Deutschlands Wirtschaft wächst nicht mehr. So prognostiziert der Internationale Währungsfonds für dieses Jahr ein Minus von 0,3 Prozent. Und glaubt man Industrie-Spitzenverbänden, dann spielen dabei die aktuell hohen Energiepreise sowie die Ungewissheit über die künftige Energieversorgung eine entscheidende Rolle.
Vor einem "Flächenbrand" warnte am Montag Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), im Interview mit dem Fernsehsender Phoenix. Sein Dachverband erlebe, dass sehr viele Unternehmen ins Ausland schauten und Produktion verlagerten, nicht nur um neue Märkte zu erschließen, sondern in zunehmenden Maße aus Kostengründen, "weil es in Deutschland zu teuer wird".
Umstrittener Industriestrompreis
Laut Dercks ist der Strompreis derzeit doppelt so hoch wie vor der Krise und drei Mal so hoch wie im langjährigen Durchschnitt. Geht es nach ihm, müsste die Bundesregierung die Stromsteuer abschaffen und Investitionen in erneuerbare Energien weiter anreizen.
Für einen vergünstigten Industriestrompreis wirbt der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck. Im Mai hatte er einen Brückenstrompreis von sechs Cent pro kWh oder 60 Euro pro MWh für einen "klar definierten Empfängerkreis" vorgeschlagen. Bei Börsenstrompreisen, die über diesen Wert hinausgehen, würden Unternehmen die Differenz erstattet bekommen.
Scholz legt sich nicht fest
Im ZDF-Sommerinterview am Sonntag legte sich Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nicht fest, ob auch er das Habecks Industriestrompreis-Konzept unterstützt. Hauptaufgabe sei es, die Strompreise "strukturell" zu senken, sagte der Regierungschef. Deutschland werde nicht dauerhaft in der Lage sein, Strompreise zu subventionieren. Die FDP sieht bislang mit Blick auf die Finanzierung einen subventionierten Industriestrompreis skeptisch.
Derzeit gilt die zu Beginn dieses Jahres in Kraft getretene eingeführte Strompreisbremse auch für Unternehmen. Firmen mit einem Stromverbrauch von bis zu 30.000 kWh pro Jahr müssen analog zu Haushaltskunden für einen Großteil ihres Verbrauchs höchstens 40 Cent pro kWh zahlen. Für Industriekunden liegt die Grenze bei 13 Cent zuzüglich Steuern, Abgaben und Umlagen für 70 Prozent des prognostizierten Verbrauchs.
Strompreisbremse läuft bald aus
Stand jetzt läuft die Strompreisbremse Ende dieses Jahres aus. Habeck hatte aber unlängst angekündigt, den Entlastungsmechanismus bis Ostern 2024 verlängern zu wollen. (Die ZfK berichtete.)
In regelmäßigen Abständen ermittelt der Bundesverband der Energie-Abnehmer (VEA) die Strompreise für Sondervertragskunden. Laut der jüngsten Erhebung, die die Organisation im Juli veröffentlichte, sanken die Preise innerhalb eines Jahres um 20,5 Prozent auf knapp 23 Cent pro kWh brutto. Damit seien die Preise jedoch noch längst nicht wieder auf dem Stand wie vor dem Ukrainekrieg, schrieb der Verband.
"Sehr geringe Mengentoleranzen"
"Wegen der Unsicherheiten im Großhandel priorisieren viele Lieferanten derzeit nicht das Neukundengeschäft, einige Anbieter haben es sogar ganz eingestellt", kommentierte VEA-Hauptgeschäftsführer Volker Stuke. "Das bedeutet, dass es für Unternehmen zunehmend schwierig wird, Lieferangebote zu erhalten, selbst wenn sie bereit sind, mit einem Neuabschluss erhebliche Preiserhöhungen zu akzeptieren. Kunden müssen sich auch auf deutliche Verschlechterungen bei den Vertragsbedingungen einstellen, zum Beispiel häufigere Zahlungen in Vorkasse oder sehr geringe Mengentoleranzen."
Wie groß der Einfluss hoher Energiepreise auf die Entwicklung der deutschen Wirtschaft ist, ist übrigens unter Experten umstritten. Bei Vorstellung der neuen Zahlen nannte Analystin Petya Koeva-Brooks vom Internationalen Währungsfonds zuvorderst die negativen Auswirkungen der immer noch hohen Inflation hierzulande auf Realeinkommen. Zudem verwies sie auf die Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank. Die in der vorausgehenden Journalistenfrage angedeuteten Energiepreise kamen in der Antwort dagegen nicht explizit vor. (aba)



