Mehr als 60 Prozent der Fernwärme in Krefeld sind bereits heute klimafreundlich. Doch die bestehende Müllverbrennungsanlage stößt bis 2030 an ihre Kapazitätsgrenzen. Neue Erzeugungsanlagen müssen deshalb schon jetzt geplant werden. Im Interview mit der ZFK erklärt der Vorstandssprecher der Stadtwerke Krefeld, wie neue politische Vorgaben den Fernwärmeausbau bremsen könnten.
Herr Liedtke, der hohe Investitionsbedarf im Wärmesektor treibt zurzeit viele Versorger um. Wie begegnen Sie dem Thema in Krefeld?
Das ist in der Tat auch bei uns das zentrale Thema – und das, was uns vom Investitionsbudget her am stärksten fordert. Wir gehen davon aus, bis 2030 einen dreistelligen Millionenbetrag zu investieren. Das ist zumindest die Größenordnung.
Das Geld fließt in verschiedene Bereiche. Ein Schwerpunkt ist nach jetzigem Stand die Fernwärme – vorbehaltlich einer endgültigen Bewertung des neuen GMG. Denn der Fernwärmenetzausbau ist sehr kostenintensiv. Wir reden mittlerweile über reine Leitungsverlegekosten von etwa 3500 bis 5000 Euro pro Meter.
Dabei bewegen wir uns im verdichteten Raum einer Großstadt und nicht in einem Neubaugebiet. Allerdings müssen wir klar sagen, dass sich die Investitionsreihenfolge für Stadtwerke mit dem neuen Gebäudemodernisierungsgesetz geändert hat.
Inwiefern?
Bislang galt es, die Stromnetze zu verstärken, die Fernwärme auszubauen und Gasnetze schrittweise stillzulegen. Das ist jetzt grundlegend anders. Stichwort "Biotreppe": Eine neu eingebaute Biogasheizung hat eine Lebensdauer von zehn bis 15 Jahren. Gleichzeitig wird für die Stilllegung eines Gasnetzes eine Ankündigungsfrist von zehn Jahren diskutiert.
Jeder Investor in eine neue Biogasheizung wird deshalb von mir verlangen, dass ich das Gasnetz weiter betreibe. Die Regierungspläne, Stromnetz, Fernwärme und Gasnetz gleichzeitig vorzuhalten – letzteres in einen schrumpfenden Absatzmarkt hinein –, werden aber nicht realistisch sein. Fernwärme wird dann zurückstehen müssen, wenn das so bleibt. Für Krefeld würde das bedeuten, dass die Fernwärme weniger stark ausgebaut wird als ursprünglich vorgesehen.
Aber einen Ausbau wird es geben. Was erschwert die Arbeiten innerhalb der Stadt?
Wir treffen zunehmend auf sehr komplexe Netzsituationen: Fundamente im Boden, Leitungskonkurrenz mit anderen Sparten, hochversiegelte Flächen mit Ampelanlagen und Bürgersteigen, Straßenbahnschienen, Kanäle und parallel laufende Baustellen. Das ist hochkomplex – und macht diese Leitungen sehr teuer. Daneben gibt es ein zweites Element, nämlich die Fernwärmeerzeugung.
Wir haben heute eine sehr günstige Erzeugung grüner Fernwärme aus unserer bestehenden Müllverbrennungsanlage. Diese Anlage wird aber bis 2030 an ihre Grenzen kommen. Deshalb werden wir zusätzliche Erzeugungsanlagen bauen müssen – die wir jetzt schon planen. Wir denken insbesondere an Großwärmepumpen an geeigneten Standorten im Stadtgebiet.
Sie sprechen von Kapazitätsgrenzen in der Auskopplung bei der MKVA?
Ja. Die Anlage ist absolut auf dem neuesten Stand, aber an ihren Grenzen angelangt. Wir investieren dort permanent. So kommt demnächst eine neue, deutlich leistungsfähigere Turbine hinzu, die insbesondere die Stromauskopplung noch einmal deutlich effizienter gestaltet.
Die Anlage ist hervorragend geeignet, die Wärmewende in Krefeld abzubilden. Rund 55 Prozent der eingesetzten Stoffe sind biogen, der Rest industrielle Abwärme. Diese Kombination ist im Wärmeplanungsgesetz privilegiert.
Was ist technisch außerdem möglich?
Insbesondere auf dem Gelände unserer Müllverbrennungsanlage sehen wir Möglichkeiten für eine weitere Leistungserhöhung – aber auch durch die Beseitigung von Engpässen im Netz sowie durch die Überarbeitung von Besicherungskapazitäten.
Gleichzeitig müssen wir netzhydraulische Gesichtspunkte berücksichtigen. Unsere heutige Erzeugung liegt im Osten der Stadt, der Verbrauchsschwerpunkt eher im Westen.
Wie hoch ist der Anteil dieser Wärme am gesamten Fernwärmeangebot?
Der Anteil grüner Wärme im Fernwärmesystem liegt bereits heute bei über 60 Prozent. Damit erfüllen wir das Kriterium für 2030 im Grunde schon jetzt. Zusätzlich betreiben wir gasbasierte Besicherungskraftwerke, die wir perspektivisch auf Wasserstoff umstellen müssen.
Krefeld wird voraussichtlich zwei Anschlüsse an das Wasserstoff-Kernnetz erhalten. Die erforderlichen Kapazitäten sind vom vorgelagerten Netzbetreiber bestätigt.
Unser Verteilnetz ist im Wesentlichen H₂-ready. Es besteht überwiegend aus PE-Leitungen. Entscheidend ist nun ein klares Regulierungssystem durch die Bundesnetzagentur für Wasserstoff in den Verteilnetzen.
Thema Leitungsbau: Sind Sie da in Gesprächen über Kooperationen – gerade wegen der Leitungskonkurrenz?
Zum Fernwärmenetz: Unser Ziel vor der Veröffentlichung der Pläne zum neuen GMG war es, insgesamt rund 100 Kilometer Fernwärmeleitung zusätzlich zu bauen. Das wäre eine Verdopplung des bestehenden Netzes. Das hängt aber stark von den politischen Rahmenbedingungen ab – übrigens nicht nur vom GMG. Da stellt sich die Frage: Wollen wir Fernwärme fördern oder eher bremsen? Davon hängt auch ab, wie viel Geld wir in die Hand nehmen.
Fernwärme erfordert immer sprunghafte Investitionen. Ich muss mich bei jeder Hauptleitung entscheiden, ob ich sie wirklich erschließe. Bei uns ist das zum Beispiel ein großes Bauvorhaben entlang der Berliner Straße über mehrere Kilometer – das kostet sofort mehrere Millionen Euro. In dem Moment gehe ich ins Risiko, weil ich noch nicht sicher weiß, ob ich die benötigte Anschlussdichte bekomme. Auch auf der Erzeugungsseite sind präzise Planungen wichtig.
Ich baue eine Großwärmepumpe in der Hoffnung, dass ich die Wärme später auch verkaufen kann. Eine halbe Wärmepumpe gibt es nicht. Diese Entscheidung ist immer mit Risiko verbunden. Großwärmepumpen liegen in der Regel ebenfalls im zweistelligen Millionenbereich. Ob wir mehrere kleinere oder eine große bauen, ist Teil der laufenden Planungen.
Eine halbe Wärmepumpe gibt es nicht.
Wie steht es um die Baukapazitäten für die Vorhaben?
Wir haben uns schon vor Jahren entschieden, eigene Tiefbau- und Rohrleitungsbaukapazitäten aufzubauen. Dafür haben wir zwei Tiefbauunternehmen akquiriert, fusioniert und zu einem Tief- und Rohr- sowie Leitungsbauer erweitert.
Das Unternehmen hat heute rund 120 Mitarbeitende und wickelt einen großen Teil unserer Tiefbauleistungen ab. Das ist für uns sehr attraktiv, weil wir unabhängig sind und eigene Kapazitäten steuern können – inklusive der Priorisierung zwischen den Sparten. Die Kapazitäten sind dauerhaft ausgelastet, etwa zu 80 Prozent allein durch uns.
Reden wir über die Preisbestimmung mit neuen Wärmepreisindizes. Wie geht Krefeld damit um?
Wir haben unser Fernwärmepreissystem bereits auf den neuen Wärmemarkt und den neuen Wärmepreisindex umgestellt. Konkret heißt das: Wir haben Gas im Index reduziert.
Ich glaube, wir haben trotzdem weiterhin einen Fernwärmepreis, der mit rund 15 Cent pro Kilowattstunde unterhalb des Bundesdurchschnitts liegt.

Wenn ich das mit der Entwicklung der Gaspreise vergleiche: Wir sehen aktuell zwar eine gewisse Entspannung, auch durch regulatorische Eingriffe auf Bundesebene. Langfristig sind wir uns aber, glaube ich, alle einig, dass Gas durch Knappheit, steigende CO₂-Preise und höhere Netzentgelte eher teurer werden wird. Die Netzkosten müssen auf immer weniger Kunden verteilt werden. Diese Faktoren wirken langfristig klar nach oben.
Sie haben die Preisindizes also angepasst, obwohl die Gaspreise noch vergleichsweise moderat sind. Hat Ihnen das wirtschaftlich Nachteile gebracht?
Wir haben uns bewusst entschieden, diesen Schritt jetzt zu gehen. Der Gesetzgeber hat ja ausdrücklich dazu aufgefordert, neue Wärmepreisindizes zu verwenden. Unser Ansatz war: Wir wollen das am Anfang der Wärmewende tun – und nicht mittendrin.
Ich hätte es unglücklich gefunden, wenn wir gesagt hätten: Wir trommeln jetzt groß für Fernwärme, gewinnen viele neue Kunden – und ändern dann später das Preissystem. Das wäre nicht fair gewesen. Deshalb stellen wir das System frühzeitig um und schaffen von Beginn an Transparenz.
Natürlich gibt es dabei Fristen sowie Kündigungs- und Anpassungsregelungen. Das wirkt nicht von heute auf morgen. Jetzt gilt das neue System. Die Preisformel ist so transparent, wie es der Gesetzgeber verlangt. Der Wärmepreisindex spielt eine zentrale Rolle, Gas eine deutlich geringere. Damit haben wir genau das System umgesetzt, das auch politisch empfohlen wird.
Das Interview in einer gekürzten Fassung ist zuerst in der aktuellen Printausgabe der ZFK erschienen.



