Laut heutigen Berechnungen beläuft sich der Fachkräftemangel in Deutschland bis 2035 auf rund fünf Millionen Menschen. Eine Zahl, die deutlich macht, dass es für fehlende oder fehlerhafte Mitarbeiterbindung keinen Platz mehr gibt.
Auch beim jüngst stattgefundenen BDEW-Kongress wurde das zukunftsrelevante Thema diskutiert. Der Tenor der Runde: Fachkräfte zu finden, sie an das Unternehmen zu binden und in diesem weiterzubilden, muss zukünftig einen noch deutlich höheren Stellenwert erreichen, als es aktuell der Fall ist.
"Ohne Wertschätzung keine Wertschöpfung"
Laut Claudia Michalski, Geschäftsführerin der Beratungsfirma OpenMind Management Consulting, gehört Mitarbeiterbindung inzwischen mit zu den wichtigsten Aufgaben eines Unternehmens. In Zeiten, in denen die Wechselbereitschaft von Arbeitnehmern ein noch nie da gewesenes Hoch erreicht hat, gebe es ohne eine entsprechende Wertschätzung auch keine Wertschöpfung mehr.
Die Weiterentwicklung und -bildung von Führungskräften in sozialen Kompetenzen berge deshalb enormes Potenzial. „76 Prozent aller Wechselnden, die ein Unternehmen auf eigenen Wunsch hin verlassen, tun das nicht wegen der Arbeitsbedingungen oder der Arbeitsinhalte. Sie gehen wegen der Vorgesetzten“, betont Michalski.
Der Wunsch nach einem Grund
Ähnlich sieht Milan Maus, Geschäftsführer des Beratungsagentur Paul Willi Holze & Milan Maus, die aktuelle Situation des Arbeitsmarktes. Sein Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, Nachwuchskräfte aus jüngeren Generationen und Firmen zusammenzubringen.
Für junge Menschen sei die Sinnhaftigkeit eines Berufes und damit verbunden auch das Gefühl, gerne zur Arbeit zu gehen und dort gewertschätzt und gebraucht zu werden, besonders wichtig. Maus sieht es als komplexe, aber wichtige Aufgabe für Unternehmen, Tätigkeiten künftig flexibler zu gestalten und sie möglichst individuell an die Werte und Motive der einzelnen Arbeitnehmer anzupassen.
Durch Feedback gemeinsam ans Ziel
Um eventuellen Problemen im Unternehmen entgegenzuwirken, müssen diese zunächst als solche wahrgenommen werden. Es braucht die Kommunikation zwischen Angestellten und Vorgesetzten. Ein Vorgang, der aber oft daran scheitert, dass Mitarbeitende erst dann ehrlich aussprechen, was sie stört, wenn sie das Unternehmen bereits verlassen.
Diesen Kreislauf gilt es zu durchbrechen, sagt Michalski. Eine offene Feedbackkultur sei dafür der Schlüssel. Dieser könne aber nur dann greifen, wenn das Interesse der Fachkräfte an ehrlichem Feedback und Verbesserungsvorschlägen als glaubwürdig empfunden wird.
Glaubwürdigkeit statt "Culturewashing"
Eine in den letzten Jahren fast schon zum Trend gewordene Bemühung von Unternehmen sind die sogenannten Kulturprozesse. Mal nur in einzelnen Abteilungen, mal in der ganzen Firma initiieren Personaler und Vorgesetzte Workshops mit dem Ziel, eine neue, frische Unternehmenskultur zu etablieren.
Ein Ansatz, der durchaus sinnvoll sein kann, dem aber auch die tatsächliche Umsetzung folgen muss. Nutzt ein Unternehmen den Prozess nur zum Schein, um gefragte Werte nach außen hin zu propagieren, die nach innen dann nicht gelebt werden, verliert es seinen Mitarbeitern gegenüber die Glaubwürdigkeit. (hb)




