Traditionell tut sich in der Direktvermarktung Mitte des Jahres weniger als zum Jahreswechsel. Und doch gab es auch diesmal wieder bemerkenswerte Verschiebungen. Schon im Januar schwang sich der Karlsruher Energiekonzern EnBW bundesweit zur Nummer eins auf. Diese Position baute der Direktvermarkter seitdem aus.
Das Portfolio wuchs um weitere 360 MW auf insgesamt 11.070 MW. Dabei sind Wind- und Solaranteile mit jeweils mehr als 5000 MW fast gleich groß. Biomasse spielt im EnBW-Portfolio mit insgesamt 65 MW dagegen nur eine untergeordnete Rolle.
Quadra vor Statkraft
Fast genauso stark legte das Düsseldorfer Handelshaus Quadra Energy zu, das vorwiegend Windenergieanlagen vermarktet. Das Portfolio des Unternehmens stieg von 8650 auf 9000 MW. Damit zog Quadra am früheren Marktführer Statkraft vorbei und belegt im neuen ZfK-Direktvermarktungsranking Platz zwei.
Statkraft selbst ordnet sich mit einem Portfolio von 8500 MW jetzt auf Rang drei ein. Im Vergleich zum Jahresbeginn gab das Unternehmen 700 MW ab. Im Vergleich zum Jahresanfang 2022 ist das Portfolio um knapp ein Viertel kleiner geworden.
Engie-Portfolio wächst deutlich
Statkraft-Direktvermarktungsexperte Marc Kohlenbach hatte jedoch bereits im Januar klargestellt, dass es nicht das Ziel des Unternehmens sei, Marktführer in der Direktvermarktung zu sein, "sondern profitabel zu arbeiten und unseren Kunden faire und nachhaltige Angebote zu bieten." Das Unternehmen hatte in der Energiekrise bei allen Neuverträgen von einer statischen auf eine dynamische Risikoprämie umgestellt.
Den stärksten unterjährigen Wachstumsschub in der Spitzengruppe verzeichnete zuletzt der französische Energieriese Engie mit seiner Tochtergesellschaft Engie Deutschland. Das Portfolio wuchs hier innerhalb von sechs Monaten von 3400 auf 4000 MW. Damit sprang das Unternehmen erstmals in die ZfK-Liste der zehn größten Direktvermarkter.
MVV weiter unter Top 10
"Wir haben in den vergangenen Jahren viel investiert, um als verlässlicher Partner auch in Deutschland Fuß zu fassen", sagt Engie-Direktvermarktungsexperte Tobias Heyen. "Das trägt jetzt Früchte."
Einziger mehrheitlich kommunaler Direktvermarkter in der Liste ist der Mannheimer Versorger MVV mit einem zum Vergleich zum Jahresanfang gleich gebliebenen Portfolio von 4400 MW. 3200 MW entfallen auf Windanlagen, 1100 MW auf Photovoltaik und 100 MW auf Biomasse.
Preismodell und Redispatch
Nach einem Ausnahmejahr mit historisch hohen und schwankenden Großhandelspreisen stabilisierten sich die Strommärkte in den ersten sechs Monaten dieses Jahres wieder. Doch die Krise hat Spuren hinterlassen.
"Lange Zeit wurde in der Direktvermarktung nur um die geringsten Margen gekämpft", sagt Thomas Krings, Sprecher der Geschäftsführung bei Quadra Energy. Mittlerweile komme es aber zunehmend auch auf andere Aspekte an. Das Preismodell habe sich geändert. "Viele Direktvermarkter haben wie wir auf variable Modelle umgestellt." Zudem spielten weitere Dienstleistungen vor allem im Redispatch-Bereich eine viel größere Rolle. "Die Frage ist hier: Wer ist in der Lage, das vernünftig abzubilden?"
Wechseloption zu PPAs
Und dann würde das Thema PPA, also ein Stromliefervertrag mit längerfristiger Preisabsicherung, immer wichtiger. "Kunden wollen gegebenenfalls auch Preise über einen längeren Zeitraum absichern und suchen sich Vermarkter, die dieses Segment bedienen können."
Der Wechsel von der Direktvermarktung hin zu PPAs war für viele Anlagenbetreiber vor allem zu Zeiten hoher Strompreise sehr attraktiv. Angesichts gesunkener Strompreise hat das Interesse daran insbesondere bei Betreibern von EEG-Anlagen jedoch zuletzt wieder abgenommen.
"Gespannt auf zweite Jahreshälfte"
Insgesamt sei der Wettbewerb in der Direktvermarktung im Vergleich zum vergangenen Jahr wieder "deutlich intensiver", sagt Engie-Direktvermarktungsexperte Heyen. "Die Preisstruktur ist divers wie vor der Krise. Hier gibt es große Diskrepanzen. Ich bin sehr gespannt auf die zweite Jahreshälfte, wenn die großen Ausschreibungen kommen." (aba)
Mit diesem Artikel beginnt die ZfK eine kleine Sommerserie zum Thema Direktvermarktung. In den nächsten Tagen erscheint auf diesen Seiten nicht nur eine aktualisierte Direktvermarktungsübersicht mit mehr als 40 Teilnehmern, sondern auch ein Beitrag mit Fokus auf kommunale Direktvermarkter. Zudem ist eine Liste führender Direktvermarkter in Einzeltechnologien geplant.
Hinweis: Sie sind Direktvermarkter, sind nicht von der ZfK angeschrieben worden, wollen aber in die neue Liste aufgenommen werden. Dann wenden Sie sich gern an den ZfK-Redakteur Andreas Baumer (a-baumer(at)zfk(dot)de).



