Vergangene Woche hat die Bundesnetzagentur angekündigt, Verfahren gegen 77 Messstellenbetreiber zu eröffnen, weil sie den Rollout intelligenter Messsysteme nicht einmal gestartet haben. In der Konsequenz könnte dies Zwangsgelder für die betroffenen Unternehmen bedeuten.
Schließlich hätten sie bis Ende des letzten Jahres 20 Prozent ihrer Pflichteinbaufälle ausstatten sollen. Aus Sicht der Aufsichtsbehörde ist das ein logisches Vorgehen. Aus Sicht vieler kleiner und kommunaler Messstellenbetreiber ist es Druck auf ein System, das ohnehin unter Spannung steht. Der Rollout ist nicht langsam, weil niemand seine Bedeutung verstanden hätte. Er ist langsam, weil er in Deutschland kein normales Infrastrukturprojekt ist.
Der Rollout ist hochreguliert
Ein intelligentes Messsystem, ist hierzulande kein digitaler Zähler mit Funk, sondern ein streng abgesichertes Gesamtsystem aus Hardware, sicherer Kommunikation und Rollen. IT‑Sicherheit nach Vorgaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Datenschutz, Interoperabilität, Update‑Regime, dokumentierter Betrieb: Dies ist alles wichtig, hat aber einen Preis.
Denn all diese Anforderungen erzeugen erhebliche Fixkosten. Damit entsteht ein struktureller Gegensatz: Kleine Unternehmen haben zu wenig Volumen, um diese Fixkosten wirtschaftlich zu tragen. Große Unternehmen haben zwar Skalenvorteile, aber kämpfen oft mit historisch gewachsenen Datenwelten. Wer klein ist, scheitert eher am "Betriebsmodell", wer groß ist, häufiger an Datenqualität und Datenkonsistenz über Netz, Vertrieb und Messstellenbetrieb hinweg.
Quoten regeln Output – aber nicht die Engpässe
Die Bundesnetzagentur misst, ob Pflichteinbauten als Quote, also als ein Maß für den Output umgesetzt werden. Eine Quote erklärt allerdings nicht, warum es hängt: Terminierung beim Kunden, Monteurkapazität, Prozessautomation, Stammdaten, Störungsmanagement, fehlende Routine in der Gateway‑Administration.
Und Kennzahlen haben Nebenwirkungen: Wenn optionale Einbaufälle die Statistik verbessern, wird schnell die Quote optimiert, statt die Kette zu stabilisieren. Das ist kein moralischer Vorwurf, es ist die Logik von Metriken.
Dabei bleibt ein essenzieller Erfolgsparameter bisher vollkommen außer Acht: Selbst wenn die Prozesskette funktionsfähig etabliert ist, heißt es noch lange nicht, dass ein intelligentes Messsystem auch eine sichere WAN-Kommunikation herstellen kann, sprich, ob es überhaupt seine Basisfunktion erfüllen kann: nämlich Messdaten verlässlich zu übertragen oder gar in eine Steuerungskette integriert zu sein.
Steuerungsrollout noch fragiler als Smart‑Meter‑Rollout
Spätestens mit Einführung der netzorientierten Steuerung 2028 wird klar: Das eigentliche Problem ist nicht der einzelne Zähler, sondern die Steuerkette. In einem derartigen Mehrrollen‑System kann jeder für sich formal regelkonform sein. Trotzdem scheitert das End‑to‑End‑Ergebnis, wenn Zuständigkeiten, Schnittstellen und Zuordnungen nicht passen.
Hier wird Datenqualität zur Sollbruchstelle. Denn netzorientiertes Steuern ist nur so gut wie die Daten, auf denen es beruht: Welche Anlage hängt an welchem Anschluss? Welches Steuerobjekt ist welcher Messlokation zugeordnet? Kommt eine Rückmeldung, dass ein Eingriff wirksam war?
Ortsnetzstationen: Der unterschätzte Hebel
Wenn die Daten aus intelligenten Messsystemen nicht flächendeckend, nicht zeitnah oder nicht zuverlässig genug verfügbar sind, entsteht für den Netzbetrieb ein Problem: Netzorientierte Entscheidungen lassen sich dann nur eingeschränkt datenbasiert begründen und steuern. Genau hier kann die Digitalisierung von Ortsnetzstationen helfen – nicht als Ersatz für intelligente Messsysteme, sondern als netzseitige, robuste Datenbasis, die unabhängig vom Rolloutgrad beim Kunden funktioniert.
Digitalisierte Ortsnetzstationen liefern Messwerte und Ereignisse dort, wo es für die Netzführung zählt. Das ist die Grundlage, um Schwachstellen nicht mehr aus Beschwerden und Bauchgefühl abzuleiten, sondern aus der Betriebslage: Welche Stationen laufen regelmäßig in die Überlast? Wo kippt die Spannung bei Photovoltaik‑Spitzen? Wo zeigen sich Unwuchten durch einseitige Ladeinfrastruktur? Damit wird Steuerung zielgenauer und begründbarer: Statt pauschal irgendwo einzugreifen, lässt sich dort steuern, wo eine Station oder ein Abgang tatsächlich an Grenzen läuft.
Für kommunale Energieunternehmen ist das die unbequeme, aber produktive Konsequenz: Steuerbarkeit ist kein IT‑Projekt, sondern Betriebsfähigkeit. Und parallel gilt: Netzsicht muss nicht warten, bis Millionen intelligente Messsysteme perfekt liefern.
Eine gestufte Strategie scheint realistischer, um erst Transparenz durch digitalisierte Ortsnetzstationen zu schaffen, dann Analytik und Schwachstellenmanagement zu etablieren um schließlich gezielte operative Steuerfähigkeit, gekoppelt mit dem intelligenten Messsystem und Steuerbox‑Ausbau herzustellen.
Vom Blindflug zur Betriebsdatenlage
Es wäre wünschenswert, wenn sich politische EntscheidungsträgerInnen, die in der zweiten Jahreshälfte das Messstellenbetriebsgesetz novellieren wollen, die Frage stellen: Wollen wir intelligente Messsysteme weiter als Pflichtquote verwalten oder endlich als Teil einer netzführungsfesten Daten‑ und Steuerkette betreiben?
Unsere Kolumnistin Constanze Adolf leitet den Stabsbereich Energiewirtschaft: Strategie & Wissen bei Items, einem Dienstleister für die Energiewirtschaft. In der Kolumne "Megawatt & Paragrafen" bringt die promovierte Politologin regelmäßig auf den Punkt, was Stadtwerke, Netzbetreiber und kommunale Entscheider über neue Gesetze, Verordnungen, politische und energiewirtschaftliche Trends wirklich wissen müssen.

