Im zweiten Teil des Interviews spricht Thies Langmaack über die aktuelle Situation nach der Krise und die Rolle von Kooperationen und dynamischen Tarifen.
Herr Langmaack, wie bewerten Sie die Marktsituation aktuell?
Mittlerweile sehen wir, dass die Terminmärkte wieder funktionieren und der OTC-Markt fast zum Normalniveau zurückgekehrt ist, auch wenn dort sicherlich noch eine gewisse Vorsicht herrscht und auch geboten ist. Die aktuell rasant gefallenen Preise kommen in der Geschwindigkeit fast genauso überraschend, wie die Preisexplosion vor zwei Jahren. Dabei hat sich fundamental gar nicht so viel geändert. Wir haben zwar in Europa Gasmengen über LNG-Verträge gesichert, doch die Welt ist sicher nicht einfacher geworden. Getrieben durch aktuelle politische Ereignisse ist jedoch in den Commodities Strom und Gas eine Bodenbildung zu erkennen.
Sehen Sie den OTC-Handel derzeit auf einem Abstellgleis?
Nein. Aus Marktfolgegesichtspunkten und einer Risikobetrachtung ist es in der Tat so, dass der Handel mit einem stabilen und verlässlichen OTC-Partner liquiditätsschonend ist. Das branchenweite Überlaufen der Einzel-Limits war trotz frühzeitiger Anbremsfunktion aufgrund der regelrechten Preisexplosion unvermeidbar. Dennoch, in dieser Phase hat vermutlich jeder Marktteilnehmer die Luft angehalten. Mittlerweile sind die Limitauslastungen wieder deutlich zurückgelaufen, doch immer noch liegen bei vielen Handelspartnern diese bei 70 bis 100 Prozent. Die kritische Phase ist zwar vorbei, doch wir befinden uns noch in einem Umfeld, wo das Risikomanagement den operativen Handel mit einzelnen OTC-Partnern noch sperren muss. Das ist nicht nur bei MVV der Fall, sondern bei vielen größeren Handelshäusern und Playern am Markt.
Wie wollen Sie OTC und Börse in Ihrem Portfolio künftig gewichten?
Aktuell tendieren wir dazu, unsere bereits eben erläuterte ausgeglichene Position zwischen Börse und OTC zu halten. Es ist ein Kompromiss aus Adressausfallrisiko und Liquiditätshinterlegung. Wir sind glücklicherweise in der Lage, diese kostenintensive und kapitalzehrende Hinterlegung bei der Börse auszuhalten. Bei den kleineren Versorgern oder reinen Erzeugungsunternehmen könnte es je nach Marktpreisverlauf aber durchaus dazu kommen, dass diese Strategie nicht durchgehalten werden kann und am Ende des Tages wieder nur eines im Vordergrund steht: die Vermeidung von Liquiditätsengpässen.
Wie bewerten Sie die Bedeutung von dynamischen Tarifen?
Sie werden mit Sicherheit an Bedeutung gewinnen. In der Öffentlichkeit kommt oft die berechtigte Frage, warum der eine oder andere Versorger so teuer sei. Bei den Vergleichsportalen sind gerade wieder einige Anbieter weit oben aufgelistet, die in ihrer Einkaufsstrategie einen hohen Spotanteil haben. Wir verzichten auf punktuelle, zeitlich befristete Platzierungen und werden auch keinen Preiskampf gegen einzelne Unternehmen führen, die ihre Liquidität teilweise über Vorkasse herstellen und bei erneut steigenden Preisen teilweise wieder von der Bildfläche verschwinden oder Preisspitzen zu Lasten des Endkunden direkt 1:1 durchreichen.
Wir hingegen glätten mit unseren Produkten für den Endverbraucher diese Schwankungen am Markt mit langfristigen Beschaffungsstrukturen. Perspektivisch ist es möglich, dem Kunden auf Wunsch Alternativen zu bieten, um direkter an den Marktentwicklungen zu partizipieren. Ein mögliches Produkt in diesem Zusammenhang sind eben die dynamischen Tarife, die allerdings auch risikobehafteter sind, wenn die Marktpreise wieder steigen.
Im B2B-Kontext sind solche Tarife schon seit Jahren üblich, weil diese Kunden sich meist aktiver mit den Preisentwicklungen professionell beschäftigen. Sofern zukünftig der Wunsch bei einem Teil der Privatkunden hin zu einer eigenen Marktmeinung und zu dynamischen Tarifen besteht, muss man sagen: mit allen Chancen, aber auch Risiken. Wirklich Sinn machen dynamische Tarife eigentlich in der Welt von morgen nur dann, wenn sich das Verbrauchsverhalten ebenfalls entsprechend agil verhält, bestmöglich unterstützt durch ein intelligentes Energiedatenmanagement.
Für die kleineren Versorger ist die Einführungspflicht eines dynamischen Tarifs eher lästig.
Sicherlich ist ihre Einführung, Etablierung und Bewertung mit einem Aufwand verbunden. Doch ich glaube, dass aufgrund der Energiewende und der angestrebten Verbrauchsoptimierung das Thema zukunftsfähig ist und unter dem Strich perspektivisch Vorteile für die Verbraucher mit sich bringen kann.
Einige Stadtwerke haben in der Hochphase der Krise zusätzliche Mengen zu hohen Preisen einkaufen müssen. Wie konnte es so weit kommen?
Ich unterstelle im Positiven, dass bis auf absolute Einzelfälle keine spekulativen Beweggründe dahinterstehen. Man muss fairerweise sagen, dass mittlere und kleinere Stadtwerke bezüglich Marktmeinung, Beschaffung und Energiehandel häufig einfach keine oder nur geringe Kapazitäten haben, um ein fundiertes Bild zum globalen Handelsgeschehen zu erhalten.
"In der Krise haben sich viele kleinere Versorger auf die Strategie verlassen, gewisse Restmengen offen zu halten."
Das Stadtwerkegeschäft war üblicherweise von einer Vollversorgung geprägt und das jahrelang. Die klassischen Vollversorgungsverträge wird es auf absehbare Zeit nicht mehr geben, weil die Risikoaufschläge zu hoch sind. Ich denke, dass viele kleinere Versorger sich in der Krise auf die Strategie verlassen haben, gewisse Restmengen offen zu halten. Das hat auch in der Vergangenheit gut funktioniert, allerdings nur, wenn die Preissprünge nicht zu groß waren. Mit etwas Geschick und Marktmeinung ist das vielfach ergebnisseitig positiv genutzt worden.
Dann aber kam diese Ausnahmesituation…
Es gab auch Stadtwerke, die größere Teile ihres Portfolios über den Spothandel eingedeckt haben. Das hätte im normalen Marktumfeld, was Preisschwankungen und Dauer der Preisphasen betrifft, früher negative EBIT-Effekte von vielleicht 50.000 bis 100.000 Euro hervorgerufen. Das wäre noch händelbar gewesen. In der Krise mussten Sie diese Belastung aber mit dem Faktor 10 oder sogar 100 multiplizieren. Dieser Effekt war dann auf einmal nicht mehr zu bewältigen.
Eine professionelle Dienstleisterpartnerschaft oder Geschäftsbeziehung zu einem Handelshaus wie der MVV Trading oder unserer Tochtergesellschaft der "endanet" – die sich exklusiv um Stadtwerkethemen kümmert – hätte jedoch in diesen Situationen frühzeitig helfen können, eine solche Krise zu bewältigen. Ein klassisches Aussitzen der Hochpreisphase gestaltete sich bei kontinuierlich steigenden Preisen mit zunehmender Dauer schwierig. Einzelne Marktteilnehmer wurden dafür dann hart bestraft, dabei hätte es gute Optionen gegeben, bei frühzeitiger Maßnahmenergreifung potenziellen Schaden zu minimieren.
Ich bleibe dabei: Eine eingekaufte professionelle Portfolioführung lohnt sich, weil ein kleines Stadtwerk die heutige Komplexität der Themen im Alleingang nicht mehr bewältigen kann. Die erforderlichen monetären Aufwände sind hoch, zudem ist es meist schwer, die erforderlichen Fachkräfte insbesondere im ländlichen Raum zu gewinnen. Kooperationen und Partnerschaften sind hier die richtige Lösung. Das sorgt für Stabilität bei kritischen Ereignissen von morgen, die definitiv eintreten können.
"Partnerschaften und Kooperationen verlangsamen die Prozesse nicht, ganz im Gegenteil."
Das Gegenargument dazu lautet: Das Auslagern solcher Kompetenzen führt zur Beschränkung der Handlungsfreiheit und verzögert dabei die strategischen Entscheidungen.
Die letzte Entscheidungskompetenz liegt in jedem Fall immer beim Stadtwerk. Wir treffen auch keine aktiven Entscheidungen oder sprechen konkrete Handlungsempfehlungen aus, die einer Bafin-Lizenz bedürfen. Aber unsere Partner profitieren von einer klaren Sicht, die wir auf den komplexen Energiegroßhandel haben und so Signale früher erkennen und deuten können. Sie profitieren zudem von der implementierten IT-Infrastruktur, die für ein erfolgreiches Agieren notwendig ist. Sofern gewünscht, ist es auch möglich, auf das komplette Produktportfolio des MVV-Konzerns zurückzugreifen.
Partnerschaften und Kooperationen verlangsamen die Prozesse nicht, ganz im Gegenteil. Sie ermöglichen kleineren Stadtwerken auf effiziente Weise, von aktuellen Entwicklungen zu profitieren, ohne die erforderlichen Kompetenzen direkt selber aufbauen zu müssen.
Das Interview führte Artjom Maksimenko
Lesen Sie im ersten Teil des Interviews, wie MVV die Energiekrise erlebte und welche Auswirkungen sie heute auf die Handels- und Beschaffungsstrategie des Konzerns hat.



