EEX-Vorstandsvorsitzender Peter Reitz

EEX-Vorstandsvorsitzender Peter Reitz

Bild: © EEX

Es ist wieder eine gewisse Normalität auf Europas Strom- und Gasmärkten eingekehrt. Das schlägt sich auch in den Handelsvolumina der Leipziger Energiebörse EEX nieder.

So wuchs der deutsche Strom-Terminmarkt der Börse im ersten Halbjahr 2023 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 26 Prozent und erreichte ein Volumen von 1604 TWh. Geringer fiel der Anstieg im außerbörslichen Handel aus. Die Londoner Energiebrokervereinigung Leba ermittelte für die Monate Januar bis Juni ein Plus von vier Prozent auf 1264 TWh.

"Markt erwartet, dass Schlimmstes überstanden ist"

"Der Markt hat wieder Vertrauen zurückgewonnen, die Liquidität ist wieder deutlich gestiegen, vor allem auch in den längerfristigen Kontrakten", sagt Peter Reitz, Vorstandsvorsitzender der EEX, im ZfK-Interview.

"Das zeigt sich auch bei den Preisen, die wieder spürbar gesunken sind. Je länger man in die Zukunft schaut, desto niedriger ist das Preisniveau." Der Markt habe die Energiekrise noch nicht abgehakt. "Aber er erwartet, dass das Schlimmste überstanden ist."

Weiter Zuwachs bei Gashandel

Während die Strom-Handelsvolumina der EEX im vergangenen Jahr inmitten historisch hoher und stark schwankender Preise zum Teil deutlich zurückgingen, wenn auch nicht so stark wie im außerbörslichen Handel, legten sie auf den Gasmärkten kräftig zu. (Die ZfK berichtete.) Dieser Trend hält an.

Allein im ersten Halbjahr wuchs der europäische Gas-Terminmarkt der EEX um 36 Prozent gegenüber Januar bis Juni 2022. Zur Einordnung: ICE Endex bleibt weiterhin die in Kontinentaleuropa führende Börse für Gas-Termingeschäfte. Im börslichen Kurzfristhandel liegt dagegen die EEX vorn.

THE kauft Gas über EEX-Plattform

Die Leipziger dürften in den vergangenen Monaten von mehreren Entwicklungen profitiert haben. Zum einen deckten sich große Gasimporteure verstärkt über die Börse ein, um nicht mehr gelieferte russische Gasmengen zu kompensieren. Zum anderen kaufte der deutsche Marktgebietsverantwortliche THE an der EEX im großen Stil Gas ein, um im Auftrag der Bundesregierung mehrere Speicher zu füllen. Seit Oktober 2022 ist das Unternehmen auch für den EEX-Terminhandel zugelassen.

Reitz nennt noch andere Faktoren. Händler hätten das Ausfallrisiko bei Gasgeschäften deutlich höher bewertet als früher. "In solchen Krisenzeiten sind die Dienstleistungen eines Clearinghauses, die Lieferung und Zahlung jeder Transaktion garantieren, besonders wertvoll und stärker nachgefragt."

Vorteil Clearinghaus

Außerdem hätten Marktteilnehmer neben Strom- vermehrt Gaspositionen in das EEX-Clearinghaus European Commodity Clearing (ECC) gebracht, um Sicherheitsanforderungen zu reduzieren. "Die ECC rechnet Forderungen und Verbindlichkeiten von Positionen am Markt gegeneinander auf und betrachtet das Nettorisiko. Das kann in einer Kombination aus gegenläufigen Strom- und Gaspositionen aufgrund von Verrechnungseffekten deutlich kleiner sein."

Stärker nachgefragt sei das EEX-Clearinghaus auch auf dem wieder wachsenden PPA-Markt, sagt Reitz. "Denn ein PPA sichert über einen längeren Zeitraum Preise ab, nicht aber das Kreditausfallrisiko." Hier komme die ECC ins Spiel.

Terminkontrakte bis zu zehn Jahre

"Viele Marktteilnehmer nutzen dann unsere Standardkontrakte, um die Lieferung und Zahlung ihrer Verträge zu garantieren." Die EEX bietet Terminkontrakte bis zu zehn Jahre im Voraus an.

Reitz hält die Kombination aus PPA und Börsenabsicherung auch für eine gute Lösung, um den Ausbau erneuerbarer Energien anzureizen und den Grünstromhandel zusätzlich zum Kurzfrist- auch im Langfristbereich zu etablieren. Eine Lehre aus der Krise sei, dass liquide Terminmärkte wichtig sind.

"Der Staat ist nur bedingt der bessere Akteur"

Sogenannte Zwei-Seiten-Differenzverträge mit staatlich garantierter Absicherung nach unten und Deckel nach oben, wie ihn die Europäische Union derzeit diskutiert, seien "dafür nicht das beste Marktdesign", sagt der Manager. "Der Staat ist nur bedingt der bessere Akteur. Wenn er dem Markt Konkurrenz macht, trocknet er ihn aus."

Noch weniger hält Reitz von einer möglichen Verankerung einer Erlösabschöpfung im neuen EU-Strommarktdesign. "Das ist ein sehr tiefgreifender Markteingriff", sagt er. "Das wäre auch ein fatales Signal für Investoren in erneuerbare Energien, wenn man ihnen sagt: Ihr könnt zwar gern euren Strom am Markt verkaufen, aber wenn ihr zu viel Geld verdient, nehmen wir es wieder weg."

Handelsplattform für Wasserstoffmärkte

Der spanische Europaabgeordnete Nicolás González Casares hatte in seinem Vorschlag zu einem neuen Strommarktdesign noch eine Erlösabschöpfung in Preiskrisenzeiten verankert. In der am Mittwoch vom Energieausschuss verabschiedeten Version wurde diese Passage jedoch praktisch getilgt.

Weit in die Zukunft weisen ein Wasserstoff-Index und eine Handelsplattform für Wasserstoffmärkte, die die EEX entwickelt und jüngst vorgestellt hat. Erster Auftraggeber für die Nutzung der Plattform ist das Leipziger Unternehmen Hintco, eine Tochter der von der Bundesregierung unterstützten H2-Global-Stiftung. (Die ZfK berichtete.)

Unterstützung bei Wasserstoffmarkt-Hochlauf

"Wir glauben, dass Wasserstoff langfristig in einer vollständig dekarbonisierten Welt eine große Rolle spielen wird", sagt Reitz. "Mit unserem Wasserstoff-Index Hydrix schaffen wir Transparenz, damit Investoren ein klares Bild haben, was man denn für grünen Wasserstoff erlösen kann."

Und mit der Plattform könnten von H2-Global eingekaufte Mengen voraussichtlich schon Ende 2024 dem Markt zur Verfügung gestellt werden. "Damit wollen wir den Hochlauf des Wasserstoffmarktes mit unserer Expertise unterstützen." (aba)

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