Am 28. April 2025 um 12:33 Uhr brach auf der Iberischen Halbinsel das Stromsystem zusammen. Es war der schwerste Stromausfall in Europa seit mehr als zwei Jahrzehnten. Weite Teile Spaniens und Portugals blieben bis in die frühen Morgenstunden ohne Strom.
Am Freitag veröffentlichte der Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber Entso-e – und damit fast ein Jahr später – nun seinen Abschlussbericht. Und der hält auch Lehren für Deutschland bereit.
Nicht ein Auslöser, sondern viele
Der Abschlussbericht stellt klar: Es gab nicht den einen Grund für den Blackout. Verantwortlich war ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Im Kern stand ein Problem mit der Spannung im Stromnetz. Spannung ist – vereinfacht gesagt – der "Druck", mit dem Strom durch Leitungen fließt. Sie muss in engen Grenzen gehalten werden, sonst schalten sich Anlagen zum Schutz automatisch ab.
Genau das passierte in Spanien: Die Spannung stieg zu schnell und zu stark. Jutta Hanson, Professorin an der TU Darmstadt erklärte am Freitag bei einem Experten-Talk des Science Media Center: "Die konventionellen Kraftwerke haben nicht geleistet, was sie sollten. Die Erneuerbaren haben gar nichts zur Spannungshaltung beigetragen. Für einen manuellen Eingriff blieb keine Zeit."
Als Netzbetreiber versuchten, frühere Netzoszillationen – also rhythmische Schwankungen im System – durch das manuelle Abschalten von Drosselspulen zu dämpfen, stiegen die Spannungen weiter. Drosselspulen sind Bauteile, die aktiv die Spannung im Netz regulieren. Das Ergebnis war eine Kettenreaktion: Anlage nach Anlage schaltete sich ab, bis das gesamte Netz der Iberischen Halbinsel zusammenbrach.
Der Entso-e-Bericht benennt dazu ein strukturelles Problem: Das spanische Netz läuft bei höheren Spannungen als andere europäische Netze. Der Sicherheitspuffer zwischen normalem Betrieb und automatischer Abschaltung war daher ungewöhnlich klein.
Solarstrom war nicht schuld
Frühe Berichte hatten Solarenergie als Ursache genannt. Das lässt sich nun klar widerlegen. Leonhard Gandhi vom Fraunhofer ISE erklärte beim Science Media Center: Ein Überangebot an Solarstrom habe es nicht gegeben. Die Verwechslung entstand, weil erste Grafiken die Stromexporte nicht berücksichtigt hatten.
Das bedeutet aber nicht, dass Solaranlagen keine Rolle spielen. Sie könnten technisch zur Spannungsregelung beitragen – taten es zum Zeitpunkt des Ausfalls aber nicht. Gandhi verwies auf fehlende Anreize und unzureichende Vorschriften, besonders für kleine PV-Anlagen auf Hausdächern.
Hinzu kommt: Mehrere konventionelle Kraftwerke speisten laut Bericht deutlich weniger sogenannte Blindleistung ein als vorgeschrieben. Blindleistung ist eine Form elektrischer Energie, die nicht direkt verbraucht wird, aber für eine stabile Spannung im Netz notwendig ist. Die Unterschreitung der Vorgaben blieb folgenlos, weil weder eine engmaschige Kontrolle noch finanzielle Strafen vorgesehen waren.
Offene Fragen, lösbare Probleme
Christian Rehtanz, Professor an der TU Dortmund betonte, dass der Bericht die wichtigsten Ursachen benennt – aber nicht alle Fragen beantwortet. Besonders die Netzoszillationen kurz vor dem Blackout sind noch nicht vollständig verstanden.
Hanson bezeichnete das als "große Forschungsfrage": Moderne Wechselrichter – also die elektronischen Bauteile in Solaranlagen und Windparks, die Strom in die richtige Form für das Netz umwandeln – haben eigene Schwingungseigenschaften. Wie diese unter bestimmten Bedingungen mit dem Gesamtnetz interagieren, ist noch nicht ausreichend erforscht. Das betrifft auch Deutschland, wo in den kommenden Jahren viele neue Hochspannungsleitungen ans Netz gehen.
Was kurzfristig zu tun ist, liegt dagegen auf der Hand: Schutzeinstellungen überprüfen, Kraftwerke zur Einhaltung ihrer Verpflichtungen zwingen, manuelle Eingriffe automatisieren. Der Bericht formuliert 21 Empfehlungen – freiwillig, aber als Grundlage für künftige Regulierung gedacht.
Deutschland ist besser aufgestellt – aber nicht ohne Risiken
Einen vergleichbaren Zusammenbruch in Deutschland hält Rehtanz für sehr unwahrscheinlich. Die deutschen Übertragungsnetze halten größere Sicherheitspuffer.
Netzbetreiber haben zudem vorgesorgt: Als das Kernkraftwerk Biblis im Rhein-Main-Gebiet abgeschaltet wurde, konnte die Spannung in der Region nicht mehr gehalten werden. Das Kraftwerk etwa wurde daraufhin zu einem reinen Spannungsstützer umgebaut – also einer Anlage, die keinen Strom mehr erzeugt, aber das Netz stabilisiert.
Dennoch sieht Wissenschaftler Rehtanz strukturelle Parallelen. Auch in Deutschland reagieren bisweilen nur Teile der Wind- und Solarparks zuverlässig auf Steuersignale der Netzbetreiber. Die Zahl von 50 bis 70 Prozent sei aus der Branche zu hören. Das Solarspitzengesetz von 2024 habe erste Verbesserungen gebracht, aber das Problem der lückenhaften Kontrolle sei noch nicht gelöst. "Wer nicht reagiert, muss vom Netz abgeschaltet werden können", sagte Rehtanz.
Kohleausstieg unter Vorbehalt
Der Spanien-Blackout stellt auch eine unbequeme Frage für die deutsche Energiepolitik: Was passiert, wenn Kraftwerke fehlen, die das Netz stabilisieren?
Konventionelle Kraftwerke liefern nicht nur Strom. Sie sorgen auch für Frequenzstabilität und Spannungsstützung – Aufgaben, die Erneuerbare bisher nur bedingt übernehmen. Rehtanz machte beim Science Media Center deutlich: "Wenn die Gaskraftwerke nicht kommen, werden wir die Kohlekraftwerke in Betrieb halten müssen."
Batteriespeicher und andere neue Technologien können diese Aufgaben langfristig übernehmen. Bis dahin aber blieben konventionelle Kraftwerke unverzichtbar. Auch auf Nachbarländer zu setzen, sei keine Lösung: Wenn es in Frankreich oder Polen eng werde, würden diese Deutschland nicht bevorzugt beliefern.
Hanson ergänzte: Das Netz werde mit dem heutigen Stand der Technik allein durch Erneuerbare nicht stabil funktionieren. Die Prinzipien, wie etwa netzbildende Wechselrichter, stimmten zwar. Der Beweis, dass sie im großen Maßstab verlässlich funktionieren, fehle aber noch.
Systemverantwortung als neue Aufgabe
Auch aus der Energiebranche selbst kamen Einschätzungen. Amprion-CTO Hendrik Neumann schrieb in einem Linkedin-Kommentar zum Bericht, Deutschland sei gut aufgestellt. Aber technische Maßnahmen im nationalen Rahmen allein reichten nicht aus. Auch die europäischen Netzanschlussregeln – also die Vorschriften, unter welchen Bedingungen Kraftwerke und Solaranlagen ans Netz dürfen – müssten dringend angepasst werden.
Das übergreifende Signal des Abschlussberichts: Die Energiewende hat eine neue Stufe erreicht. Erneuerbare Energien sind inzwischen so dominant, dass sie auch Verantwortung für die Netzstabilität tragen müssen.
Fraunhofer-ISE-Experte Gandhi brachte es beim Science Media Center auf den Punkt: Es seien lösbare Probleme. Die Technologie sei vorhanden. Was fehle, seien klare Regeln und konsequente Umsetzung. Der Blackout in Spanien war ein Weckruf – nicht nur für die Iberische Halbinsel, sondern für die gesamte europäische Energiewende.






