Frau Rethmann, wie hoch ist der Investitionsbedarf für die Energiewende vor Ort bei den Unternehmen der Thüga und wie können Sie diese konkret beim Thema Finanzierung unterstützen?
Allein bei den Unternehmen der Thüga-Gruppe geht es um ein Investitionsvolumen von 70 bis 90 Milliarden Euro bis 2045. Wir arbeiten aktuell daran, die Finanzierungsbedarfe der Partnerunternehmen nach Assetklassen in regionalen Verbünden zu bündeln.
Das kann den Zugang zum Kapitalmarkt erleichtern und noch attraktivere Konditionen sichern. Es gibt hier diverse Lösungsansätze, je nach Investitionen und Risiko-Renditeprofil. Hierfür wollen wir einen Baukasten entwickeln, der für die Thüga-Gruppe skalierbar ist.
"Die Thüga kann eine Übersetzerrolle zwischen kommunalen Anforderungen und den Erwartungen der Finanzwirtschaft übernehmen."
Bis wann soll dieser Baukasten stehen?
Finanzierungsstrategien und die Bewertung der daraus entstehenden Möglichkeiten haben wir bereits mit den Unternehmen erarbeitet. Aktuell arbeiten wir mit verschiedenen Partnern, wie Banken und institutionellen Investoren wie Versicherungen an möglichen Umsetzungsmodellen. Zielsetzung ist, dass wir im Laufe des Jahres 2026 diese Finanzierungsmodelle an konkreten Beispielen in der Thüga-Gruppe umsetzen können.
Es geht darum, Modelle zu finden, wie man privates Kapital mit den Investitionsanforderungen kommunaler Unternehmen zusammenbringen kann. Die Thüga kann hier eine Übersetzerrolle zwischen kommunalen Anforderungen und den Erwartungen der Finanzwirtschaft übernehmen.
"Letztlich wird solch ein Baukasten nur fliegen, wenn wir das an konkreten Beispielen in der Gruppe umsetzen können, die Nachahmer finden.
Für welche Größenordnung kommunaler Unternehmen ist dieser Baukasten gedacht?
Der Fokus liegt eher auf den Unternehmen, die sich schwertun, eine gewisse Losgröße bei der Finanzierung zu erreichen und für die es deshalb schwierig ist, den Zugang zu den benötigten Finanzmitteln allein hinzubekommen.
Generell kann die Thüga ihre Partnerunternehmen vor allem bei Themen wie der wirtschaftlichen Begleitung der Investitionen, der Finanzierungsstrategie, der Governance und dem Berichtswesen unterstützen.
Und die Thüga sieht sich in dem Prozess rein als Vermittler und Know-how-Geber oder würden Sie gegebenenfalls auch finanziell Projekte mit privaten Investoren unterstützen, um diese möglich zu machen?
Wir schließen nicht aus, dass wir auch einen solchen Beitrag leisten können, um je nach Konstellation die Eigenkapitalbasis der Unternehmen zu erweitern und eine Finanzierung zu ermöglichen.
Für uns ist es wichtig, hier eine aktive Rolle zu spielen. Letztlich wird solch ein Finanzierungsbaukasten nur fliegen, wenn wir das an konkreten Beispielen in der Gruppe umsetzen können, die Nachahmer finden.
Was sind denn wesentliche Instrumente, die für diesen Baukasten diskutiert werden?
Fremdkapital kombiniert mit Förderdarlehen wird natürlich weiterhin eine große Rolle spielen. Alternative Finanzierungsmodelle können zum Beispiel im Working Capital Bereich liegen. Auch Bürgerbeteiligung wird ein Baustein sein. Projektfinanzierung außerhalb der Bilanz ist ein Thema ebenso wie Nachrangdarlehen, die als Eigenkapital anerkannt werden.
Auch Mezzaninekapital kann nach unserer Einschätzung ein wichtiger Baustein in der Transformationsfinanzierung sein – gerade temporär zur Überbrückung von Phasen, in denen Unternehmen massiv investieren müssen, es aber noch keine Rückflüsse gibt. Auch im Bereich der Kommunalfinanzierung sehen wir Möglichkeiten.
"Wichtig ist immer, die Wirtschaftlichkeit der Investitionen sowie die langfristige Finanzierungsfähigkeit in Summe zu denken."
Einzelne Bundesländer, wie zuletzt Thüringen, stellen signifikante Mittel für Infrastrukturinvestitionen bereit. Wichtig ist es immer, die Wirtschaftlichkeit der Investitionen sowie die langfristige Finanzierungsfähigkeit in Summe zu denken. All diese Bausteine lassen sich im Rahmen eines Finanzierungsmixes kombinieren. Was am besten funktioniert, hängt immer von der individuellen Situation des Unternehmens ab, seiner Ertragskraft und Verschuldungskapazität.
Welche Finanzierungsinstrumente sind denn konkret als alternative Wege für kleinere und mittlere Unternehmen interessant, um das Eigenkapital zu stärken oder zu schonen?
Das Thema Projektfinanzierung steht bei vielen Unternehmen gerade im Bereich der erneuerbaren Energien auf der Agenda. Ein weiterer Schritt sind Working-Capital-Finanzierungen. Da geht es darum, wie man etwa durch die Veräußerung von Forderungen oder der Verlängerung von Verbindlichkeiten aus Lieferung und Leistung den Finanzrahmen erhöhen kann.
Diese Themen und auch die Möglichkeiten der Innenfinanzierung und der Fremdfinanzierung sollte man immer zuerst prüfen, bevor man über zusätzliches und teures Eigenkapital nachdenkt.
Die Thüga unterstützt natürlich Eigenkapitalerhöhungen von Unternehmen in der Gruppe, oft gemeinsam mit kommunalen Partnern. Das kann in der Form von der Beteiligung an zusätzlichen Eigenkapitalerhöhungen oder in Form von Thesaurierung geschehen. Dafür müssen aber bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. Das zusätzliche Eigenkapital muss langfristig die Ertrags- und Finanzierungsfähigkeit des Unternehmens erhalten und stärken.
Sie arbeiten eng mit vielen Kommunen zusammen, sitzen in zahlreichen Aufsichtsräten von Stadtwerken. Welchen Beitrag können diese bei der Finanzierung der Energiewende vor Ort leisten?
Die Kommunen stehen teilweise mit dem Rücken zur Wand. Es ist vielerorts unmöglich, parallel Energie- und Mobilitätswende und einen Infrastrukturausbau zu finanzieren. Deshalb halten wir zusätzliche finanzielle Mittel, etwa über Länderfonds oder einen Energiewendefonds für unabdingbar, um die Energiewende vor Ort zu unterstützen.
"Es gibt bei den Banken ein Verständnis dafür, dass die Energiewende temporär eine höhere Verschuldungsfähigkeit der Unternehmen erfordert."
Wie groß ist das Verständnis in der Bankenlandschaft für die Transformationsherausforderungen der Branche und wie groß ist die Bereitschaft, diese Investitionsbedarfe mitzufinanzieren?
Gerade lokale Banken können aus verschiedenen Gründen über die bisher üblichen Finanzierungsvolumen und -wege kaum hinauszugehen. Wir nehmen aber deutlich wahr, dass die Landesbanken und der Sparkassen- und Giroverband Modelle konzipieren, wie sie Finanzierungspakete zusammenstellen können, die von den jeweiligen Hausbanken und Sparkassen dann regional umgesetzt werden können.
Es geht unter anderem um Baukästen, die es ihren Instituten erlauben, offener und flexibler mit den Finanzierungsherausforderungen der Kommunalwirtschaft umzugehen. Es gibt bei den Banken ein Verständnis dafür, dass die Energiewende temporär eine höhere Verschuldungsfähigkeit der Unternehmen erfordert.
Entscheidend wird ja sein, dass die Banken davon überzeugt sind, dass der jeweilige Businesscase aufgeht.
Banken müssen darauf vertrauen können, dass ein höherer Verschuldungsgrad nur vorübergehend ist und langfristig über die Erschließung tragfähiger Geschäftsmodelle oder stabiler Erlöse wieder abgebaut werden kann.
Dafür sind eine fachlich gut untermauerte, langfristige Planung und ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell wichtig; mit klarem Blick auf Risiken und Chancen. Über Themen wie langfristige Unternehmensplanung und Berichterstattung sowie gezielte Bankenansprache haben wir in den vergangenen Jahren vieles in unserem Netzwerk umgesetzt.
"Wir reden hier über einen Investitionszeitraum von zehn bis zwanzig Jahren."
Wie wichtig ist privates Kapital, um die Energiewende vor Ort finanzieren zu können?
Privates Kapital ist unabdingbar, um die Investitionsbedarfe finanzieren zu können. Dabei ist es essenziell, die Rahmenbedingungen zu definieren, unter welchen privates Kapital eingesetzt werden kann. Gerade beim Thema Projektfinanzierung ist es zentral, entsprechende Strukturen zu schaffen, die ein Asset, wie ein Wärmenetz, für den Partner auch attraktiv und investitionsfähig machen. Wir reden hier über einen Investitionszeitraum von zehn bis zwanzig Jahren.
"Bei Anlagezeiträumen von drei bis fünf Jahren oder bei einer zweistelligen Renditeerwartung wird es nicht funktionieren."
Wie bewerten Sie denn die Potenziale, die Erwartungshaltung und Möglichkeiten eines Stadtwerks mit der Renditevorstellung eines privaten Investors zusammenzubringen?
Dort, wo es ein klares Risiko-Renditeprofil gibt, wo ein gemeinsames Verständnis über die Langfristigkeit von Mitteln besteht und wo perspektivisch kontinuierliche Rückflüsse aus dem Investment zu erwarten sind, ist das machbar. Es wird aber in Anlagezeiträumen von drei bis fünf Jahren oder bei einer zweistelligen Renditeerwartung nicht funktionieren.
Welche Rahmenbedingungen sind erforderlich, damit das gelingen kann?
Wir benötigen verlässliche politische und regulatorische Rahmenbedingungen, vor allem einen langfristig stabilen Förderrahmen. Auch Risikoübernahmen des Bundes und Landesförderinstitute des Bundes und der Landesförderinstitute sowie Haftungsfreistellungen sind in dieser Überbrückungsphase zentral. Gerade während der Investitionspeaks könnten damit in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren Finanzierungen unterfüttert werden.
Solche Absicherungen sind wichtig, um die Kosten der Finanzierung entsprechend gering zu halten. Verlässlichkeit entsteht dadurch, dass wir gerade auf der regulatorischen und politischen Ebene eine klare Richtung haben und sie auch beibehalten, das ist auch für die Investoren entscheidend.
Das Interview führte Hans-Peter Hoeren



