Deutschland

Strompreise: Beratungsstellen in Niedersachsen mit großem Zulauf

Was kommt von den Finanzhilfen für arme Menschen und Familien bei ihnen an? Eine Wirtschaftsweise sieht Chancen in den hohen Preisen.
06.02.2022

Aus einer Umfrage des Deutschen Caritasverbandes im Dezember unter 278 Beratern ging hervor, dass 77 Prozent der Menschen, die eine Beratungsstelle aufsuchten, Energieschulden haben.

Der Kühlschrank ist alt und zieht viel Strom. Der Fernseher läuft etliche Stunden am Tag - und zieht viel Strom. Der nächste Bäcker ist weit entfernt – und nur mit dem alten Diesel-Pkw zu erreichen. Gleichzeitig sind die Energiepreise auf einem Rekordhoch. Was schon für Familien mit mittlerem Einkommen eine große Belastung ist, gleicht für arme Familien in diesen Tagen einer Katastrophe.

«Fast alle Sozialberatungsstellen der Caritas im Oldenburger Land berichten von gestiegenen Fallzahlen in den letzten Monaten», sagt Dietmar Fangmann, Referent für allgemeine Sozialberatung beim Caritas-Verband in Vechta. In den Beratungsgesprächen gehe es sehr häufig um die Themen Energie- und Wohnkosten, also um eine materielle Existenzsicherung. Vor allem, wenn die Jahresabrechnung für Strom ins Haus flattert, stehen viele Menschen inzwischen vor einem großen Problem, hat der Sozialarbeiter bemerkt.

Spritpreise ebenfalls ein Problem

«Vor allem Alleinerziehende und Hartz-IV-Empfänger sind betroffen», ergänzt Svenja Koch, Sprecherin des Caritas-Verbands in der Diözese Hildesheim. Zwar will die Ampel-Koalition einen Einmalzuschuss für Geringverdiener zahlen: Wer alleine wohnt und Wohngeld bezieht, soll einmalig 135 Euro bekommen, ein Zwei-Personen-Haushalt 175 Euro. Für jede zusätzliche Person im Haushalt gibt es weitere 35 Euro. Für Studentinnen, Studenten und Azubis sind pauschal 115 Euro pro Person vorgesehen.

«Was ist aber, wenn auch im April noch kräftig geheizt werden muss?», fragt Koch. In den Beratungsstellen gebe es Menschen, die nur noch ein Zimmer heizen und sich genau überlegen müssten, was sie machen. «Vor allem im ländlichen Raum spielen auch die gestiegenen Spritpreise eine große Rolle», sagt die Caritas-Sprecherin. Oft bleibe den Menschen nur der alte Diesel, um zum Einkaufen in einen Nachbarort zu fahren.

Heftige Nachzahlungs-Forderung: Viele melden sich dann bei Caritas-Verband

Aus einer Umfrage des Deutschen Caritasverbandes im Dezember unter 278 Beratern ging hervor, dass 77 Prozent der Menschen, die eine Beratungsstelle aufsuchten, Energieschulden haben. Allerdings gehen längst nicht alle Bedürftigen zu einer Beratungsstellen, sagt Koch: Es gebe viele Familien mit niedrigen Einkommen, die keinen Wohngeldantrag stellen würden. Die Situation dürfte sich weiter verschärfen - auch, weil zu Jahresbeginn viele Verträge von Billig-Anbietern gekündigt wurden und die Menschen in die deutlich teurere Grundversorgung rutschten.

Leonid Klevanski und Norbert Hermes sind zwei Stromsparhelfer des Caritas-Verbandes in Osnabrück. Sie besuchen Familien, die soziale Leistungen beziehen und beraten sie, wie sie Strom und Energie sparen können. «Die Rechnung ist das wichtigste Detail bei der Begutachtung», sagt Hermes. Viele würden sich melden, wenn sie eine heftige Nachzahlungs-Forderung bekommen hätten.

Ein typischer Fall: Jemand zieht um, und in der neuen Wohnung wird das Wasser mit einem Elektroboiler erhitzt. «Die Menschen duschen weiter wie gewohnt, und dann kommt die Rechnung, die bedeutend höher ist als gewohnt», sagt Hermes.

Stadtwerke Osnabrück unterstützen mit 50 Euro

Neben der Beratung und der Ausgabe von Energiesparlampen seien auch Zuschüsse für die Anschaffung von neueren, sparsameren Haushaltsgeräten möglich, sagt Luca Treidel von der Caritas Arbeits- und Dienstleistungsgesellschaft in Osnabrück. 100 Euro gebe es damit für einen neuen Kühlschrank. In Osnabrück legen die Stadtwerke sogar nochmals 50 Euro drauf. Aber: 150 Euro für einen neuen Kühlschrank für eine große Familie seien nicht viel, sagt Klevanski. «Und man muss den Kühlschrank auch erst einmal selber bezahlen, und erst danach bekommen sie den Zuschuss - das können sich nur wenige leisten.»

Ein grundsätzliches Problem sei, dass zwar Nebenkosten vom Jobcenter übernommen werden, Stromkosten allerdings nicht. Ein Bezieher von Arbeitslosengeld II, ein Wohngeldbezieher oder jemand, der sehr wenig verdient, müsse selber komplett für die Stromkosten aufkommen, sagt Nadin Kohlbrecher, Sprecherin des Caritasverbandes für die Diözese Osnabrück.

Forderung nach sofortiger Einmal-Hilfe und strukturellen Verbesserungen

Nicht nur die Energiepreise, auch die generellen Lebenshaltungskosten sind in den vergangenen Monaten rasant gestiegen. Die Inflationsrate in Niedersachsen lag im Januar um 4,7 Prozent über dem Niveau von Januar 2021. «Der Anstieg der Hartz-IV-Regelsätze und der Grundsicherung betrug 2022 gerade 0,7 Prozent. Das hier ein eklatant ungerechtes Missverhältnis vorliegt, dürfte selbst der knausrigste Finanzminister einsehen», sagt dazu der Geschäftsführer der Landesarmutskonferenz in Niedersachsen, Klaus-Dieter Gleitze. Arme benötigten eine sofortige Einmal-Hilfe und strukturelle Verbesserungen ihrer Situation, die sich in der Coronakrise ständig verschlechtere, betont er.

Wirtschaftsweise: starke Chance für Energiewende

Die «Wirtschaftsweise» Monika Schnitzer sieht indes in den stark gestiegenen Energiepreisen eine Chance für die Energiewende. «Eigentlich ist es die beste Werbung für die Energiewende. Sie bietet doch die Chance, sich weniger abhängig zu machen von Gas- und Ölimporten», sagte Schnitzer in einem Interview der «Neuen Osnabrücker Zeitung». Je schneller die Energiewende geschehe, desto unabhängiger werde man künftig sowohl wirtschaftlich als auch politisch sein.

Mit Blick auf den von der Bundesregierung wegen der deutlich gestiegenen Energiepreisen angekündigten einmaligen Zuschuss sagte Schnitzer: «Das hilft den Betroffenen, ohne dass dauerhaft alle Löhne steigen und die Lohn-Preis-Spirale in Gang gesetzt wird. Man könnte auch über einen Kinderbonus nachdenken.» Profitieren von dem Zuschuss sollen vor allem die Bezieher von Wohngeld, also Haushalte mit niedrigem Einkommen.

Eine Mehrwertsteuersenkung hält Schnitzer nicht für den richtigen Weg, weil diese nicht unbedingt an die Kunden weitergegeben werde. Priorität müssten nun die Streichung der EEG-Umlage sowie die Senkung der Stromsteuer haben. (dpa/sg)