Auf einer gut 14 Hektar großen Fläche, drei Kilometer vom Tutzinger Stadtteil Monatshausen (Oberbayern) entfernt, werden bald Schafe zwischen Photovoltaik-Modulen weiden. Im März oder April könnte die Agri-PV-Anlage die Baugenehmigung erhalten, im optimalen Fall geht sie noch 2026 ans Netz.
"Bürgerenergiepark am Oberen Hirschberg" nennt sich dieses Projekt am Starnberger See, das zuerst in der Hand der Energiegenossenschaft Fünfseenland (EGF) lag und dann von der Genossenschaft "Bürgerenergie Tutzing" (BET) übernommen wurde.
"Wir wollten vor allem die Vorteile der Bürgerenergiegesellschaft nach EEG nutzen", so BET-Vorstand Marco Lorenz. Das wäre mit der EGF nicht gegangen, da diese mehrere EEG-geförderte Projekte hat. Für Bürgerenergiegesellschaften ist aber nur ein EEG-gefördertes Projekt innerhalb von drei Jahren erlaubt.
Netzdienlicher Speicher mit KI-Steuerung
Das Besondere am Tutzinger Projekt: Dort entsteht keine einfache Agri-PV-Anlage, sondern ein Sektoren-koppelndes System aus Erzeugung, Speicherung und Verbrauch vor Ort. Zu Bauabschnitt I gehört die eigentliche Agri-PV, eine Zaunanlage mit senkrecht aufgestellten Paneelen, die morgens und abends viel Strom erzeugt – dann, wenn schräg nach Süden ausgerichtete Anlagen schwächeln und der Strombedarf gleichzeitig hoch ist.
Hinzu kommt ein netzdienlicher 16-Megawattstunden-Speicher. Über eine KI-gestützte Software, die Vertriebs- und Prognosemodelle nutzt, soll in Überschusszeiten Strom günstig eingekauft werden, um ihn, wenn er teuer ist, wieder zu verkaufen (Arbitrage).
Wenn der produzierte Strom direkt dorthin fließt, müssen wir keine Netzentgelte zahlen – ein erheblicher wirtschaftlicher Vorteil.
Ladestation an der Bundesstraße
Weiteres Element: eine Ladestation für 10 Pkw und 10 Lkw oder Busse. "Wenn der produzierte Strom direkt dorthin fließt, müssen wir keine Netzentgelte zahlen – ein erheblicher wirtschaftlicher Vorteil", sagt Lorenz.
Für ausreichend Nachfrage dürfte gesorgt sein: Auf der B2, an der die ganze Anlage steht, sind täglich 15.000 Fahrzeuge unterwegs, rund sieben Prozent davon Lkws und Busse. Die Ladestation folgt auch dem Grundsatzbeschluss des Landkreises Starnberg, wonach der gesamte ÖPNV zu elektrifizieren ist und Gemeinden Infrastruktur aufbauen sollen.
Für 2027/28 ist Bauabschnitt 2 geplant: ein Großspeicher mit 80 bis 100 Megawattstunden (MWh) und ein Umspannwerk mit Anbindung ans Hochspannungsnetz. Der Park soll bereit sein für Erweiterungen, einen Elektrolyseur, einen Windpark oder einen zweiten Solarpark.

Bürger sollen Großteil finanzieren
Abschnitt 1 kostet 5 bis 6 Millionen Euro, Abschnitt 2 grob geschätzt 20 Millionen. Der Energiepark soll so weit wie möglich mit Bürgerbeteiligungen finanziert werden, im Idealfall komplett. Stand Mitte Januar zählt die Genossenschaft 245 Mitglieder mit einer Beteiligungssumme von 326.000 Euro.
Das reicht natürlich nicht, aber die Finanzierung geht jetzt im Februar auch erst richtig los. Nachrangdarlehen werden aufgelegt, es können auch Anteile über 20.000 Euro gezeichnet werden. Ob die Genossenschaft tatsächlich ohne Bankkredite auskommt, steht im März oder April fest.
Lorenz sieht in dem Park eine "sichere Investition mit attraktiven Renditen". Die Tutzinger Bürgerschaft hat begonnen, ihre Energieversorgung in die eigenen Hände zu nehmen, aber es gibt noch viel zu tun. Die Anlage am Oberen Hirschberg deckt bilanziell rund 16 Prozent des Tutzinger Strombedarfs ab. Langfristig sollen genossenschaftliche Anlagen 100 Prozent abdecken können – auf dem Gemeindegebiet und in der näheren Umgebung.
Stromliefervertrag über zehn Jahre
Der Agri-Solarpark, den die Stadwerke Münster im Stadtteil Amelsbüren bauen, ist mit 13,2 Hektar ähnlich groß wie der am Starnberger See. Ständerwerk und Module sind bereits fertig montiert, jetzt laufen die Erdarbeiten: Kabel verlegen, die Anlage ans Netz anschließen. Mitte März soll die bodennah aufgeständerte 2P-Tracking-Photovoltaikanlage mit bifazialen Modulen in Betrieb genommen werden. Bifaziale Solarmodule erzeugen Strom auf Vorder- und Rückseite.
Abnehmerin des gesamten jährlich erzeugten Stroms von rund 5,75 Gigawattstunden ist die Fraunhofer-Einrichtung Forschungsfertigung Batteriezelle gleich nebenan auf der anderen Seite des Dortmund-Ems-Kanals. "Das Power Purchase Agreement gilt für zehn Jahre, dadurch wird das Projekt für uns wirtschaftlich", so Maximilian Wolf, Abteilungsleiter Erneuerbare Energien.
Die Fraunhofer FFB hatte eine direkte Strombelieferung ausgeschrieben. Dass sich die Infrastrukturkosten wegen der kurzen Wege im Rahmen hielten, habe für das Angebot der Stadtwerke gesprochen. Wichtig findet Wolf bei PPA eine Netzanschlusszusage, selbst wenn 100 Prozent des erzeugten Stroms an den Vertragspartner fließen sollen. Ist das doch nicht so, wird der überschüssige Strom ins öffentliche Netz gespeist.

Zusätzliche Finanzierungswege
Mit der Inbetriebnahme im März startet eine Bürgerbeteiligung per Nachrangdarlehen. Was nicht nur die Akzeptanz solcher Projekte erhöhe. "Wir stecken mitten in einem großen Wandel und investieren so viel wie nie zuvor in die Energie-, Wärme- und Mobilitätswende. Um dieses historische Investitionsprogramm stemmen zu können, brauchen wir zusätzliche Finanzierungswege."
Grundsätzlich sei Agri-PV eine vielversprechende Kombination: die effiziente Bodennutzung, dazu breite Akzeptanz bei Bevölkerung, Landwirten, Landwirtschaftskammern und Genehmigungsbehörden. "Die Flächen lassen sich zudem vergleichsweise leicht sichern, Planung und Bau gehen deutlich schneller als bei Windenergieprojekten." Wolf hält sogar einen Agri-PV-Boom für möglich. Dafür braucht es aber klare Rahmenbedingungen und, da die Doppelnutzung der Flächen technisch aufwändiger ist, zusätzliche Förderung.
Zukunft der Agri-PV-Förderung
Bundesregierung bestätigt Fortschreibung des Agri-PV-Bonus
Im EEG‑Entwurf 2027 bleiben Agri‑PV‑Anlagen als eigenständige Kategorie mit höheren Vergütungssätzen erhalten. Der bestehende Technologiebonus wird in das neue Ausschreibungs‑ und CfD‑System integriert, statt auf Standardniveau abzusinken. Deutschland bestätigt damit Agri‑PV als gewünschte Doppelnutzung von Flächen mit höherer Förderung – Details zu Cent‑Werten und Degression werden aber erst im weiteren Gesetzgebungsverfahren geklärt. Das sogenannte Solarpaket unter der Ampel-Koalition hatte eine gegenüber dem EEG 2023 um 2,5 Cent pro Kilowattstunde erhöhte Vergütung von 9,5 Cent pro Kilowattstunde festlegt. Allerdings hatte die EU-Kommission die Regelung nie genehmigt, sie wurde daher nie gültig. Mit dem EEG 2027 hätte die neue Bundesregierung nun erneut die Chance, eine Genehmigung der EU einzuholen.
Erhöhte Vergütung zentral für Projektplanung
Die mittlerweile fast zwei Jahre andauernde Hängepartie um die EU-Genehmigung des Solarpakets ist auch für Stadtwerke ärgerlich. In Heidenheim war die erhöhte Vergütung von Beginn an zentraler Bestandteil der Projektplanung, so Pressesprecherin Viktoria Liske. "Sie ist für die Umsetzung solcher Projekte auch zwingend erforderlich, denn Agri-PV-Anlagen sind wegen der zusätzlichen technischen Anforderungen und der gleichzeitigen landwirtschaftlichen Nutzung teurer als konventionelle Freiflächen-PV-Anlagen. Der zusätzliche technische und planerische Aufwand lässt sich nicht allein über den Marktpreis abdecken." Mit Blick auf die anstehende EEG-Novelle hält der Kommunalversorger aber am Projekt fest.
Zwar ist das Amelsbürener Projekt in Münster wegen des PPA wirtschaftlich nicht von der Hängepartie betroffen, aber die dortigen Stadtwerke planen auch andere Agri-PV-Projekte, zum Beispiel ein Vorhaben am Flughafen Münster-Osnabrück. "Die EU-Genehmigung muss bald kommen, denn sie brächte endlich mehr Planungssicherheit", so Maximilian Wolf. Ohne die EU-beihilferechtliche Genehmigung könne Agri-Photovoltaik ihr Potenzial nicht entfalten und bleibe eine Nischentechnologie.
Beim Tutzinger Agri-PV-Projekt hatte die Aussicht auf erhöhte Vergütungen ursprünglich auch eine Rolle gespielt. BET-Vorstand Lorenz sieht das Thema aber gelassen: "Wir warten nicht darauf. Falls sie doch noch rechtzeitig kommt, ist es uns recht. Das Projekt funktioniert aber auch ohne den Agri-PV-Bonus."






