"Der Weg in die Klimaneutralität ist ein umfassendes Investitions- und Zukunftsprogramm für Deutschland, vergleichbar mit dem Wirtschaftswunder in den 1950er und 60er-Jahren", unterstrich Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende bei der Vorstellung der Studie am Donnerstag in Berlin.
"Es geht nicht um Verzicht“, sagte Graichen. So komme die Studie von Prognos, Öko-Institut und Wuppertal Institut, die eine entsprechenden Pfad und Maßnahmen für eine Klimaneutralität bis 2050 aufzeigt, zu dem Schluss, dass hierdurch ein jährliches wirtschaftliches Wachstum von mindestens 1,3 Prozent ausgelöst werden könne.
Weitgehende Elektrifizierung der Sektoren
Das Szenario beinhaltet den massiven Ausbau der Erneuerbaren, eine weitgehenden Elektrifizierung von Verkehr, Wärme und Industrie, der energetischen Sanierung fast aller Gebäude sowie Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur.
14 Millionen Elektroautos sollen bis in zehn Jahren auf deutschen Straßen unterwegs und sechs Millionen Wärmepumpen in Gebäuden installiert sein.
"Bundesregierung hat Klimaneutralität beschlossen, aber keinen Plan dafür"
In einem ersten Schritt würden die Treibhausgasemissionen bis 2030 um zehn Prozentpunkte um 65 Prozent gegenüber 1990 sinken, um das erhöhte EU-Klimaziel für 2030 zu unterstützen. So könne auch sichergestellt werden, dass das Klimaziel bis 2050 erreicht werden kann ."Die Bundesregierung hat Klimaneutralität 2050 beschlossen, aber sie hat keinen Plan dafür", kritisierte Graichen.
Daran würde sich ein zweiter Schritt mit einem vollständigen Umstieg auf klimaneutrale Technologien anschließen, so dass die Emissionen um 95 Prozent sinken. Mit einem dritten Schritt würden schließlich nicht vermeidbare Restemissionen durch CO2-Abscheidung und -Lagerung ausgeglichen.
Ökostromanteil bis 2030 auf 70% erhöhen - erhöhter Stromverbrauch
"Der Zubau von Wind- und Solarstromanlagen muss sich gegenüber heute verdreifachen", unterstrich Graichen. Entsprechend müsse das im aktuellen Entwurf des Erneuerbare-Energien-Gesetzes gesetzte Ziel eines Anteils von 65 Prozent Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch im Jahr 2030 auf 70 Prozent erhöht werden. Gleichzeitig steigt der Stromverbrauch aufgrund neuer Verbraucher wie Elektroautos und Wärmepumpen.
Bei der Photovoltaik ist der Studie zufolge eine Verdreifachung der aktuell installierten Leistung auf 150 Gigawatt (GW) bis 2030 nötig. Bei Windkraft an Land müsse sie von aktuell 54 auf 80 Gigawatt steigen, bei der Windkraft auf See müsse von derzeit knapp 8 auf 25 GW.
Kohleausstieg bis 2030 - Energiewirtschaft trägt Hälfte der Minderung
Im Gegenzug würde der Ausstieg aus der Kohleverstromung beschleunigt und schon bis 2030 abgeschlossen. Die Energiewirtschaft würde in diesem Szenario zur Hauptsäule des Klimaschutzes in den nächsten zehn Jahren.
Sie alleine kann die jährlichen CO2-Emissionen um 207 Millionen Tonnen senken, was in etwa der Hälfte der nötigen Minderung von 420 Millionen Tonnen im Jahr 2030 entspricht.
"Klimaneutralität ohne Wasserstoff nicht möglich" - doch Champagner
Bis 2050 steigt der Anteil Erneuerbarer Energien dann auf 100 Prozent am Stromverbrauch, wobei sich die Stromnachfrage aufgrund der sektorübergreifenden Elektrifizierung sowie durch die steigende Herstellung von Wasserstoff um rund 50 Prozent erhöhen wird.
"Klimaneutralität ist ohne Wasserstoff nicht möglich", betonte Rainer Baake, Direktor der Stiftung Klimaneutralität. Doch sollten Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe aufgrund der Effizienzverluste bei der Umwandlung nur dort eingesetzt werden, wo keine direkte Elektrifzierung möglich ist, vor allem im Flug- und Schiffsverkehr, der Industrie sowie Back-Up-Kraftwerken. "Der Wasserstoff ist der ganz teure Champagner der Energiewende", sagte Baake.
Hofreiter: "Arbeitsauftrag beim Klimaschutz nachzubessern"
"Die Studie ist ein Arbeitsauftrag an die Bundesregierung beim Klimaschutz endlich nachzubessern", erklärte der Fraktionsvorsitzende der Grünen Anton Hofreiter in einer Pressemitteilung. Vor allem beim Ausbau der erneuerbaren Energien brauche es mehr Tempo.
Kerstin Andreae, Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung begrüßte in einer Pressemitteilung wesentliche Aussagen der Studie, wie viel mehr Erneuerbare und einen höheren Strombedarf. Beim Wasserstoff müsse es darum gehen, diesen "möglichst schnell, möglichstgünstig und in möglichst großen Mengen zur Verfügung" zu stellen, damit er "auch seinen Beitrag zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung leisten kann", so Andreae. (hcn)



