Der aktuell von der Bundesnetzagentur festgelegte Zinssatz ist immer noch zu hoch – das ist das Ergebnis einer Analyse zum Eigenkapital-Zinssatz. Erstellt hat sie der Wirtschaftsexperte Thomas Wein, Professor an der Universität Lüneburg im Auftrag von LichtBlick und des Bundesverbandes Neue Energiewirtschaft (bne). Lichtblick und der bne haben das Gutachten bereits mit ihren jeweiligen Stellungnahmen bei der Bundesnetzagentur eingereicht.
"Stromleitungen sind der Goldesel der Energiebranche. Die Kosten zahlen die Stromkunden. Die Regulierungsbehörden von Bund und Ländern können und müssen die Traumrenditen der Netz-Monopolisten stärker als geplant senken. Denn auch bei einem niedrigeren Renditeniveau bleiben die nahezu risikofreien Investitionen in Stromleitungen sehr attraktiv“, erklärte dazu Markus Adam, Director Legal bei LichtBlick, seine Position.
Auch bne-Geschäftsführer Robert Busch forderte es müsse Schluss "mit den Geschenken an die Netzbetreiber" sein.
Hintergrund
Die Bundesnetzagentur reguliert die Netzentgelte für den Großteil der Betreiber. Die Bonner Behörde will die Eigenkapitalzinsen kappen. Sie sollen bei Neuanlagen von aktuell 6,91 auf 4,59 Prozent und bei Altanlagen von 5,12 auf 3,03 Prozent reduziert werden.
Erst vor wenigen Tagen ergab eine Umfrage der Kanzlei Becker Büttner Held unter 225 Netzbetreibern, dass 71 Prozent der Teilnehmer – egal welcher Unternehmensgröße – aufgrund der aktuell geplanten Absenkung eine stärkere Verschuldung erwarten. Noch deutlicher fiel die Antwort auf die Frage aus, ob mit dem diskutierten Eigenkapitalzinssatz die Finanzierung der Energiewende darstellbar sei. 51 Prozent haben das ganz entschieden verneint, weitere 23 Prozent gehen ebenfalls davon aus, dass die Finanzierung nicht reiche. Mehr dazu hier.
Berechnungen des Gutachtens
Das Gutachten von Lichtblick und bne widerspricht dem nun. Aus Sicht dieser Analse gibt es keine Notwendigkeit, Zinssätze über das an den Kapitalmärkten erwartete Niveau hinaus festzulegen. Zu hohe Zinssätze würden nicht die Möglichkeiten zur Finanzierung von Betrieb und Ausbau der Leitungen verbessern. Es werden demnach vielmehr Anreize gesetzt, mehr zu investieren als tatsächlich notwendig ist.
Das Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass die von der Bundesnetzagentur vorgeschlagenen Eigenkapitalzinssätze eine klare Obergrenze darstellen und keinesfalls noch höher ausfallen sollten. Wenn die Bundesnetzagentur ihren Ermessensspielraum zugunsten der Verbraucher nutzen würde, könnten die Eigenkapitalzinsen für Neuanlagen sogar auf 3,79 Prozent fallen und wären dann immer noch angemessen, heißt es. Für Altanlagen ist laut den Berechnungen ein Zinsniveau von 2,23 Prozent realitätsnäher. Netz-Investitionen seien für die Betreiber auch dann weiterhin ein lohnendes Geschäft, so die Analyse.
Gegenüber dem Vorschlag der Bundesnetzagentur würden private Stromkunden um zusätzlich 810 Millionen Euro entlastet, gegenüber den aktuellen Zinssatz um rund zwei Milliarden Euro. Das wären pro Haushalt rund zwölf Euro im Jahr, wird darin vorgerechnet.
"Festlegung erfolgt zu früh"
Wie schon seinerzeit für die laufende Regulierungsperiode wolle die Bundesnetzagentur die Zinssätze erneut viel zu früh festlegen, erklärte der bne außerdem. Das habe deutliche Auswirkungen, denn die Zinssätze an den Kapitalmärkten seien seit Jahren sehr gering. In der Festlegung findet eine Rückschau der letzten zehn Jahre statt. Durch die frühe Festlegung würden so auch die deutlich höheren Zinsen aus dem Jahr 2011 noch mitberücksichtigt, moniert der Verband.
Würde die Festlegung erst im nächsten Jahr erfolgen, könnte der Zinssatz nochmals deutlich sinken, da auch die Zinsen des Jahres 2021 sehr niedrig sind. Nach einer Abschätzung des bne könnte damit der Zinssatz mindestens um weitere 0,25 Prozentpunkte niedriger ausfallen.
„Dass die Bundesnetzagentur dann auch noch erwägt, die Zinsen während der laufenden Regulierungsperiode nach oben anzupassen, ist nicht nachvollziehbar. Bei den vorgeschlagenen Zinssätzen ist jetzt schon mehr als genug Luft, um selbst möglicherweise ansteigende Zinsen in den nächsten Jahren aufzufangen“, kritisiert bne-Geschäftsführer Busch. (sg)



