Die hohen Strompreise für die deutsche Wirtschaft treiben das politische Berlin um. Diese Woche veröffentlichte das von Robert Habeck geführte Bundeswirtschaftsministerium eine Grafik, wonach die Bezugskosten der Industrie hierzulande deutlich höher sind als die in den beiden größten Volkswirtschaften der Welt, USA und China.
Demnach kostet die Megawattstunde (MWh) in Deutschland trotz staatlicher Entlastungsmaßnahmen dieses Jahr zwischen 101 und 114 Euro. In China sind es zwischen 55 und 69 Euro und in den USA sogar nur zwischen 44 und 49 Euro. Folglich ist der Industriestrom in Deutschland dieses Jahr mehr als doppelt so teuer wie in den Vereinigten Staaten.

Auch Frankreich deutlich günstiger
Auch im Vergleich zum westeuropäischen Nachbarn Frankreich ist die deutsche Industrie demnach massiv im Nachteil. Dort kostet Industriestrom dank starker staatlicher Entlastungsmaßnahmen zwischen 53 und 64 Euro pro MWh.
Als Quelle nennt das Ministerium die skandinavische Beratungsgesellschaft AFRY. Die dargestellten Werte seien Preisspannen, die sich auf den tatsächlich gezahlten Strompreis bezögen. Mit eingeschlossen seien alle Ausnahmeregelungen für ein großes Unternehmen der Chemie-, Stahl- und metallverarbeitenden Industrie mit konstantem Lastprofil.
2019 noch anderes Bild
Die dargestellten Preise enthielten sämtliche in den Märkten üblicherweise anfallenden Netzentgelte, Abgaben und Steuern. Die jeweilige Mehrwert- und Umsatzsteuer sei ausgenommen.
Zum Vergleich: Im letzten Vor-Corona-Jahr 2019 war der deutsche Industriestrompreis noch wettbewerbsfähig. Demnach kostete die MWh damals hierzulande zwischen 38 und 42 Euro.
Billigstromland USA
In Frankreich waren es zwischen 44 und 54 Euro und in China zwischen 58 und 69 Euro pro MWh. Günstiger waren laut AFRY nur die USA. Dort zahlte die Industrie zwischen 30 und 39 Euro pro MWh.
Bereits im Frühjahr hatte Sachsenenergie-Chef Frank Brinkmann im ZfK-Podcast "Jetzt mal unter uns" (Episode 23) vor den Folgen anhaltend hoher Energiepreise für den Standort Deutschland gewarnt. Dies werde man bei langfristigen Investitionsentscheidungen in der Industrie schon spüren, sagte er.
Werben für Industriestrompreis
Ähnlich äußerte sich Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff. Ordnungspolitisch seien staatliche Subventionen für einzelne Sektoren "nicht gut", sagte der CDU-Politiker im Gespräch mit der ZfK. "Andererseits müssen wir die internationale Wettbewerbsfähigkeit zur Kenntnis nehmen. Und da müssen wir feststellen, dass große Teile der Welt unsere ordnungspolitischen Vorstellungen nicht respektieren und in verschiedenen Sektoren massiv subventionieren, zum Beispiel bei der Ansiedlung von Großinvestitionen."
Bereits im Mai hatte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck einen staatlich vergünstigten sogenannten Brückenstrompreis für energieintensive Unternehmen vorgeschlagen. Die FDP lehnt die Pläne bislang ab. Auch Bundeskanzler Scholz von der SPD äußerte sich skeptisch.
Neue Industriestrategie
Diese Woche erneuerte Habeck seine Forderung bei der Vorstellung seiner neuen Industriestrategie. Zuspruch erhielt er am Mittwoch einmal mehr von der Industriegewerkschaft IGBCE.
Deren Vorsitzender Michael Vassiliadis sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass ein Brückenstrompreis ein zentraler Baustein der Industriestrategie sei. "Denn um die Deindustrialisierung der energieintensiven Industrien aufzuhalten und die Transformation hin zu Klimaneutralität zu schaffen, brauchen wir den sehr dringend", sagte er. "Richtig und wichtig ist, dass in der Strategie vorgesehen ist, finanzielle Förderung von Industrieunternehmen an Garantien für den Erhalt von Standorten zu knüpfen und Tarifbindung zur Bedingung zu machen." (aba/dpa)



