In der fünften Woche des Kriegs im Nahen Osten werden Zeichen für eine weitere Eskalation deutlich. Ein Einsatz von US-Bodentruppen könnte kurz bevorstehen, die drohende vollständige Blockade der Straße von Hormus sowie die Intensität der Raketen- und Drohnenangriffe lassen nicht nach. Der Nahost-Konflikt ist längst auf den Energiemärkten angekommen und wird zunehmend auch bei den Endkunden für Strom und Gas in Deutschland sichtbar.
Wegen des Preisanstiegs ziehen sich einige Versorger aus dem bundesweiten Vertrieb zurück, andere korrigieren ihre Tarife nach oben. Nach einer leichten Entspannung im Endkundenmarkt zum Jahresbeginn ziehen die Strom- und Gastarife wieder an. Die günstigsten Arbeitspreise Strom bewegen sich um die 30 Cent je Kilowattstunde, bei Gas liegt der günstigste Arbeitspreis bei einigen ausgewählten Postleitzahlen knapp unter 12 Cent je Kilowattstunde.

Auch die Politik reagiert. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat sich kürzlich für eine stärkere Diversifizierung der Importquellen und langfristige Gaslieferverträge ausgesprochen, um die Versorgung in Deutschland und Europa zu stärken.
"Die Dauer des Konflikts wird entscheidend sein", erläutert Silvia Messa, Head of Analysis Continental Europa & Japan beim Marktanalysehaus Volue, im Gespräch mit der ZFK. "Die Auswirkungen auf die Preise werden länger anhalten als die eigentliche Unterbrechung."
Auch Reparaturen an der LNG-Infrastruktur in Ras Laffan (Katar) nach dem iranischen Raketenangriff würden drei bis fünf Jahre benötigen. 17 Prozent der Kapazität werden auch nach der Wiederöffnung der Straße von Hormus offline bleiben. Auch das Erweiterungsprojekt in Katar, ursprünglich für das zweite Halbjahr 2026 geplant, werde sich voraussichtlich um mindestens ein Jahr verzögern.
Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, zieht in der aktuellen Krise historische Parallelen. Die globale Energiekrise infolge des Kriegs im Iran entspreche der kombinierten Wirkung der beiden Ölkrisen der 1970er-Jahre und den Folgen der russischen Invasion in der Ukraine, sagte er.
Keine schnelle Stabilisierung in Sicht
Während die Energiemärkte zu Beginn des Iran-Konflikts mit Risikoaufschlägen vor allem am kurzen Ende reagierten, schlagen sich seine Folgen nun vermehrt in den Terminkontrakten durch. Besonders sensibel reagieren die Gas- und Ölmarktpreise, doch auch die Strom-Futures ziehen nach – mit spürbaren Preisausschlägen. Die Gasverstromung im europäischen Stromsektor geht zurück, Indien und China haben ebenfalls ihre Gasnachfrage reduziert. Dies sorgt vor allem für mehr Betriebsstunden bei Kohlekraftwerken.
"Angesichts der laufenden, von Pakistan vermittelten Verhandlungen, der Beteiligung der Huthi und der Verlegung von US-Bodentruppen in Richtung Naher Osten, müssen wir die Situation täglich beobachten", sagt Messa. Sie geht in einer "sehr vorsichtigen Analyse" davon aus, dass die Blockade der Straße von Hormus noch gut drei Monate andauern würde. Erst wenn die Speicher bis zum Herbst zu 75 Prozent gefüllt und sich die Lage in der Straße von Hormus entspannt hat, rechnet Volue mit einem deutlichen Preisrückgang.
Futures legen deutlich zu
Die deutschen EEX-Strom-Monats-Futures hätten seit dem Handelsschluss am 27. Februar – vor dem ersten Angriff auf den Iran – bis zum 27. März deutlich zugelegt, sagte Messa weiter. So sei der "Rest des Jahres 2026 sowohl im Sommer als auch im Winter um etwa 40 Prozent gestiegen". Auch das Kalenderjahr 2027 liege insgesamt derzeit rund 22 Prozent höher als vor einem Monat. Konkret hat der Kontrakt Cal-27 seit dem 27. Februar von 79,7 Euro je Megawattstunde (MWh) auf 97,1 Euro je MWh (Stand 30.03.2026) zugelegt.
Während die Jahresbänder weiter steigen, haben die Monatskontrakte nach einem deutlichen Anstieg während des Kriegsausbruchs eine Seitwärtsbewegung auf hohem Niveau eingeschlagen. Den Grund sehen die Experten in der Veränderung der Wetterverhältnisse: Im Frühling sinkt der Gas- und Kohlebedarf, während der Anteil erneuerbarer Energien im Erzeugungsmix deutlich steigt.
Mit Blick auf den kommenden Winter werde es jedoch wichtig sein, dass Europa auf mehrere thermische Erzeugungsquellen und einen diversifizierten Kraftwerkspark zurückgreifen kann.
Silvia Messa, Volue
Niedrige Speicherstände erhöhen Risiko
Europa startet in den Frühling und die kommende Sommersaison mit Gasspeicherfüllständen auf dem niedrigsten Stand der vergangenen vier Jahre (AGSI: 28,11 Prozent, Stand 31.03.2026). Deutschland liegt derzeit bei 22 Prozent.
Laut Volue sind Italien und Belgien am stärksten von der Schließung der Straße von Hormus betroffen. Insgesamt liegt Europas direkte Abhängigkeit von LNG aus Katar jedoch bei weniger als sieben Prozent. "Dennoch wird Europa in den kommenden Monaten mit Asien um Gaslieferungen konkurrieren müssen", warnt Messa. Derzeit liege der Winter-Sommer-Spread für den Großteil Europas bei nur ein bis zwei Euro pro Megawattstunde, was bedeutet, dass es nur geringe Anreize gibt, die Speicher zu befüllen.
Andere Vorzeichen als 2022
Der aktuellen Energiekrise begegnet Europa unter ganz anderen Bedingungen als während der Krise von 2022, schreiben etwa Marktexperten der italienischen Investmentgesellschaft Eurizon. Die EU-Gasimporte aus Russland sind seit 2021 von rund 40 bis 45 Prozent auf 12 bis 13 Prozent bis Ende 2025 gesunken, mit dem Ziel, sie bis 2027 vollständig einzustellen.
Norwegen sei mit etwa 30 Prozent zum größten Gaslieferanten geworden. Die USA liefern rund 25 Prozent, während LNG aus Katar mit nur etwa 6 Prozent einen kleinen, aber überproportional preistreibenden Einfluss hat. Weitere Preisanstiege durch Länder am Persischen Golf sind weltweit möglich, doch in Europa dämpfen der Ausbau der Regasifizierungskapazitäten, steigende Lagerbestände und vorsichtigeres Speichermanagement das Risiko einer spekulativen Dynamik wie 2022.



