Stadtwerke in ganz Deutschland analysieren aktuell, welche Auswirkungen eine Mangellage beim Erdgas hat und welche Industriekunden dann möglicherweise abzuschalten sind.
Um mehr über die aktuelle Versorgungslage und die Versorgungsrisiken im kommenden Winter zu erfahren, haben die im Verband Geode Deutschland eine Kurzstudie in Auftrag gegeben. Die Vereinigung hat europaweit über 1400 Mitglieder aus dem Bereich der privaten und öffentlichen Strom- und Gasverteilerunternehmen.
"Risiko einer Gasversorgungsunterbrechnung bleibt sehr hoch"
„In der aktuellen Situation bleibt das Risiko einer freiwilligen oder unfreiwilligen Gasversorgungsunterbrechnung sehr hoch. Eine Diversifikation vom russischen Gas ist eine Mammut-Herausforderung, die kurzfristig nicht vollständig erfolgen kann. Weiterhin sind die Herausforderungen nur europäisch lösbar“, heißt es in der jetzt fertig gestellten Analyse der BBH Consulting AG und der Kanzlei Becker Büttner Held unter Mitarbeit des Fachjournalisten Heiko Lohmann und von Professor Joachim Müller-Kirchenbauer von der TU Berlin.
Der BDEW hat die Bundesregierung ohnehin aufgefordert, die Frühwarnstufe im Notfallplan Gas auszurufen.
Schnelle und effiziente Speicherregulierung zentral
Zu den dringendsten Handlungsfeldern gehören laut der Analyse eine schnelle und effiziente Speicherregulierung, die die Voraussetzungen schaffe, dass die Speicher zum Winter maximal gefüllt seien. Auch im Frühjahr und Sommer komme es dabei auf jede Kilowattstunde an, um die Speicher bis zum Winter maximal füllen zu können.
Darüber hinaus müssten die Fragen der LNG-Beschaffung und der innereuropäischen Verteilung schnellstmöglich angegangen werden. Potentiale werden auch in einem zeitlich verzögerten Kohle- und Atomausstieg gesehen.
Warnung vor Kaskadeneffekten im Energiehandel
Die Autoren orten neben physischen, aber auch finanzielle Systemrisiken durch die massiven Preisanstiege und Volatilitäten der vergangenen Monate. Energiehändlern, Energieversorgungsunternehmen und weiteren Energiemarktteilnehmern drohten teilweise Liquiditätsengpässe.
Diese könnten im schlimmsten Fall zu Kaskadeneffekten führen. Auch in diesem Bereich müsse sichergestellt werden, dass durch Liquiditätsprobleme und den sich daraus ergebenden Kaskaden kein funktionelles Versagen der Energiewirtschaft drohe, heißt es.
"Erhebliche Unsicherheiten"
„Die Studie zeigt, dass eine Gasmangellage spätestens im kommenden Winter wahrscheinlich ist, wenn die russischen Gasflüsse zum Beispiel durch ein europäisches Embargo komplett ausfallen“, sagt Lars Dittmar, der für die Studie verantwortliche Projektleiter bei BBH Consulting AG.
Die Studie habe gezeigt, dass erhebliche Unsicherheiten bestehen, ob und in welchem Umfang kurzfristig Alternativen zu Erdgas sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite bestehen, erklärt Götz Brühl, Geschäftsführer der Stadtwerke Rosenheim und Vorstandsvorsitzender von Geode Deutschland.
Die Geode-Mitglieder würden deshalb in ihren Netzgebieten Potenziale ermitteln, die sowohl vor als auch in einer Krisenlage, die Nachfrage nach Erdgas reduzieren oder ein alternatives Angebot schaffen. „Die Aufgabe von Stadtwerken in der aktuellen Situation besteht vor allem darin, für alle Kunden Lösungen zu finden, die warme Wohnungen sichern und industrielle Produktion ermöglichen“, betont Brühl.
"Rechtsrahmen bei Abschaltreihenfolge muss konkretisiert werden"
Christian Held, BBH-Partner und stellvertretender Geode-Vorsitzende ergänzt: „Die Studie macht auch eine ganze Reihe von rechtlichen Fragestellungen deutlich, die mit einer Unterbrechung von Lieferungen verbunden sind. Bezüglich der Abschaltreihenfolge bei Industriekunden muss zum Beispiel der Rechtsrahmen konkretisiert werden.“ (hoe)



