"Die Lage ist sehr ernst", sagte Silke Ehrbar-Wulfen, Kämmerin der Stadt Recklinghausen, beim 2. Finanzierungskongress NRW in Düsseldorf. Ihre Analyse fällt schonungslos aus: Historisch hohe Defizite treffen derzeit auf strukturelle Unterfinanzierung. Kommunen verlieren zunehmend Zugang zu Krediten, was die Umsetzung ihrer Projekte massiv erschwert. "Die Angebote der Kreditinstitute werden weniger – manche Sparkassen und Banken machen überschuldeten Kommunen keine Angebote mehr", erklärte sie. Diese Entwicklung drohe die kommunale Infrastruktur zu spalten, abhängig davon, welche Kommunen noch Kredite erhalten. Zusätzliche Einnahmen auf kommunaler Ebene seien nicht zu erwarten, dabei bilden kommunale Aufgaben die Grundlage demokratischer Stabilität.
Die Lage ist sehr ernst.
Silke Ehrbar-Wulfen, Stadt Recklinghausen
Das Ende der "Cashcow Stadtwerke"
Früher konnten Gewinne der Stadtwerke über den steuerlichen Querverbund andere kommunale Bereiche mitfinanzieren. "Der steuerliche Querverbund hat lange funktioniert, weil wir aus der Cashcow Stadtwerke andere Aktivitäten finanzieren konnten", sagte Andrea Vogt, Geschäftsführerin der Stadtwerke Troisdorf. Angesichts der finanziellen Herausforderungen verbleiben Teile der Gewinne nun im Unternehmen, um Investitionen zu finanzieren. Gleichzeitig bestehen Erwartungen der Gesellschafter, sowohl privater Renditeinteressen als auch kommunaler Finanzbedarfe, die berücksichtigt werden müssen. Traditionell nutzten die Stadtwerke kommunal verbürgte Darlehen. Dieses Modell reicht künftig nicht mehr aus. "Wir müssen über neue Finanzierungswege nachdenken", resümierte Vogt.
Die Nachfrage nach Finanzprodukten durch die Stadtwerke war 2024 und 2025 eher rückläufig, sagte Christoph Wolff, Direktor im Bereich "Öffentliche Hand" bei der Helaba. An den Konditionen habe es nicht gelegen, vielmehr seien die Kommunalversorger intensiv mit der Vorbereitung ihrer Wärmeplanungen beschäftigt gewesen. "Planungen wurden intensiver vorbereitet, bevor Gespräche mit Banken aufgenommen wurden. Ziel war es, Anfragen besser zu strukturieren und sich frühzeitig auf Fragen – insbesondere zum Thema Eigenkapital – einzustellen." Seit Ende 2025 habe sich die Situation jedoch verändert.
Finanzierungsanfragen nehmen zu
Die Zahl der Anfragen steige wieder, ebenso die Volumina, und Projekte würden größer. "Anfang 2026 beobachten wir außerdem, dass Finanzierungsanfragen mit deutlich längerem Vorlauf gestellt werden." Für Wolff zeigt dies: Nicht die Konditionen der Finanzierung seien das Problem, sondern die langen Planungsprozesse – besonders vor dem Hintergrund veränderter regulatorischer Rahmenbedingungen.

Michael Henn, Global Head of Green Deal Infrastructure und Prokurist bei der Commerz Real AG, betonte die Rolle privater Investoren. "Wir kommen aus dem Wind- und PV-Segment, beteiligt als der Betreiber, und haben Anfang des Jahres einen Fonds aufgelegt, der genau das Thema trägt", erklärte Henn. Commerz Real lenkt privates Eigenkapital gezielt in Infrastrukturprojekte, darunter Transport-, digitale und soziale Infrastruktur, stets mit dem Ziel, Gelder aus Deutschland in Deutschland zu investieren. Besonders wichtig sei die Kooperation mit kommunalen Stadtwerken, um deren Eigenkapitalbasis zu stärken.
Wir möchten im Idealfall möglichst lange Zusammenarbeit aufbauen, auch über weitere Projekte sprechen können.
Michael Henn, Commerz Real AG
"Das Geld für Projekte ist da", sagte Henn. Das Hauptproblem liege jedoch in der Strukturierung und langfristigen Finanzierbarkeit. "Wir möchten im Idealfall möglichst lange Zusammenarbeit aufbauen, auch über weitere Projekte sprechen können." Ein früher Einstieg in Projekte sei entscheidend, da klassische Finanzierungsmodelle häufig zeitlich limitiert sind.
Aus Sicht von Tim Junghans, Leiter Energiewirtschaft bei der Nord/LB, reicht es nicht, dass Banken allein Projekte finanzieren. "Immer eine Struktur anzubieten, die das gesamte Erfordernis abdeckt", sei entscheidend. Dabei spiele Eigenkapital oder eigenkapitalähnliche Finanzierung eine zentrale Rolle, vermittelt über Finanzinvestoren oder strategische Investoren. Auch Mezzanine-Kapital werde als wichtiger Hebel genutzt, um die Eigenkapitalbasis der Stadtwerke nachhaltig zu stärken.



