Die Handelsvolumina an der Energiebörse EEX wachsen weiter – getrieben von erneuerbaren Energien, neuen Marktteilnehmern und steigender Flexibilität im Energiesystem. Im Interview spricht EEX-CEO Peter Reitz über automatisierten Handel, den Boom bei Stromderivaten, die Rolle von Batteriespeichern und darüber, warum erneuerbare Energien trotz politischer Unsicherheiten wirtschaftlich kaum aufzuhalten sind.
Herr Reitz, die EEX hat erneut Wachstum bei den Handelsvolumina verzeichnet. Was waren rückblickend die wichtigsten Treiber – und gab es Entwicklungen, die Sie überrascht haben?
Wir haben tatsächlich in all unseren großen Geschäftsfeldern neue Rekordstände im Handelsvolumen gesehen. Das beginnt im kurzfristigen Stromhandel, also im Strom-Spot-Markt, den die Epex Spot betreibt. Dort haben wir erneut ein Rekordniveau erreicht, wozu die zweistellig gewachsenen Volumina im Intraday-Handel, also im ganz kurzfristigen Bereich, wesentlich beigetragen haben.
Das ist ein Trend, den wir seit rund zehn Jahren beobachten: Dieser Markt wächst fast jedes Jahr zweistellig. Der wesentliche Treiber ist eindeutig der europaweite Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Betreiber wissen erst sehr kurzfristig, wie viel Strom sie tatsächlich produzieren, und nutzen deshalb kurzfristige Handelsmöglichkeiten, um ihre Positionen an aktuelle Prognosen anzupassen.
Wir haben viel investiert, um diese Flexibilität zu erhöhen. Heute kann man bis zu fünf Minuten vor Lieferung handeln und erhält den Strom tatsächlich geliefert. Auch die Erweiterung der Day-Ahead-Auktion um 15-Minuten-Intervalle hilft insbesondere erneuerbaren Erzeugern, etwa bei Solar-Ramp-ups, deutlich präziser zu steuern.
Ein weiterer Trend ist die zunehmende Automatisierung. Der Markt ist, darauf aufbauend, bereits stark algorithmisch geprägt, was zusätzliche Liquidität bringt, von der alle Marktteilnehmer profitieren.
Wie steht es um den Stromderivatehandel?
Auch dort haben wir Wachstum verzeichnet – der europäische Markt ist im vergangenen Jahr um elf Prozent gestiegen. Gleichzeitig beobachten wir, dass neue Marktteilnehmer hinzukommen. Wir haben inzwischen über 1000 direkt angebundene Handelsteilnehmer an unseren Börsen, dazu kommen zahlreiche indirekte Teilnehmer.
Der Zuwachs kommt aus mehreren Richtungen. Erstens führt der Ausbau erneuerbarer Energien zu einer deutlich dezentraleren Produktionslandschaft. Früher gab es wenige große Akteure, die bilateral handelten. Heute brauchen kleinere Produzenten einen zentralen Marktplatz. Viele Betreiber – etwa von Solarparks oder Windparks – vermarkten ihren Strom inzwischen direkt über die Börse. Wir senken dafür gezielt Eintrittshürden und bieten spezielle Zugangsmodelle an.
Zweitens sehen wir neue Finanzakteure. Die Liquidität im deutschen Stromderivatemarkt ist inzwischen groß genug, dass Handelsfirmen mit algorithmischen Strategien aus Finanz- oder Rohstoffmärkten einsteigen. Diese bringen zusätzliche Liquidität in den Markt.
Drittens wächst das internationale Interesse. Händler aus Asien und Amerika handeln europäische Strommärkte zunehmend unabhängig von physischem Exposure.
Wir sehen eine komplett neue Kundengruppe von Finanzakteuren im Strommarkt – und deren algorithmische Strategien erhöhen die Liquidität für alle.
Die Einführung von 15-Minuten-Kontrakten sollte erneuerbaren Energien helfen. Manche erwarteten aber Kannibalisierungseffekte im Intraday-Handel. Haben Sie das beobachtet?
Nein, das haben wir nicht gesehen. Intraday wächst weiterhin sehr stark. Die Marktsegmente ergänzen sich vielmehr. Die Feinsteuerung erfolgt weiterhin im Intraday-Markt, während der Day-Ahead-Markt nachgezogen hat.
Man sieht allerdings Preisunterschiede innerhalb einer Stunde viel deutlicher – etwa beim Sonnenauf- oder -untergang. Früher wurde der Durchschnittspreis der Stunde gehandelt, heute kann deutlich präziser gesteuert werden.
Wie stark ist der Stromhandel inzwischen automatisiert?
Das unterscheidet sich stark nach Segment. Im kontinuierlichen kurzfristigen Stromhandel sind inzwischen über 80 Prozent des Handels automatisiert. Das bedeutet nicht zwingend KI, aber algorithmischer Handel.
Im Derivatemarkt ist die Entwicklung noch nicht soweit fortgeschritten, weil langfristige Absicherung andere Entscheidungsprozesse erfordert. Dennoch investieren Teilnehmer auch dort zunehmend in Automatisierung.
Wird langfristige Absicherung durch die Volatilität schwieriger?
Nein. Wir sehen keinen Trend weg vom Langfristhandel. Kurzfristiger Handel wächst zusätzlich – vor allem wegen erneuerbarer Energien –, aber auch der Langfristhandel nimmt zu.
Erneuerbare Betreiber sichern Preise inzwischen bis zu zehn Jahre im Voraus ab, etwa über PPAs. Banken verlangen stabile Einnahmeströme für die Finanzierung neuer Anlagen und können sich mit EEX-Futures einen Preis weit im Voraus absichern. Unsere Rolle besteht weiterhin darin, über das Clearing das Kontrahentenrisiko abzusichern.
Der Gasmarkt hat zuletzt ebenfalls zugelegt. Welche Faktoren waren entscheidend?
Der Gasmarkt ist inzwischen ein wichtiges Standbein der EEX. Wir haben 2025 sowohl im Spot- als auch im Derivatemarkt Rekorde gesehen. Der Spotmarkt wuchs um 18 Prozent, der Derivatemarkt sogar um 30 Prozent.
Gas reagiert stark auf geopolitische Entwicklungen, Wetter und LNG-Ströme. Diese Volatilität führt zu mehr Handelsaktivität. Allein im Januar lagen unsere Gasvolumina im Derivatemarkt um 76 Prozent über dem Vorjahresmonat.

Überträgt sich diese Volatilität auch auf den Strommarkt?
Ja, zumindest in den Stunden, in denen Erneuerbare nicht dominieren und Gaskraftwerke zur Deckung der Nachfrage nötig sind. Dann setzen sie häufig den Strompreis und übertragen die Preissignale aus dem Gasmarkt und dem Emissionshandel auf den Strommarkt. Daraus entstehen aber die gewünschten Anreize für Investitionen in Erneuerbare und Flexibilität, die diese Abhängigkeit reduzieren.
Wie bewerten Sie politische Vorschläge, Erneuerbaren-Ausbau stärker an den Netzausbau zu koppeln?
Die Grundidee, beides stärker zu verzahnen, ist richtig. Es hilft nichts, Anlagen zu bauen, die nicht angeschlossen werden können oder die gegen Entschädigung abgeregelt werden müssen.
Gleichzeitig bestehen die Ausbauziele weiterhin. Wenn wir sie erreichen wollen, müssen erneuerbare Energien weiter wachsen – begleitet von schnellerem Netzausbau.
Welche Rolle spielen Batteriespeicher im Markt?
Wir sehen, dass neue Solarparks fast immer mit Batteriespeichern gebaut werden. Betreiber können so flexibel einspeisen und negative Preise vermeiden.
Der Business Case für Speicher ist derzeit sehr attraktiv, weil die Preisdifferenzen innerhalb eines Tages wachsen. Teilweise wird man sogar dafür bezahlt, Strom zu laden und ihn später teurer zu verkaufen.
Niemand möchte Strom verschenken – Preissignale sorgen dafür, dass Flexibilität entsteht.
Bleibt der Ausbau erneuerbarer Energien trotz politischer Unsicherheiten global auf Kurs?
Ja. Auch wenn einzelne politische Entscheidungen kurzfristig Irritationen verursachen: In rund 95 Prozent der Länder sind erneuerbare Energien heute die günstigste Option für neue Stromerzeugung.
Die Kostenkurven sind massiv gefallen – ebenso bei Batterien, deren Preise in zehn Jahren um rund 90 Prozent gesunken sind. Das ist eine ökonomische Entscheidung, keine ideologische.
Welche weiteren Flexibilitätsoptionen sehen Sie neben Batteriespeichern?
Flexibilität reicht bis zum Endverbraucher. Smart Meter, flexible Tarife und Elektroautos als Speicher spielen eine zentrale Rolle. Deutschland hat hier noch großes Potenzial. Auch Wasserstoff bleibt langfristig wichtig, wenn auch die Entwicklung langsamer vorangeht als ursprünglich erwartet. Für ein vollständig dekarbonisiertes Energiesystem braucht man langfristige Speicheroptionen.



