Deutschland

Vermieter schlagen Alarm: Energiekosten gefährden sozialen Frieden

Der Branchenverband GdW fordert einen Hilfsfonds, um die Nebenkosten zu begrenzen. Laut Verivox stiegen die Abschläge für Gas bisher im Schnitt um 52 Prozent, jeder Dritte legt kein Geld zurück.
07.07.2022

Bei gut jedem dritten Haushalt wurden laut einer Umfrage im Auftrag von Verivox die Abschläge für die kommende Heizsaison bereits erhöht – im Durchschnitt um 52 Euro pro Monat.

Die Energiepreise stellen Mieter und Vermieter im Winter vor eine Belastungsprobe. Die großen Wohnungsunternehmen warnten am Donnerstag vor deutlichen Kostensteigerungen für Mieter und forderten staatliche Hilfe. «Die Situation ist mehr als dramatisch, und der soziale Frieden in Deutschland ist massiv in Gefahr», erklärte der Branchenverband GdW.

Gleichzeitig machen demnach gestiegene Zinsen und Baukosten das Ziel unerreichbar, mehr Wohnungen zu bauen und so den Druck von den Mieten zu nehmen.
 

In Folge des Ukraine-Kriegs sind die Energiepreise nach Verbandsrechnung bis Mai um 37 Prozent gestiegen. Für einen Ein-Personen-Haushalt bedeute das eine Mehrbelastung von 508 Euro im Jahr verglichen mit 2021, für vier Personen 938 Euro. Die Unternehmen rechnen aber mit höheren Steigerungen und einer deutlich vierstelligen Mehrbelastung.

Habeck prognostiziert vierstellige Preiserhöhungen pro Haushalt

Die Bundesregierung wird nach Worten von Wirtschaftsminister Robert Habeck die Gasversorgung mit allen Mitteln sicherstellen. Angesprochen auf einen möglichen Zusammenbruch des Marktes, sagte der Grünen-Politiker am Mittwochabend in der ZDF-Sendung «Markus Lanz», das werde nicht passieren. Allerdings müssten sich die Bürger auf einen teuren Winter einstellen. Die Preiserhöhungen im Herbst und Winter würden pro Haushalt im vierstelligen Bereich liegen. «Und das kann dann eben auch mal ein Monatseinkommen für eine Familie sein.»

Sparen bleibt nach Habecks Ansicht das Gebot der Stunde. Der Zentralverband des deutschen Handwerks sprach sich in den Zeitungen der Funke-Gruppe dafür aus, bei einer Gasnotlage zuerst Freizeitangebote vom Netz zu nehmen.

Der Vermieterverband GdW bekräftigte seinen Vorschlag, die Raumtemperatur um zwei Grad zu senken. Vermieter müssten dann tagsüber nur noch 18 und nachts 16 Grad gewährleisten. «Ich glaube, dass sehr viele Unternehmen das in der Tat machen würden», sagte Verbandspräsident Axel Gedaschko.

GdW warnt vor "existenzbedrohenden Liquiditätsengpässen"

Vermieter informierten außerdem ihre Mieter über energiesparendes Heizen und Lüften. Sinnvoll sei es auch, Warmwasser auf bestimmte Zeiten zu beschränken, sofern sich alle im Haus darüber einig seien. Eine solche Entscheidung einer Genossenschaft im sächsischen Dippoldiswalde hatte für Aufsehen gesorgt.

Viele Wohnungsunternehmen haben die Nebenkosten-Vorauszahlungen schon erhöht. Dennoch könne ein Teil der Wohnungsunternehmen in existenzbedrohende Liquiditätsengpässe geraten, warnte der GdW. Die Mieter und Unternehmen dürften in dieser Situation nicht allein gelassen werden. «Der Staat muss in dieser Notsituation seiner sozialen Verantwortung gerecht werden.» Der Verband schlug staatliche Hilfsfonds vor, um Nebenkosten zu begrenzen.

Der GdW vertritt vor allem Genossenschaften und städtische Wohnungsunternehmen, aber auch börsennotierte Branchenriesen wie Vonovia. Die Mitglieder kommen auf etwa 30 Prozent der Mietwohnungen in Deutschland. «Wir vermieten vor allem an Menschen, die nicht so viel Einkommen haben», sagte Gedaschko. Sie könnten die hohen Energiepreise nicht bezahlen.

Verivox-Umfrage: "Preissteigerungen kommen bei Verbrauchern zeitverzögert an"

Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Vergleichsportals Verivox sind die hohen Gaspreise noch nicht bei allen Haushalten angekommen. So hat bisher erst jeder dritte Haushalt eine Jahresabrechnung für Gas erhalten. Gut die Hälfte davon musste eine Nachzahlung leisten, von durchschnittlich 227 Euro.

Bei gut jedem dritten Haushalt (36 Prozent) wurden die Abschläge für die kommende Heizsaison bereits erhöht – durchschnittlich um 52 Prozent. Das entspricht monatlichen Mehrkosten von 52 Euro.

„Die Gaspreise sind in den vergangenen 12 Monaten um durchschnittlich 111 Prozent gestiegen. Doch die Preissteigerungen kommen bei Verbrauchern erst zeitverzögert an“, sagt Thorsten Storck, Energieexperte bei Verivox. „Erst im nächsten und übernächsten Jahr werden sich die aktuellen Preissteigerungen dann bei allen Haushalten bemerkbar machen. Daher sollten Verbraucherinnen und Verbraucher jetzt möglichst Geld zurücklegen oder prüfen, ob höhere Abschläge sinnvoll sind.“  

Hohe Energiepreise belasten schon jetzt jeden zweiten Haushalt stark

Mehr als die Hälfte derjenigen, die bisher keine Jahresendabrechnung erhalten haben, legt Geld für eine mögliche Nachzahlung beiseite – durchschnittlich 347 Euro. Fast jeder Dritte sorgt allerdings nicht für eine kommende Nachzahlung vor.

Schon jetzt machten sich die hohen Energiepreise bei einer großen Mehrheit der Befragten im Portemonnaie bemerkbar. Bei fast jedem Zweiten ist das Haushaltsbudget so stark belastet, dass an anderer Stelle Geld eingespart werden muss. (hoe/dpa)