Das Ausmaß der BEV-Pleite ist nicht nur für 312.000 Strom- und Gasverbraucher bundesweit ein finanzieller Schlag, sondern auch für eine unbekannte Zahl von Netzbetreibern, die regulatorisch dazu gezwungen waren, mit ihr Geschäftsbeziehungen einzugehen: Die Bayerische Energieversorgungsgellschaft (BEV) schulde Infrastrukturgesellschaften knapp 58 Mio. Euro, teilte Insolvenzverwalter Axel Bierbach am Mittwoch der Presse mit. Anlass war die Eröffnung des (endgültigen) Insolvenzverfahrens, die bereits im Januar beantragt worden war, sowie Bierbachs Beförderung vom vorläufigen Insolvenzverwalter zum Insolvenzverwalter.
Nach seiner vorläufigen Durchsicht schuldet die BEV etwa 2000 Lieferanten Geld. Dazu gehören Strom- und Gasnetzbetreiber sowie Vermittlungsportale. Die Gesamtverbindlichkeiten belaufen sich auf 207 Mio. Euro. Davon betreffen 54 Mio. Euro ehemalige Kunden. Die BEV schuldet also jedem Ex-Kunden im Schnitt 170 Euro. Zu den Gläubigern gehören demnach auch der Fiskus, Energie-Vorlieferanten sowie Kreditinstitute und Zahlungsabwickler.
"Nicht mit nennenswerter Quote zu rechnen"
Den Großteil davon werden die Gläubiger abschreiben müssen: Ausgezahlt wird an sie wie immer erst am Ende des Verfahrens, und das werde sich "voraussichtlich über mehrere Jahre hinziehen". Bierbach: "Mit einer nennenswerten Quote für die Gläubiger ist aus heutiger Sicht nicht zu rechnen." Ihre Höhe hänge stark davon ab, wie viel die BEV von den 119 Mio. Euro angemeldeten Forderungen gegen die ebenfalls in die Pleite gegangene Schweizer Mutter Genie Holding wiedersehe. "Aber auch dort ist bisher kaum Vermögen gefunden worden", beklagt der Insolvenzverwalter. Er sei "froh, dass es uns überhaupt gelungen ist, das Insolvenzverfahren eröffnen zu können. Nur so kann dieses Unternehmen ordentlich abgewickelt werden, wozu vor allem auch die Durchsetzung von Ansprüchen jeglicher Art, insbesondere Haftungsansprüchen, gehört."
Die finanzielle Basis hierfür war ein mittlerweile zurückgezahlter 3-Millionen-Euro-Kredit mehrerer Creditreform-Gesellschaften an die BEV, um seit Mai die voraussichtlich 600.000 Verbrauchsabrechnungen zu erstellen – und damit abzuschätzen, wie viel Geld zur Insolvenzmasse einzutreiben wäre. Dies sei der Hauptgrund, warum es "außergewöhnlich lange" gedauert habe, bis er sein Insolvenzgutachten abgab, verteidigte sich Bierbach. Es gestalte sich "leider sehr viel aufwändiger als ursprünglich erwartet", die Rechnungen "korrekt und unter Berücksichtigung der Bonusansprüche, soweit zulässig", zu erstellen. Die Pleite war bereits Ende Januar beantragt worden. Die restlichen 200.000 Jahresrechnungen sollen bis kurz vor Weihnachten fertig und verschickt sein. Creditreform macht das vorgerichtliche Inkasso für den BEV-Insolvenzverwalter.
Erst auf Post warten, dann Anmeldeportal nutzen
Die 314.000 Gläubiger unter den Kunden und Lieferanten bekommen die Abrechnungen mit ihren Guthaben "bewusst" erst jetzt nach der im Januar beantragten Insolvenzeröffnung, weil sie sie erst jetzt in die Insolvenztabelle eintragen können. Bierbach hat hierfür ein elektronisches Verfahren über die externe Website www.bev-inso.de organisiert. Per Post will der Insolvenzverwalter alle ihm bekannten Gläubiger zwischen dem 21. Oktober und dem 20. Dezember zur Anmeldung ihrer Forderungen auffordern.
Das Gericht hat für die Anmeldungen eine Frist bis zum 10. Januar gesetzt. Bierbach beruhigt die Insolvenzgläubiger aber: "Es handelt sich dabei nicht um eine Ausschlussfrist. Auch bei späteren Anmeldungen oder Einwänden können diese Forderungen noch berücksichtigt oder auch korrigiert werden."
Bericht an Gläubigerversammlung im Januar
Am 15. Januar jedenfalls muss Bierbach offiziell der Gläubigerversammlung im Insolvenzgericht in München ausführlich über den Stand, die Hintergründe der Insolvenz, die Krisenursachen und das weitere Vorgehen berichten. Die Deutsche Presse-Agentur hatte berichtet, die Kombination aus Discount-Energietarifen und hohen Boni habe der BEV das Genick gebrochen. Vorigen Dezember hätten auf einen Schlag 200.000 Kunden gekündigt. Im Januar wurde dann Insolvenz angemeldet und die Belieferung eingestellt. (geo)



