Wenn die EU ihr Klimaziel erreicht, dürfte die Offshore-Windkapazität bis 2040 sogar auf etwa 180 Gigawatt steigen, hat die IEA berechnet.

Wenn die EU ihr Klimaziel erreicht, dürfte die Offshore-Windkapazität bis 2040 sogar auf etwa 180 Gigawatt steigen, hat die IEA berechnet.

Bild: © Dong

Es soll das grüne Kraftwerk Europas schlechthin werden, bestehend aus tausenden Windkraftanlagen, vor den Nordseeküsten. Doch was genau beschlossen die Energieminister mehrerer Anrainerstaaten zusammen mit Windindustrie und Netzbetreibern beim Nordsee-Gipfel in Hamburg? Ein Überblick:

Wie viel Windkraft soll in der Nordsee installiert werden?

300 Gigawatt (GW) Windkraftanlagen auf See werden bis 2050 in der Nordsee angestrebt. Bis zu 100 GW davon sollen durch Kooperationen zwischen Ländern errichtet werden. Bis zu 20 GW sind bereits von Übertragungsnetzbetreibern und Projektentwicklern geplant und sollen in den 2030er-Jahren ans Netz.

Um den Ausbau zu fördern, streben die Nordsee-Staaten beispielsweise die Sicherstellung einer stabilen Pipeline von Offshore-Wind-Ausschreibungen über das Jahr 2030 hinaus an. So soll der Windenergie- und Netzindustrie Planungs- und Investitionssicherheit gegeben werden. Auch Planungs- und Genehmigungsverfahren sollen weiter vereinfacht werden. Überdies wollen die Staaten bei Finanzierungsfragen stärker zusammenarbeiten.

Im Gegenzug verpflichtet sich die Branche dazu, die Stromgestehungskosten bis 2040 um 30 Prozent zu reduzieren, in Europa bis 2030 9,5 Milliarden Euro in neue Produktionskapazitäten zu investieren und 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen.

Von den festgehaltenen GW-Zielen ist man übrigens aktuell noch weit entfernt. Stand Oktober 2025 hatten die Anrainerstaaten nach Angaben des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie ungefähr 35 GW Leistung installiert. Die größte Kapazität hat Großbritannien mit rund 15 GW. Auf Deutschland entfallen 7,3 GW und auf die Niederlande 4,5 GW.

Inwiefern decken sich die Pläne mit den Vorhaben von Schwarz-Rot?

Bereits im Koalitionsvertrag ist zu lesen, dass die schwarz-rote Koalition mit anderen Nordseeanrainerstaaten kooperieren wolle, "um erzeugungsoptimale Flächenkulissen zu entwickeln".

Insgesamt sind in Deutschland derzeit 9,2 GW Windkraft auf See installiert. Bis 2030 sollten es 30 GW sein und bis 2045 sogar 70 GW. Diese Zahlen stammen allerdings noch aus der Ampel-Zeit.

Im schwarz-roten Koalitionsvertrag heißt es dazu nur: "Im Offshore-Bereich werden wir uns der sogenannten Abschattungsproblematik annehmen." Zur Erklärung: Werden Windkraftanlagen zu dicht aneinandergereiht, nehmen sie sich gegenseitig Winderträge.

Im Zehn-Punkte-Papier von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) war zudem zu lesen, dass es Anpassungen bei der Offshore-Kapazität bedürfe. Gemeint war wohl eine Anpassung nach unten.

Was fordert die Energiewirtschaft?

"Der Offshore-Wind-Ausbau in der Nordsee ist und bleibt ein Schlüsselelement der Energiewende in Deutschland und Europa", teilte der Energieverband BDEW mit. "Entscheidend ist jetzt, den weiteren Ausbau nicht nur ambitioniert, sondern auch volllaststundenoptimiert und damit noch kosteneffizienter zu gestalten, ohne das 70-Gigawatt-Ziel bis 2045 aus den Augen zu verlieren." Ein zentraler Hebel für die Steigerung der Kosteneffizienz sei die weniger dichte Bebauung und die Nutzung und Anrechnung ausländischer Flächen.

Der Stadtwerkeverband VKU fordert einen Realitätscheck beim Ausbau der Windenergie auf See. Es brauche klare Leitplanken, teilte er mit. "Netzausbau durch Überbauung minimieren, Verschattung vermeiden und dadurch Netzauslastung maximieren, sowie Ausschreibungen reformieren."

Aus seiner Sicht ist eine Senkung der Offshore-Ziele von 70 auf 45 bis 50 GW Leistung "vernünftig und verantwortbar".

Wie interessiert ist die Kommunalwirtschaft an Offshore-Investitionen?

Nur wenige Stadtwerke haben bislang in Windparks auf See investiert, auch weil Investitionen in solche Projekte als kostspielig gelten. Die prominentesten Beispiele sind der Regionalversorger EWE, die Stadtwerke-Kooperation Trianel, die Stadtwerke München und die Darmstädter Entega.

Grundsätzliches Interesse an neuen Investitionen werden EWE, den Hamburger Energiewerken, Trianel und den Stadtwerken München nachgesagt. In der Vergangenheit forderten sie jedoch Änderungen des Ausschreibungsdesigns – etwa kleinere Flächen und mehr Akteursvielfalt.

Welches Potenzial haben Windparks in der Nordsee für Deutschland?

Nach Angaben der Plattform Energy-Charts produzierten Windkraftanlagen auf See fünf Prozent der Stromlast in Deutschland. Der Anteil der Windkraft auf See am Strommix könnte bis 2045 Prognosen zufolge auf etwa 20 Prozent steigen.

Wie läuft der Ausbau der Windkraft auf See derzeit in Deutschland?

Geht so. Während eine Flächen-Ausschreibung im Juli 2023 noch eine gigantische Gesamtsumme von 12,6 Milliarden Euro einbrachte (die Ölkonzerne BP und Total Energies hatten alle anderen ausgestochen), gab es im Sommer 2023 exakt null Gebote.

Der Bundesrat hatte jüngst die Bundesregierung aufgefordert, die für Mitte 2026 vorgesehenen Ausschreibungen für Windkraft auf See um ein halbes Jahr zu verschieben und bis dahin das Ausschreibungsdesign zu reformieren.

Welche Rolle spielt die Sicherheit beim Ausbau der Windkraft auf See?

Eine große. Mit dem Ausbau der Windenergie-Gewinnung soll auch die Sicherheit der Energieinfrastruktur in der Nordsee gestärkt werden. "Nicht erst seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sehen wir zunehmende Angriffe auf unsere kritische Infrastruktur", sagte Bundeswirtschaftsministerin Reiche. Stromnetze, Pipelines, wichtige Datenkabel, die für die digitale Souveränität des Kontinents von entscheidender Bedeutung seien, würden angegriffen "und deshalb ist zum ersten Mal die Nato hochrangig hier vertreten".

Welche Länder nahmen am Nordsee-Gipfel überhaupt teil?

Insgesamt zehn Staaten. Konkret waren es sieben Nordsee-Anrainer (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Niederlande, Belgien, Dänemark, Norwegen) sowie Irland, Island und Luxemburg. Letztere drei haben zwar keinen Meter Küste, beteiligen sich aber an der Windkraftfinanzierung.

Was sagen Umweltverbände zu den Plänen?

Sie fordern, dass der Ausbau der Windkraft nicht zulasten der Natur gehen darf. "Einige Akteure haben beim Ausbau der Windenergie auf See das Maß verloren", sagt der Meeresexperte des Naturschutzbundes (Nabu) Kim Detloff. "Ökologische Auswirkungen von massiven Lebensraumverlusten vieler Seevögel bis zu irreversiblen Veränderungen des Ökosystems Nordsee drohen unbeherrschbar zu werden." Das Narrativ des "Kraftwerks Nordsee" sei fatal.

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