Vor rund zwei Wochen lag der Preis für europäische CO2-Zertifikate noch bei über 78 Euro. Ein paar Tage später stürzte er auf rund 68 Euro ab, erholte sich wieder etwas und überstieg die Marke von 73 Euro. Zuletzt hat er sich bei rund 70 Euro eingependelt. Für die hohe Volatilität sorgten vor allem politische Aussagen, die Unsicherheit über die Zukunft des Emissionshandelssystems ETS 1 aufkommen ließen. Allen voran die Äußerungen des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz, er sei offen für eine Überarbeitung dieses Lenkungsinstruments. Konkret geht es um mögliche Erleichterungen für die Chemieindustrie bei der Zuteilung von Zertifikaten.
"Mit einer spürbaren Stabilisierung der CO2-Preise rechnen wir erst,
wenn auf europäischer Ebene verbindliche Entscheidungen getroffen werden."
Enercity-Sprecher
Handelsexperten großer kommunaler Unternehmen rechnen auch in den nächsten Wochen und Monaten mit einer erhöhten Volatilität. "Der hohe Einfluss und die hohe Volatilität politischer Aussagen brachten zuletzt große Herausforderungen nicht nur im Emissionshandel mit sich", sagt Jan Brübach, Geschäftsführer von MVV Tradnig. Vor dem Hintergrund der geopolitischen Rahmenbedingungen rechne er mit keiner Beruhigung innerhalb der nächsten Wochen und Monate.
Die Handelsabteilung der Stadtwerkekooperation Trianel prognostiziert, dass die Volatilität eher noch zunehmen wird. "Hintergrund ist, dass konkrete Beschlüsse zu möglichen Anpassungen des EU-ETS-Systems voraussichtlich erst im Rahmen der geplanten Überprüfung im dritten Quartal zu erwarten sind“, heißt es.
Ähnlich ist der Tenor bei Enercity: "Der Markt reagiert derzeit sehr sensibel auf politische Äußerungen zur zukünftigen Ausgestaltung des europäischen Emissionshandelssystems (EU ETS)“, bestätigt ein Sprecher. Mit einer spürbaren Stabilisierung sei erst dann zu rechnen, wenn auf europäischer Ebene verbindliche Entscheidungen getroffen würden.
"Die Strompreise sind seit Jahresbeginn im Glechklang mit den CO2-Preisen gefallen".
Trianel-Sprecherin
"Eine hohe Volatilität kann zu steigenden Liquiditätsanforderungen und erhöhten Margin-Risiken im Markt führen“, so der Enercity-Sprecher weiter. Auch bei den Strompreisen habe man zuletzt deutlichere Preisschwankungen beobachten können. Grund sei eine hohe hohe Korrelation mit den Preisen für CO2-Zertifikate.
Den großen Einfluss der CO2-Preise streicht auch die Trianel-Sprecherin heraus. Die Strompreise seien seit Jahresbeginn im Gleichklang mit den CO₂-Preisen gefallen. Dabei habe sich der Preisrückgang Mitte Februar noch einmal beschleunigt. Auf den Gaspreis habe CO₂ bislang hingegen keinen wesentlichen Einfluss, da sich dieser – unter anderem durch LNG – stärker an der globalen Angebots- und Nachfragesituation orientiere
"Für die Energiebeschaffung, insbesondere im Strombereich, sollte daher sorgfältig abgewogen werden, wie viel weiteres Abwärtspotenzial bei den CO₂-Preisen besteht, um den Beschaffungszeitpunkt entsprechend zu optimieren", schreibt Trianel weiter.
Zielkonflikt zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz
Das Emissionshandelssystem ETS1 habe seit 2005 die Treibhausgasemissionen in den erfassten Sektoren um die Hälfte reduziert und damit eine wichtige Lenkungsfunktion für den Klimaschutz erfüllt. Die verstärkte globale Handelsdynamik in den vergangenen drei Jahren habe aber zum Teil auch negative Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft gehabt, so die Trianel-Sprecherin. Es gebe aktuell einen Zielkonflikt zwischen der Wettbewerbsfähigkeit und dem Klimaschutz. Deshalb sei es wichtig, dass die EU eine geplante Reform des ETS bereits für dieses Jahr vorgesehen habe. Die Herausforderung liege darin, den Abstand dieser Zielkonflikte weitgehend nachhaltig zu minimieren.
"Wir müssen die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie mit Instrumenten sicherstellen,
die erst nach der Marktpreisbildung wirken."
Jan Brübach, Geschäftsführer MVV Trading
"Ein stabiles Regelwerk und ein breites Commitment für den Emissionshandel als zentrales Klimaschutzinstrument der Europäischen Union sind unerlässlich, um das Vertrauen in diesen Markt zu sichern. Politische Aussagen, die dieses Vertrauen schwächen oder den Emissionshandel infrage stellen, sind in diesem Kontext ausgesprochen kontraproduktiv", fasst Martin Brübach von MVV Trading zusammen. Gleichzeitig müsse man die Wettbewerbsfähigkeit des produzierenden Gewerbes schützen und erhalten. "Dies müssen wir jedoch mit Instrumenten sicherstellen, die erst nach der Marktpreisbildung wirken", fordert Brübach.
„Entscheidend ist ein klares politisches Commitment zu einem verlässlich funktionierenden Emissionshandelssystem mit bestehenden Ausgleichsmechanismen, die flexibel und dynamisch auf realwirtschaftliche Entwicklungen reagieren können“, schreibt Enercity. Erratische oder kurzfristige politische Eingriffe hingegen führten zu zusätzlicher Unsicherheit und beeinträchtigten das Vertrauen der Marktteilnehmer. Wichtig sei daher eine klare Rollenverteilung. „Die Politik setzt einen stabilen, verlässlichen Rahmen, die Preisbildung erfolgt durch die Marktteilnehmer“.



