Ein normaler Winter mit spürbaren Folgen: Die niedrigen Gasspeicherstände erhöhen den Druck auf Markt und Politik. Dennis Warschewitz von Enerchase warnt im Interview mit der ZFK vor neuen Preissprüngen und einer wachsenden strategischen Abhängigkeit.
Herr Warschewitz, Deutschlands Gasspeicherfüllstand liegt unter 42 Prozent – ein Tiefststand für Januar seit 2011. In welchem der drei Ines-Szenarien bewegen wir uns gerade?
Dennis Warschewitz: Wir sind vermutlich zwischen Basis-Szenario und angespanntem Szenario. Vom Temperaturverlauf liegen wir rückblickend was den November und Dezember angeht auf dem langjährigen Durchschnitt. Der Januar wird voraussichtlich leicht kühler, aber nicht extrem kalt wie 2010. Das Jahr ist das Referenzjahr Extremwetter in den Ines-Szenarien. Für den Februar haben wir noch keine verlässlichen Prognosen. Es sieht derzeit nach einem nicht extrem kalten Start in den Februar aus.
Das zu Beginn dieser Woche noch befürchtete Wetterphänomen "Beast from the East" scheint vorerst doch nicht einzutreten. Von daher dürfte es auf einen eher normalen Winter hinauslaufen mit einer leichten Tendenz zu etwas kühleren Durchschnittstemperaturen. Damit wäre klar, dass am Ende der Heizperiode ein deutlich tieferer Füllstand als im letzten Jahr herauskäme. Die Herausforderungen der Wiederbefüllung im Sommer steigen also. Es ist aber auch mehr LNG auf dem Weltmarkt verfügbar – vor allem aus den USA.
Sind die steigenden Gaspreise ein Signal für mehr Nervosität im Markt?
Die steigenden Gaspreise sind vor allem am kurzen Ende der Terminkurve aufgetreten, also beispielsweise im Februar-Future. Hier kamen in der letzten Woche gleich mehrere Gründe zusammen, die die Preise angetrieben haben: Die Wettermodelle haben kühlere Temperaturen für den restlichen Januar angezeigt und der Ausfall des Kernkraftwerks Flamanville in Frankreich hat am Strommarkt für Unruhe und zusätzlichen Gasbedarf gesorgt.
Zudem war auch die Windverfügbarkeit nicht besonders hoch. Auch in Asien kam es zu einer Kältewelle, was am LNG-Markt für mehr Konkurrenz sorgt. Dazu kam, dass Spekulanten ihre Short-Positionen reduziert haben dürften, was auch Kaufdruck bedeutet. Also viele sachliche Gründe, es ist nicht nur die einfache Nervosität, sondern es sind eine Reihe von sachlichen Gründen. Die niedrigen Gasspeicherstände bedeuten, dass nicht viel schiefgehen darf. Übrigens haben wir heute gesehen, dass die Spekulanten im Gasmarkt wieder mehrheitlich auf steigende Preise setzen.
Der letzte Wintersturm hat es in Europa gezeigt:
LNG-Lieferungen können sich auch verzögern.
Kann der Gasspeicherstand ein für die Versorgungssicherheit kritisches Niveau erreichen?
Ja, rechnerisch besteht diese Gefahr. Dafür müssten aber mehrere Stressfaktoren zusammenkommen. Zwar sind die LNG-Anlandekapazitäten mittlerweile deutlich höher als in den letzten Jahren. Aber der letzte Wintersturm hier in Europa hat es gezeigt: LNG-Lieferungen können sich auch verzögern. Das Gleiche sehen wir in den USA: Wenn Exportterminals stillstehen wegen Stromausfällen oder dergleichen, ist der LNG-Markt weniger zuverlässig als eingespeichertes Gas in Deutschland.
Welche Rolle spielt der Unsicherheitsfaktor Trump-Politik in diesem Zusammenhang?
Sollte sich ein Handelskonflikt zwischen den USA und Europa an der Grönland-Frage entzünden, wäre dies zunächst für die konjunkturelle Entwicklung sehr schädlich. Das würde für sich sinkende Preise für Energierohstoffe bedeuten. Allerdings ist ein solcher Konflikt unberechenbar. Ein Gedankenspiel: Die EU reagiert auf die angedrohten Zölle mit Gegenmaßnahmen in Form einer Digitalsteuer. Was tun die USA als Nächstes? Vielleicht LNG-Exporte beschränken? Oder mit Export-Zöllen belegen?
Welche Schritte sind jetzt von der Bundesregierung gefordert?
Das Problem ist nicht so leicht zu lösen. In der Vergangenheit hat die Politik mit festen Speichervorgaben Spekulanten angelockt, die auf diesen Zug aufgesprungen sind. Das zeigen die Transparenzdaten, die von den Börsen veröffentlicht werden. Nach dem Motto "Der THE muss am Ende einkaufen, um die gesetzlichen Vorgaben einzuhalten. Koste es, was es wolle".
Damit haben die Spekulanten die Preise in den Sommermonaten derart nach oben getrieben, dass einspeichern nicht mehr wirtschaftlich war. Die Terminpreise für die Wintermonate waren viele niedriger. Auch aktuell sieht man keine wirtschaftlichen Anreize für die Speichernutzung. Dafür ist einfach ausreichend viel LNG verfügbar.
Das Problem sind nicht allein die Spekulanten,
sondern der Mangel an heimischen Energieträgern.
Noch zwei Gedanken:
Sollten feste Speichervorgaben erneut ein Thema werden, sollten sie mit einer Begrenzung der Spekulation einhergehen. Das ist ein europäisches Thema, kein deutsches Problem. Aber um es klar zu sagen: Spekulation ist bis zu einem gewissen Grad in normalen Marktphasen nützlich, weil liquiditätsstiftend. Das Problem sind nicht allein die Spekulanten, sondern der Mangel an heimischen Energieträgern. Womit wir zum zweiten Gedanken kommen.
Die hohe Abhängigkeit von LNG aus den USA kann politisch noch zu einem großen Problem werden − Stichwort Grönland. Daher hat der Aufbau einer Gasreserve und auch möglicherweise die heimische Gasförderung auch eine strategische Komponente.
Gibt es Anzeichen dafür, dass die Versorger ihre Beschaffungsstrategie an die Witterungsbedingungen anpassen?
Ich denke, dies sieht man sehr gut an den Marktpreisen: Der Februar-Future wurde offensichtlich stark nachgefragt. Also ja, die Versorger haben sich offenbar abgesichert. Allerdings dürften sie auch nicht zu 100 Prozent von einem milden Winter ausgegangen sein. Auch wenn viele langfristige Wettermodelle solche Prognosen angezeigt hatten.



