen Hochlauf des ÖPNV ohne finanzielle Hilfe von Bund und Ländern – auch bei den Betriebskosten – schaffen werden. Aber wir wissen ja, dass auch Bund und Länder an der Einhaltung der Klimaziele interessiert sind.
Die Fragen stellten Klaus Hinkel und Hans-Christoph Neidlein
Mehr zu den nötigen Konsequenzen aus der jüngsten Hochwasserkatastrophe für die kommunale Daseinsvorsorge sowie den Klimaschutz lesen Sie im Interview mit Helmut Dedy in der Augustausgabe der ZfK. Zum Abo geht es hier



