Bild: © Berliner Stadtwerke

Ursprünglich wollte Chris Werner Fluglotse werden. Heute ist er der Geschäftsführer der Berliner Stadtwerke, wo er statt Flugzeugen nachhaltige Energielösungen für die Stadt Berlin zum Abheben bringt. Zwei Berufsbilder, die auf den ersten Blick konträrer nicht sein könnten, sich in ihren Anforderungen dann aber doch überraschend ähnlich sind: schnelle Entscheidungsfindung in Stresssituationen, Multitasking, Teamfähigkeit und ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein.

Für den Mitte-30-Jährigen sind dies die täglichen Anforderungen, und dass, obwohl man bei einem Stadtwerk vielleicht im ersten Moment nicht an ein schnelllebiges und agiles Umfeld denkt. Doch die Stadtwerke Berlin sind schon aufgrund ihrer erst kurzen Unternehmensgeschichte kein klassisches Stadtwerk und Werner will sie auch genauso führen: als ein junges Unternehmen, mit einem jungen Team, in einer schnelllebigen Branche.

Werner startete in der Solarbranche durch

Als sich Werners Plan für die Karriere auf der Landebahn nicht erfüllte, stellte er sich eine grundsätzliche Frage: Was brauchen Menschen immer? "Energie ist ein Grundbedürfnis wie Ernährung oder Gesundheit", sagt Werner, "und damit war meine Richtung schnell klar. Das Thema Energie und diese nachhaltig zu erzeugen, das hat mich sehr fasziniert." Er studiert Solar- und Elektrotechnik, arbeitet in der Solarindustrie für Qcells und Hanergy, später in der Beratung für Stadtwerke.

Schon damals fasziniert ihn besonders die Verbindung von Technik und Wirtschaftlichkeit. "Ich kann das beste Solarmodul der Welt bauen, wenn es jedoch horrend teuer und nicht wirtschaftlich ist, wird es keine Anwendung finden." Diese Themen zusammenzubringen und Entwicklung immer auch aus kaufmännischer Perspektive zu durchdenken, sei etwas, was ihn immer begleitet.

Er steht selbst auf dem Dach

Parallel zum Studium durchläuft er ein Traineeprogramm, lernt Produktion, Technologie und Marktentwicklung kennen, analysiert Solarmärkte und beschäftigt sich mit so ziemlich jedem Bereich der Branche. "Selbst zu wissen, wovon man redet: Einmal auf dem Dach gestanden zu haben und Solarmodule oder Wechselrichter zu installieren, in der Energiebeschaffung einmal selbst den entscheiden Klick für einen Handelsdeal von mehreren Millionen Euro zu machen – das sind prägende Erfahrungen." Wer Entscheidungen trifft, müsse wissen, wie sich die Arbeit im Alltag anfühlt – technisch, organisatorisch und wirtschaftlich. Entsprechend klar ist seine Haltung gegenüber eher traditionellen Denkmustern: "Den Satz 'Das haben wir schon immer so gemacht' gibt es bei uns schlicht und einfach nicht", betont Werner.

Er will Argumente statt Ansagen machen

Werner sieht sich nicht als klassischen Entscheider an der Spitze, sondern als Teil seines Teams, "quasi als eine Art Primus inter Pares, also einem 'Ersten unter Gleichen'". Vorangehen heiße für ihn nicht, Distanz zu schaffen, sondern Verantwortung zu übernehmen. Eine moderne Unternehmenskultur sei eine, in der die Mitarbeitenden in der Lage sind und die Berechtigung haben, Entscheidungen selbstständig zu treffen.

Der geringe Altersdurchschnitt bei den Mitarbeitenden der Berliner Stadtwerke macht die Arbeit von Chris Werner dabei deutlich einfacher – er liegt bei gerade einmal 41 Jahren. Auch das Unternehmen selbst ist sehr jung: Die Stadtwerke wurden erst im Sommer 2014 als Tochter der Berliner Wasserbetriebe im Zuge der Rekommunalisierung der Berliner Strom- und Wärmeversorgung gegründet.

Es existieren daher kaum historisch gewachsene und veraltete Strukturen. Herausforderungen gebe es dennoch: Von rund 20 Mitarbeitenden wuchs das Unternehmen auf über 200, von einem Umsatz von rund 20 Millionen Euro zu heute rund 300 Millionen Euro. Dieses Wachstum machte eine strategische Neuaufstellung notwendig.

Letztlich macht es gar keinen so großen Unterschied, ob ich eine kleine PV-Anlage oder eine riesige Freiflächenanlage baue.

Unter dem Titel "Vision 2030" starteten Werner und sein Team im Jahr 2024 damit, einen umfassenden Strategieprozess einzuleiten. Ein Schwerpunkt des Prozesses liegt auf großen Projekten, die eine höhere Standardisierung und Skalierbarkeit ermöglichen und somit wirtschaftlicher werden. "Letztlich macht es gar keinen so großen Unterschied, ob ich eine kleine PV-Anlage auf einem Dach oder eine riesige Freiflächenanlage baue." Da viele Prozesse sehr ähnlich sind, können Projekte bei gleichem Aufwand deutlich wirtschaftlicher und ertragreicher sein. "Deshalb haben wir uns entschieden, stärker auf Großprojekte zu setzen. Wir wollen schnell mehr sauberen Strom erzeugen, mehr Nachhaltigkeitsbeiträge leisten und mehr Unabhängigkeit von volatilen Märkten erlangen."

Die Berliner Stadtwerke werden erwachsen

Der zweite Part der Vision 2030 umfasst die interne Neuausrichtung des Unternehmens. In der Vergangenheit hätten die Berliner Stadtwerke viele Strukturen ihrer Muttergesellschaft, den Berliner Wasserbetrieben, übernommen, erläutert Werner. Das sei für den Anfang durchaus richtig gewesen. Gleichzeitig unterscheiden sich Wasserwirtschaft und Energiewirtschaft aber grundlegend: Während erstere stark auf Sicherheit ausgelegt und kaum wettbewerblich organisiert sei, brauche die Energiewirtschaft vor allem Agilität und schnelle Entscheidungsfähigkeit. Die Prozesse im Einkauf, im Personalbereich und in der kaufmännischen Steuerung würden grundlegend überarbeitet.

Energiewende in Berlin: Solaranlage auf dem Haus der Statistik in MitteBild: © Mathias Völzke/Berliner Stadtwerke

Die Zeiten, in denen für erneuerbare Energien noch Überzeugungsarbeit geleistet werden müsse, seien hier definitiv vorbei, sagt Werner. Er selbst bezeichnet sich schmunzelnd als "Energiewende-Native" und betont: "Wenn wir uns die Entwicklungen anschauen, Energiekrisen, geopolitische Abhängigkeiten, Preisschwankungen, wird deutlich, dass wir in Deutschland und Europa, was Energie angeht, auf uns allein gestellt sind."

Die Stadtwerke Berlin bieten ausschließlich Ökostrom-Tarife für Haushalte, Gewerbe und Vereine an und sind laut Werner für ungefähr ein Viertel des gesamten Solarzubaus in Berlin verantwortlich. "Wir haben auch in Berlin genug Wind und Sonne, also sollten wir diese auch nutzen."

Aktuelle Ereignisse wie zuletzt der großflächige Stromausfall in Berlin bekräftigen ihn in dieser Haltung. Zwar sind die Berliner Stadtwerke nicht selbst der Netzbetreiber, das ist das Schwesterunternehmen Stromnetz Berlin. Dennoch sieht Werner eine Verantwortung, zur Resilienz der Stadt beizutragen. Photovoltaik-Ausbau, dezentrale Erzeugung und perspektivisch Speicherlösungen könnten helfen, Versorgungssicherheit zu erhöhen und Notstrom bereitzustellen, erklärt er. Entsprechende Konzepte würden derzeit erarbeitet, seien aber noch nicht spruchreif.

Der Artikel ist Teil der ZFK-Serie "Neue Perspektiven". Darin porträtieren wir junge Führungskräfte, ihre Motivation und ihre Herausforderungen in der Daseinsvorsorge. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

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