Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA). zeigte sich am Donnerstag in Berlin bei einer Veranstaltung im Auswärtigen Amt auffallend optimistisch. "Die Energiekrise beschleunigt die Transformation zu mehr sauberer Energie", unterstrich er. Die Energiemärkte und -politiken hätten sich durch den Einmarsch Russlands in die Ukraine geändert, und zwar nicht nur vorläufig, sondern für die nächsten Jahrzehnte.
Birol sieht mehrere Treiber für den verstärkten Wandel hin zu sauberer Energie. Zu allererst die Kostenvorteile der erneuerbaren Energien, vor allem der Photovoltaik. "In 95 Prozent aller Länder ist Photovoltaik die kostengünstigste Option", unterstrich Birol. Dazu kommt das Streben nach Energiesicherheit, die Klimaschutzziele der meisten Länder und der Vereinten Nationen sowie die verstärkte massive Förderung des Strukturwandels durch bedeutende Länder.
Neuausrichtung der Industriepolitik in Europa und mehr Kooperation
So nehmen beispielsweise die USA in ihrem Inflation Reduction Act 400 Milliarden Dollar in die Hand, um eine erneuerbare Energieerzeugung und -fertigung, E-Mobilität, Batterieproduktion oder Elektrolyseure zu fördern. Auch das Fit-for-55-Paket der EU und das Repower EU-Programm, Japans Green Transformation-Programm sowie ehrgeizige Erneuerbare-Ziele in Südkorea, China und Indien gingen in dieselbe Richtung, so Birol.
Doch sieht Birol die Notwendigkeit, die europäische Industrie- und Rohstoffstoffpolitik noch verstärkt auf die Sicherung grüner Wertschöpfungsketten auszurichten, sei es beim Ausbau der Photovoltaikfertigung, der Batteriezellproduktion oder der Rohstoffversorgung u.a. mit seltenen Erden und Metallen. "Europa muss seine Industriepolitik neu ausrichten und mehr kooperieren", auch um mit anderen großen Playern wie den USA und China mithalten zu können, so der IEA-Chef.
Gemeinsame europäische Gasbeschaffungsstrategie ausbauen
Russland sieht Birol durch seinen Invasionskrieg auch mittel- und langfristig massiv geschwächt. Er rechnet damit, dass Russlands Anteil am globalen Energiehandel von rund 20 Prozent im Jahr 2021 auf etwa 13 Prozent bis 2030 sinken wird. Russland könne seine Energieexporte, vor allem von Gas, nach Europa nur schwer mit anderen Handelspartnern ausgleichen.
Birol sieht Deutschland und Europa für diesen Winter für die Gasversorgung gut gerüstet, Herausforderung sei der kommende Winter, wo voraussichtlich gar kein russisches Gas mehr nach Europa kommen werde. Umso wichtiger sei neben Energieeffizienz und dem schnelleren Ausbau der Erneuerbaren - eine gemeinsame europäische Gasbeschaffungsstrategie, um die Marktmacht der EU als Pfund zu nutzen, so der IEA-Chef.
LNG-Infrastruktur auf grüne Gase ausrichten
Ausdrücklich lobte Birol den Ausbau der LNG-Infrastruktur in Deutschland im Rekordtempo sowie deren Ausrichtung auf die künftige Versorgung mit grünen Gasen. Dies eröffne auch gute Chancen für Kooperationen mit Lieferländern, beispielsweise in Afrika, um dort die möglichst klimaneutrale Transformation zu stärken. (hcn)



