Wie weit sind denn die Stadtwerke aus Ihrer Sicht schon bei der Klimaneutralität?
Stadtwerke beschäftigen sich schon seit Jahren mit Fragen des Klima- und Umweltschutzes und sind oft der erste Ansprechpartner für Energieeffizienz und Städteplanung für ihre Kommunen und Kunden. Stadtwerke haben schon heute einen großen Anteil an den erheblichen Emmissionsminderungen in der Energiewirtschaft. Mit Blick auf die Erreichung von Klimaneutralität stehen Stadtwerke allerdings vor großen wirtschaftlichen, infrastrukturellen und technischen Herausforderungen. Schon heute sehen wir viele interessante Pilotprojekte und Einzelmaßnahmen in Sachen Elektromobilität, Umrüstung des ÖPNV, PV-Ausbau oder auch Netzplanung und Quartierslösungen. Was häufig aber noch fehlt ist ein strukturierter und ganzheitlicher Ansatz.
Was sind die wichtigsten Knackpunkte und Hebel für den Weg zur Klimaneutralität?
Unsere Analysen zeigen deutlich, die größten Effizienzgewinne liegen in der Wärmeversorgung, da hier zumeist auch die größten Emissionen anfallen. Um Umstellung von einer konventionellen, zentralen zu einer erneuerbaren und dezentralen Fernwärmelösung ist technisch anspruchsvoll und auch wirtschaftlich herausfordernd. Hier sind die Möglichkeiten lokal sehr unterschiedlich. Dabei gilt es auch die sich im Kontext der CO2-Bepreisung sowie der langfristigen Auswirkungen des Ukraine-Krieges ändernden Wirtschaftlichkeitsrelationen zwischen den Versorgungstechnologien zu berücksichtigen. Wärmeplanungen sind hierfür ein gutes Werkzeug – insbesondere zur Ableitung kommunaler Versorgungsstrategien auf Grundlage ökologisch-/wirtschaftlicher Optima auf Einzelgebäudeebene.
Worauf kommt es bei der Beratung an?
Klimaneutralität ist ein Langläufer. Es geht darum, das langfristige Ziel in Zwischenetappen aufzuteilen, diese zu steuern und flexibel auf Änderungen der Rahmenbedingungen (z.B. regulative, wirtschaftliche) reagieren zu können. Wichtig sind daher ein strukturierter Ansatz und eine individuelle Beratung, insbesondere im Hinblick auf Wärmeversorgung. Wir empfehlen zunächst die Erstellung einer Klimabilanz für das Stadtwerk und auch für die Kommune. Klimabilanzen ermöglichen einen Überblick über die Emittenten und damit einen Einblick in schnell und günstig zu erreichende Emissionsminderungen sowie über langfristig schwer umzusetzende Projekte. Durch eine Klimabilanz erhält das Stadtwerk Transparenz über Gesamtemissionen und Hauptemissionstreiber. Mit der permanenten Erhebung der Zahlen können Fortschritte gut gemessen werden und Ziele definiert werden. Mit einer darauf aufbauenden Roadmap erreicht man einen strategischen Ansatz, zur Erreichung von Klimaneutralität inklusive Minderungspotenzial und Kosten einzelner Maßnahmen. So lässt sich Klimaneutralität kosteneffizient erreichen. Das iterative Vorgehen ermöglicht kontinuierliches Nachsteuern im Hinblick auf die Zielerreichung und macht Fortschritte und Herausforderungen transparent.
Das Interview führte Hans-Christoph Neidlein



