Die Energieversorger und Netzbetreiber EWE und EnBW wollen den festgefahrenen Streit um neue Netzanschlüsse für Erneuerbare aufbrechen. In einem gemeinsamen Positionspapier schlagen die beiden Konzerne vor, bundesweit einheitliche flexible Netzanschlussverträge (Flexible Connection Agreements, kurz FCA) einzuführen.
Damit reagieren sie auf das geleakte Netzanschlusspaket aus dem Bundeswirtschaftsministerium, das in der Branche für heftige Kritik gesorgt hatte. Kritiker werfen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) das Ausbremsen der Erneuerbaren vor.
Transparenz statt pauschaler Verbote
Zum geleakten Regierungsentwurf gibt es vor allem einen Unterschied: EWE und EnBW wollen keine kapazitätslimitierten Netzgebiete ausweisen, in denen der Anschlussvorrang für Erneuerbare komplett entfällt. Stattdessen sollen Netzbetreiber halbjährlich transparent machen, wo die Netzkapazität begrenzt ist. Dieser sogenannte Redispatch-Vorbehalt hatte zuvor breite Diskussionen ausgelöst.
Als Maßstab schlagen die Unternehmen nun zwei Indikatoren vor. Erstens: Wenn in einer netzplanerischen Simulation die abgeregelte Strommenge im Drei-Jahres-Durchschnitt 10 bis 15 Prozent der möglichen Einspeisung übersteigt.
Zweitens: Wenn die bereits zugesagte Anschlussleistung in 5 bis 10 Prozent der Viertelstunden eines Jahres die Leistung des Netzbetriebsmittels überschreitet. Diese zweite Variante ist vor allem für Photovoltaik-dominierte Gebiete mit saisonalen Einspeisepeaks gedacht.
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Zum Vergleich: Das Regierungspaket von Reiche sieht vor, dass Netzbetreiber Gebiete für bis zu zehn Jahre als kapazitätslimitiert ausweisen können, wenn dort im Vorjahr mehr als drei Prozent der möglichen Einspeisung abgeregelt wurden. Redispatch bedeutet: Strom wird bei Netzengpässen gedrosselt, weil er nicht abtransportiert werden kann.
Drei Optionen für Projektierer
Wo das Netz an seine Grenzen stößt, sollen Projektierer nach dem Vorschlag von EWE und EnBW daher künftig drei Möglichkeiten haben: Sie warten auf den Netzausbau. Sie suchen sich einen anderen Standort. Oder sie schließen einen flexiblen Netzanschlussvertrag ab und gehen trotz Engpass sofort ans Netz.
Diese FCAs sollen für fünf Jahre gelten und sich automatisch verlängern, falls keine Vertragspartei widerspricht. Während dieser Zeit erhalten Anlagenbetreiber für maximal 200 Volllaststunden pro Jahr keine Entschädigung, wenn ihre Einspeisung wegen Redispatch abgeregelt wird. Das entspricht rund 20 Prozent der Volllaststunden einer durchschnittlichen Windanlage in Deutschland.
Der Netzbetreiber kann wählen, ob diese 200 Stunden flexibel anfallen oder ob er bestimmte Zeitfenster festlegt. Stunden mit negativen Großhandelspreisen werden nicht auf das Kontingent angerechnet.
BEE: Gute Ansätze, aber zu hohe Risiken
Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) begrüßt den Vorstoß grundsätzlich. "Das geleakte Netzpaket hätte so negative Folgen für die Energiewende, dass wir neue Diskussionsbeiträge grundsätzlich begrüßen", teilt der Verband mit. Die Standardisierung von FCAs sei sinnvoll, weil sie Planbarkeit schaffe und Verwaltungsaufwände reduziere.
Positiv bewertet der BEE auch, dass es keine pauschale Ausweisung kapazitätslimitierter Gebiete geben soll. Stattdessen würden die halbjährlichen Simulationen "lokale Steuerungssignale" senden.
Doch an einem zentralen Punkt scheiden sich die Geister: Die bis zu 20 Prozent nicht entschädigte Abregelung seien "in diesem Umfang nicht tragfähig", kritisiert der BEE. In dieser Größenordnung würde die Investitionssicherheit ebenso gefährdet wie beim Redispatch-Vorbehalt der Bundesregierung. Hinzu kämen noch Verluste durch negative Strompreise, die die Projektkalkulation weiter erschwerten. "Einen zweiten Redispatch-Vorbehalt unter einem anderen Titel braucht es nicht", heißt es vom Verband.
Netzausbau muss schneller werden
Ein Punkt eint alle Beteiligten: Der Netzausbau muss beschleunigt werden. EWE und EnBW fordern eine "Deutschlandgeschwindigkeit für die Energiewende" mit schnelleren Genehmigungsverfahren auf Verteilnetzebene. Das geplante Infrastruktur-Zukunftsgesetz solle um Belange der Energiewirtschaft erweitert werden.
Auch der BEE unterstützt diese Forderung. In den vergangenen Jahren sei auf allen Ebenen viel zu wenig geschehen, kritisiert der Verband. Die Netze hätten mit der Transformation der Erzeugung nicht Schritt gehalten. Diese Versäumnisse müssten jetzt dringend aufgeholt werden.
Das Fazit des BEE fällt gespalten aus: "Der Vorschlag hat Potenzial, aber auf die Ausgestaltung kommt es letztlich an." Ob die Initiative von EWE und EnBW den festgefahrenen Streit um das Netzanschlusspaket aufweichen kann, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Eine offizielle Fassung des Regierungsentwurfs liegt weiterhin nicht vor.



