In Hannover und Köln haben Bürgerinitiativen im Dialog mit den örtlichen Regionalversorgern direkten Einfluss auf die Energiewende vor Ort und teils auch auf den Fahrplan genommen. Auch in Chemnitz hat der örtliche Versorger „Eins Energie“ über einen längeren Zeitraum mit der Fridays for Future nahestehenden Gruppierung „Students for Future Chemnitz“ einen Dialog über die Zukunft der Energieversorgung in der sächsischen Großstadt geführt. Obwohl weiterhin, teils deutlich auseinanderliegende Positionen bestehen, herrscht im Grundsatz doch Einigkeit über die anstehende Transformation der Energieversorgung.
In einem offenen Brief an die Politik fordern der Energieversorger und die Studenten unter anderem, dass bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand für Großprojekte auch Umwelt- und Klimakriterien bei der Bewertung herangezogen werden. Die CO2- Emissionsbilanz, Energieeffizienz etc. müssten künftig neben dem Preiskriterium ebenso signifikante Bestandteile von Bewertungen in Ausschreibungen werden,.
Konkret wird die Politik aufgefordert, perspektivisch eine Expertenkommission einzusetzen, die eine Reform der Ausschreibungs- Rahmenbedingungen erarbeitet. Diese soll harte Faktoren für Umwelt-, Klima-, und anderweitige Belastungen (Sozial-, Gesundheit-, etc.) ermitteln, damit diese in öffentlichen Ausschreibungen neben der ökonomischen Betrachtung stärkeren Eingang in die Bewertung finden.
Mehr Fördermittel für Innovationen bei grüner Wärme angemahnt
Außerdem machen sie sich für entsprechende Rahmenbedingungen für eine ökologische und planungssichere Wärmewende stark, die sich an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert. Gefordert wird unter anderem eine Förderung des Umstiegs auf erneuerbare Wärme sowie Innovationsförderungen mit ausreichender finanzieller Ausstattung, um die Wärmewende zu beschleunigen. Außerdem sollten Zielpfade und Randbedingungen zum weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien und Einführung erneuerbarer Gase entwickelt werden, um in der Lage zu sein, rechtzeitig aus sogenannten „Brückentechnologien“ aussteigen zu können.
Eins-Chef Warner: "Bereichernder und konstruktiver Austausch"
"Ich finde es sehr beeindruckend, wie intensiv sich die jungen Menschen bei Students for Future Chemnitz mit dem Spannungsfeld zwischen Klimazielen und Versorgungssicherheit beschäftigen. Der gemeinsame Austausch war überaus konstruktiv und bereichernd. Nur so kann es auch gelingen, die riesigen gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen zu bewältigen. Klimaschutz bei gleichzeitig verfügbarer und bezahlbarer Energie geht uns alle an. Die Politik muss hier noch deutlich bessere Voraussetzungen schaffen, damit dies gelingen kann“, erklärte Roland Warner, Vorsitzender der Geschäftsführung von Eins Energie gegenüber der ZfK.
Die Positionen von Eins Energie und den vorrangig aus dem Bereich der Energiewissenschaften stammenden Studenten differierten dabei gerade mit Blick auf das energiepolitische Zieldreieck. Während für die Studenten hier der Klimaschutz und ein radikaler Umbau der Energieversorgung das ausschlaggebende Kriterium war, gewichtete Eins Energie auch Themen wie Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit entsprechend.
Es herrschte aber grundsätzlich Konsens darüber, dass eine schnelle und umfassende Reduktion der Emissionen dringend notwendig ist, um die erforderlichen Einsparungen zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels zu erfüllen und das Pariser Klimaschutzabkommen einzuhalten und dass dafür die Rahmenbedingungen verändert werden müssen.
"Guter und aufwändiger Prozess"
„Wir haben uns in zahlreichen Treffen, oft auch kontrovers ausgetauscht. Es war ein aufwändiger, aber guter Prozess. Die Energiezukunft und die Energiewende sind sehr komplexe Themen. Für die Akzeptanz ist eine Miteinbeziehung und Partizipation von Bürgern und der Zivilgesellschaft unerlässlich“, sagt Astrid Eberius, Leiterin Unternehmenskommunikation bei Eins Energie.
Gasmotorenanlage löst Braunkohle-HKW ab
Der Regionalversorger will unweit der Innenstadt gelegenes Braunkohle-Heizkraftwerk durch eine Gasmotorenanlage ersetzen. Der Plan sieht vor, dass die beiden Kohleblöcke im Heizkraftwerk Nord 2023 abgeschaltet werden. Nach neuen Plänen der Bundesregierung gibt es Überlegungen, die Laufzeit der Braunkohlekraftwerke in Deutschland zu verlängern, um den Gasverbrauch zu verringern. Es gebe auf Bundesebene aber noch keine konkreten Festlegungen dazu, heißt es weiter. Erst wenn die politischen Rahmenbedingungen feststünden, können wir eine Entscheidung dazu treffen.
Auch über den Bau eines Abfallheizkraftwerkes am Kraftwerksstandort HKW Nord wird nachgedacht. Dieses könnte die Grundlast im Wärmebereich absichern. Würde das Projekt realisiert, wären künftig bis zu 17,5 Prozent der Fernwärmeversorgung in Chemnitz grün.
Eins Energie will bis 2045 klimaneutral sein
Aktivisten von Fridays for Future fordern hingegen eine schnellere Umsetzung der Energiewende und einen sofortigen Ausstieg aus den fossilen Energien. Erst in den vergangenen Wochen wurde in Chemnitz wieder zum Klimastreik aufgerufen, die Route führte auch am Kraftwerksstandort von Eins Energie vorbei.
Der Energieversorger strebt bis 2045 die Klimaneutralität an. „Ob Motorenheizkraftwerk, Abfallheizkraftwerk, Holzheizkraftwerk, Großwärmepumpe, Solarthermie oder Windkraft: Das Ziel erreichen wir nur mit einem Mix aus Technologien“, heißt es auf der Homepage. Der Energieversorger verweist dabei auf gesetzliche Rahmenbedingungen sowie gravierende Herausforderungen am Energiemarkt, bei der Materialbeschaffung und der personellen Situation in zahlreichen Partnerfirmen. „Deshalb ist bei der ganz praktischen und technischen Umsetzung immer ein Kompromiss nötig um Ziele zu erreichen: Aus Möglichem und Machbarem“, heißt es. (hoe)



