Wenn die fossilen Kraftwerke aus dem System fallen, wird die Frequenzhaltung im Netz schwieriger, da die sogenannten "rotierenden Massen" abnehmen.

Wenn die fossilen Kraftwerke aus dem System fallen, wird die Frequenzhaltung im Netz schwieriger, da die sogenannten "rotierenden Massen" abnehmen.

Bild: © Bruno Maul/AÜW

Von Stephanie Gust

Die europäischen Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) haben den Bericht zur sogenannten Bidding-Zone-Study veröffentlicht. Darin untersuchen sie mögliche neue Zuschnitte der bestehenden Gebotszonen im europäischen Strommarkt. Die Methodik für die Analyse sowie die untersuchten Szenarien wurden von ACER, der europäischen Agentur für die Zusammenarbeit der nationalen Regulierungsbehörden, vorgegeben. Auch die vier deutschen ÜNB waren aktiv an dem Bidding-Zone-Review (BZR) beteiligt.

Zentrales Ergebnis: Bei einer Aufteilung der bisherigen Gebotszone Deutschland/Luxemburg in fünf kleinere Zonen würde laut Berechnungen der höchste monetäre Nutzen von rund 339 Millionen Euro für das Zieljahr 2025 entstehen. Dieser Betrag entspricht jedoch weniger als einem Prozent der simulierten Systemkosten für die Region Zentraleuropa. Insgesamt zeigen die unterschiedlichen Simulationen höhere, wirtschaftliche Effizienz für alle deutsch-luxemburgischen Split-Konfigurationen. Diese liegen zwischen 251 Millionen und 339 Millionen. Zugleich weist der Bericht ausdrücklich darauf hin, dass dieser Nutzen nicht isoliert betrachtet werden darf. 

Bei den nordischen Regionen ergab sich sogar, dass keine der untersuchten alternativen Bidding-Zonen eine höhere wirtschaftliche Effizienz bringen würde. Vielmehr zeigt das Ergebnis eine negative Veränderung der wirtschaftlichen Effizienz für die angedachten Szenarien zwischen zwei Millionen und 35 Millionen Euro im Vergleich zum Status quo für das Zieljahr 2025.

Deutsche Übertragungsnetzbetreiber sehen noch keine Grundlage für Preiszonenaufteilung

Für eine abschließende politische Entscheidung verweisen die Übertragungsnetzbetreiber auf weitere neun wichtige Faktoren. Dazu zählen etwa die Auswirkungen des Netzausbaus nach 2025 oder die Veränderungen bei den Förderkosten für erneuerbare Energien. Diese Aspekte sind ebenfalls Teil des umfassenden Vorschlags der Bidding-Zone-Review-Study.

Auf netztransparenz.de, der gemeinsamen Informationsplattform der deutschen Übertragungsnetzbetreiber, wird betont: "Diese zusätzlichen Faktoren sind entscheidend, um zu bewerten, ob und in welchem Umfang eine neue Gebotszoneneinteilung oder alternative Maßnahmen sinnvoll sind." Aus Sicht der deutschen Übertragungsnetzbetreiber liefert die aktuelle Überprüfung der deutsch-luxemburgischen Gebotszone noch keine ausreichende Grundlage, um eine Aufteilung der Preiszone zu rechtfertigen.

Die nordischen Übertragungsnetzbetreiber schlagen ebenfalls vor, die derzeitige Bidding-Zonen-Konfiguration in Schweden beizubehalten, da das Ergebnis einen negativen Nutzen im Vergleich zum Status quo zeigt.

Stimmen: "Spaltung hätte schwerwiegende wirtschaftliche und energiepolitische Folgen"

"Wir begrüßen die klare ablehnende Positionierung der deutschen Übertragungsnetzbetreiber zum Vorschlag der europäischen Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E)", sagte dazu Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Verbands der kommunalen Unternehmen (VKU). Der Verband lehnt eine Aufteilung der einheitlichen deutsch-luxemburgischen Stromgebotszone entschieden ab. 

"Eine Spaltung hätte schwerwiegende wirtschaftliche und energiepolitische Folgen und würde die angestrebte Energiewende gefährden. Der im Bericht unter rückwärtsgewandten und unvollständigen Kriterien berechnete Wohlfahrtsgewinn steht in keinem akzeptablen Verhältnis zu den Schäden, die entstehen würden. Wir setzen uns dafür ein, dass die Bundesregierung und die EU-Kommission alternative Lösungen finden, um die Netzstabilität zu gewährleisten, ohne die Strompreiszone zu teilen."

"Die Ergebnisse sind nicht überraschend. Die Empfehlung für eine Aufteilung der Stromgebotszonen fällt eher schwach aus. Denn: In einer statischen ökonomischen Betrachtung kann man für eine Aufteilung der bisherigen deutsch-luxemburgischen Strompreiszone Wohlfahrtsgewinne herleiten – jedoch sind diese mit gerade einmal maximal 340 Millionen Euro im betrachteten Referenzjahr gering", sagt etwa Wolfgang Weber, Vorsitzender der Geschäftsführung des Verbands der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI)

Dem stehen drei bis fünf Jahre notwendige Umsetzung inklusive enormer Investitionsunsicherheiten entgegen. "In Summe würden vergleichsweise geringe positive Effekte mit weiteren Verzögerungen beim Ausbau der Energieinfrastruktur und damit langfristig höheren volkswirtschaftlichen Kosten erkauft. Die neue Bundesregierung sollte ihre Ressourcen daher nicht für eine Teilung der Strompreiszone verwenden, sondern den Ausbau und die Digitalisierung der Stromnetze weiter beschleunigen. Das senkt den Redispatch-Bedarf und schafft den technischen Rahmen für die optimale Integration der erneuerbaren Energien mittels Nachfrageflexibilität und Speichern“, so Weber.

"Keine nennenswerten ökonomischen Vorteile"

Auch der Bundesverband der Energie und Wasserwirtschaft (BDEW) sowie der Verband der Automobilindustrie (VDA) plädieren für die einheitliche Stromgebotszone: "Der Bidding-Zone-Review zeigt klar, dass die Idee einer Aufteilung der deutschen Strompreiszone ökonomisch nicht überzeugen kann und kurzfristig nur sehr geringe Einsparungen zu erwarten wären. Demgegenüber würde eine Aufteilung des deutschen Strommarktes in mehrere Preiszonen zu massiven Unsicherheiten für die Industrie führen und zudem das Investitionsklima für erneuerbare Energien erheblich eintrüben – ohne, dass den erheblichen Risiken und signifikanten Kosten nennenswerte ökonomische Vorteile gegenüberstünden", heißt es in dem gemeinsamen Statement der beiden Verbands-Chefinnen Kerstin Andreae und Hildegard Müller.

Beide Verbände erwarten sich von der Bundesregierung, dass sie sich weiterhin nachdrücklich für den Erhalt der einheitlichen Stromgebotszone einsetzt. Denn, so das Argument: "Eine Aufteilung des deutschen Strommarktes würde insbesondere die industriestarken Regionen in Hochpreiszonen für Elektrizität wandeln. Die im internationalen Vergleich ohnehin bereits sehr hohen Stromkosten würden weiter in die Höhe getrieben, die dort ansässigen Unternehmen erheblich benachteiligt und in ihrer Wettbewerbsfähigkeit massiv geschwächt – mit entsprechenden negativen Folgen für Wohlstand und Beschäftigung. Gleichzeitig würde der durch eine Teilung niedrigere Strompreis in Norddeutschland die Erlöse für erneuerbare Energien reduzieren und damit die Anreize für Investitionen in erneuerbare Energien. Der weitere Ausbau erneuerbarer Energien würde sich stärker auf staatliche Förderung verlassen müssen. Eine höhere Belastung des EEG-Kontos beziehungsweise des Bundeshaushaltes wäre die Folge."

"Hochkomplexe jahrelange Umsetzung"

Außerdem sei die Umsetzung einer Gebotszonenteilung hochkomplex und würde sich über Jahre hinziehen. Diese lange Übergangsphase würde zu enormer Planungsunsicherheit sowohl bei Anlagenbetreibern erneuerbarer Energieerzeuger als auch Industrieunternehmen führen. Die Folge: Investitionsentscheidungen könnten verschoben oder sogar ganz überdacht werden – ein Risiko, das sich Deutschland in der Transformation zur Klimaneutralität nicht leisten könne, heißt es weiter.

Zustimmung gibt es auch von politischer Seite: Die baden-württembergische Politikerin Thekla Walker (Bündnis 90/Die Grünen) sieht das Ergebnis einer von ihr im letzten Jahr beauftragten Studie bestätigt: "Die Wohlfahrtseffekte einer Gebotszonenteilung sind sehr gering. Daher überwiegen die negativen Auswirkungen wie insbesondere Transaktionskosten und Verlust der Marktliquidität."

"Die klare Positionierung der neuen Bundesregierung im Koalitionsvertrag für den Erhalt der einheitlichen deutschen Stromgebotszone begrüßen und unterstützen wir ausdrücklich. Nun müssen die richtigen Weichen auf Bundesebene gestellt werden, um den Erhalt auch zukünftig sicherzustellen. Aktuell haben wir die Entscheidung noch in eigenen Händen. Die wichtigste Maßnahme ist und bleibt die Umsetzung des notwendigen Netzausbaus. Auch eine bessere regionale Steuerung der Ansiedlung von erneuerbaren und konventionellen Erzeugungsanlagen ist notwendig. Die neue Bundesregierung muss nun den nationalen Aktionsplan weiter umsetzen und weitere notwendige Maßnahmen identifizieren/umsetzen", so Walkers Apell.

Gegenstimmen: "Trennung in mehrere Gebotszonen ist überfälliger Schritt"

Anders sieht es Bastian Gierull, CEO von Octopus Energy in Deutschland:„Endlich kommt Bewegung in den Strommarkt. Die Empfehlung der Entso-E zur Trennung Deutschlands in mehrere Gebotszonen ist ein überfälliger Schritt hin zu einem ehrlicheren, effizienteren und kundenfreundlicheren Marktdesign. Lokale Preise schaffen nicht nur mehr Transparenz, sondern geben Verbraucher*innen endlich die Möglichkeit, von günstigem Strom direkt vor Ort zu profitieren. Wer Windkraft nebenan hat, sollte nicht den Preis von Kohle aus der Ferne zahlen müssen.“

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