Eine aktuelle Umfrage zum Nest-Prozess zeigt tiefgreifende Sorgen in der Branche. Elf Prozent der befragten Verteilnetzbetreiber rechnen sogar damit, dass der geplante Nest-Prozess zu Kündigungen in der Belegschaft führen könnte.
Die Antworten der Unternehmen werfen ein dunkles Licht auf den geplanten Nest-Prozess. Dabei sind die Befürchtungen der Branche seit langem hoch. Der Nest-Prozess, der federführend von der Bundesnetzagentur umgesetzt wird, ist die Überführung einer EU-Richtlinie auf nationaler Ebene.
Die geplanten Änderungen bewerteten 87 Prozent der befragten Unternehmen als negativ oder sehr negativ. Gerade auf finanzieller Ebene geht ein Großteil der Netzbetreiber von negativen Folgen aus. 88 Prozent erwarten eine Erlösminderung von fünf Prozent oder mehr.
Die allgemeinen Folgen für das jeweilige Unternehmen werden von 95 Prozent als negativ bis sehr negativ bewertet. Jedes zehnte Unternehmen rechnet mit finanziellen Verlusten von mehr als 30 Prozent. Fast 50 Prozent der befragten Betreiber gehen von einem Rückgang von 15 bis 30 Prozent aus.
Energiewende erfordert Mammut-Investitionen
"Die Ergebnisse zeigen eindeutig: Der Nest-Prozess in seiner aktuellen Form gefährdet die Investitionsfähigkeit der Verteilnetzbetreiber – und damit die Energiewende insgesamt", sagt Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des VKU. Die angestrebte Verkehrswende und die Wärmewende würden in vielen Regionen eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Netzkapazität notwendig machen. "Dafür brauchen wir massive Investitionen ins Netz."
Eine ähnliche Einschätzung kommt vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft BDEW: "Für die Bewältigung der Transformationsaufgabe sind erhebliche Investitionen in die Stromnetze zu leisten."
Investitionen von und 255 Milliarden Euro sind laut einer Berechnung des Verbandes bis 2030 notwendig, um die Übertragungs- und Verteilnetze in Deutschland zukunftsfähig auszubauen. Geplant sind über 500 Milliarden Euro. Ungefähr die Hälfte im Bereich der Verteilnetze. Bis 2030 sollen dann 80 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Energiequellen stammen.
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Zur Umfrage: Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) hat 240 Verteilnetzbetreiber befragt, was ungefähr 34 Prozent der Mitgliedsunternehmen mit eigenem Verteilnetz entspricht. Die restlichen 66 Prozent antworteten nicht auf die Fragen des Verbandes. Die Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer hatten vom 8. Juli bis zum 14. Juli 2025 Zeit, auf die Fragen des Verbandes zu antworten. |
Umfrage zeigt, dass die Investitionen wackeln
Vor dem Hintergrund des Nest-Verfahrens geben jedoch 69 Prozent der befragten Unternehmen an, ihre Investitionen ins Netz reduzieren zu müssen. Über 72 Prozent gaben an, bereits eingeplante Maßnahmen zeitlich verschieben zu wollen.
Aufgrund der finanziellen Mehrbelastung erwägen elf Prozent der Unternehmen sogar Einschnitte im Personalbereich. Bei 42 Prozent stehen Leistungskürzungen im Raum. 57 Prozent gaben an, eine Reduktion der Abführungen an ihre kommunalen Eigentümer zu erwägen.
"Wenn Netzbetreiber weniger an ihre kommunalen Eigentümer abführen können, fehlt dieses Geld direkt in den kommunalen Kassen – etwa für Kitas, Schwimmbäder oder den öffentlichen Nahverkehr. Die geplante Regulierung trifft damit nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Menschen vor Ort", warnt Liebing. Die Bundesnetzagentur setze den Rotstift an der falschen Stelle an, so der VKU-Vertreter. Es brauche mehr Investitionen in den Verteilnetzausbau, wenn die Energiewende gelingen soll.
Steigende Bürokratie frisst Gelder der Betreiber
Die Verkürzung des Effizienzabbaupfads auf drei Jahre ist für viele Unternehmen einer der Hauptfaktoren der befürchteten Einbußen. Dadurch steigt die Kostenprüfung um 67 Prozent. Gerade für kleinere Unternehmen spielt auch der Ausschluss vom Opex-Faktor eine Rolle. Dadurch fällt der Betriebskostenausgleich bei den Netzbetreibern weg. Die Verschärfung des sogenannten "Best of four"-Ansatzes nannten ebenfalls einige Unternehmen als Knackpunkt auf finanzieller Ebene.
Der VKU fordert deshalb eine Stärkung des Eigenkapitals der Netzbetreiber. In der aktuellen Form des Nest-Prozesses sieht der Verband "Strukturpolitik durch die Hintertür", die bestimmte Unternehmen benachteilige.
"Der Weg in eine klimaneutrale Energieversorgung gelingt nur, wenn alle Netzbetreiber – ob groß oder klein, städtisch oder ländlich – gleichermaßen investieren können. Dazu muss die Regulierung gezielt befähigen, nicht behindern", fordert Liebing.
Branche fühlt sich nicht gehört
Der Versuch der transparenten Gestaltung des Netz-Transformationsprozesses führte zwar immer wieder zu positiven Stimmen aus der Branche. Jedoch besteht seit Anfang des Prozesses die Kritik, dass die Bundesnetzagentur nicht auf die Einwände aus der Branche eingehe. Es würde zu wenig auf die einzelnen Herausforderungen der Netzbetreiber eingegangen, ist im Hintergrund immer wieder aus den Unternehmen zu hören. Der VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing sprach sogar von einem "toxischen Cocktail" den die Bundesnetzagentur da zusammen mische.
Gegensätzliche Töne kamen zuletzt aus den Reihen der Wissenschaft. Der wissenschaftliche Arbeitskreis für Regulierungsfragen (WAR) nannte das von manchen, vor allem kleineren Unternehmen befürchtete "Stadtwerkesterben" übertrieben.
Haben Sie einen Fehler entdeckt oder wollen Ihre Perspektive zum Nest-Prozess schildern? Dann wenden Sie sich gern an unseren Redakteur Andreas Baumer (a-baumer(at)zfk(dot)de).



