Wirbel um die Stadtwerke Castrop-Rauxel in Nordrhein-Westfalen: Sie kündigten in den vergangenen Tagen mehreren Kunden per Schreiben an, aktuelle Strom- und Gasverträge mit Preisgarantie zum Jahresende fristgemäß zu kündigen.
Sie verwiesen auf stark gestiegene Großhandelspreise und erklärten diese Maßnahme für "notwendig, um uns selbst vor existenzbedrohenden Risiken zu schützen".
Zwei Optionen
Die Stadtwerke boten den Betroffenen zwei Möglichkeiten. Option eins: Die Kunden schließen beim Kommunalversorger einen neuen Energievertrag zu deutlich höheren Konditionen ab. Und Option zwei: Sie lassen sich in die Grundversorgung fallen. Die Stadtwerke würden danach laufend prüfen, ob sie günstigere Preise als dort anbieten könnten.
Sollte dies der Fall sein, würden die Betroffenen über eine vorgelegte Vollmacht automatisch einen neuen Stromvertrag beim Kommunalversorger abschließen. "Die wesentlichen Bedingungen diesees Vertrags entsprechen denen Ihres aktuellen Vertrags", heißt es im Schreiben. "Der Vertrag [des Grundversorgers] ist 14-tägig kündbar. Die Energielieferung durch uns beginnt dann zum nächstmöglichen Zeitpunkt."
Eon reagiert mit eigenem Brief
Strom-und Gas-Grundversorger in der 75.000-Einwohnerstadt ist der Energiekonzern Eon. Grundversorgte Kunden zahlen dort derzeit 30,85 Cent pro kWh Strom und 12,8 Cent pro kWh Gas – ein niedriger Preis im Vergleich zu Neukundenangeboten auf gängigen Vergleichsportalen.
Auf die Nachricht der Stadtwerke Castrop-Rauxel reagierte Eon mit einem eigenen Brief – gerichtet an Geschäftsführer Jens Langensiepen. Darin drückte Filip Thon, Chef der Eon-Vertriebssparte Eon Energie Deutschland, seine "Verwunderung" und sein "Befremden" über den Vorschlag der Stadtwerke Castrop-Rauxel aus.
Eon nennt Verhalten "höchst unsolidarisch"
Der Manager warf dem Kommunalunternehmen vor, sich durch ein "aus unserer Sicht höchst unsolidarisches [...] Verhalten" bewusst aus seines Gesellschaftsverantwortung entziehen und die Last in schwierigen Zeiten einseitig abwälzen zu wollen.
Das sei für Eon "in keiner Weise nachvollziehbar", schrieb er. "Und solch ein Verhalten ist erst recht nicht im Sinne der Kunden. Sie bringen mit diesem Verhalten damit aus unserer Sicht ein Kundenverständnis zum Ausdruck, welches Kunden in der Krise als reine Verschiebemasse betrachtet."
Eon bringt rechtliche Schritte ins Spiel
Eon nehme selbstverständlich als Grundversorger seine Verantwortung ernst, hielt Thon fest. "Wie Sie wissen, ergeben sich durch solche nicht nur gesellschaftlich höchst fragwürdigen Geschäftspraktiken, wie Sie sie ankündigen, aber auch für uns kurzfristige Auswirkungen – denn diese zwingen uns dazu, unsere Planungen entsprechend anzupassen." Heißt wohl übersetzt: Eon müsste dann ebenfalls seine Preise erhöhen. "Wir behalten uns daher vor, rechtliche Schritte einzuleiten."
Auf ZfK-Nachfrage bettete Eon seine Sorgen in einen größeren Kontext ein. "Wir sehen aktuell beunruhigende Tendenzen am Markt", schrieb ein Unternehmenssprecher. "Wenn [beispielsweise] Stadtwerke ihre Kunden außerhalb ihrer Stammgebiete kündigen, müssen wir als Grund- und Ersatzversorger in vielen Regionen Deutschlands einspringen und entsprechend umplanen, um diese Kunden weiter zu versorgen."
Eon Marktführer in Deutschland
Eon dürfte deutschlandweit der größte Strom- und Gasgrundversorger sein.
Bereits im Frühjahr hatte der Konzern verkündet, durch Lieferstopps von Konkurrenten allein in Deutschland etwa 300.000 Strom- und Gaskunden aufgenommen zu haben. Über alle Länder verteilt seien es knapp eine Million Neukunden gewesen. (Die ZfK berichtete.)
Recht niedrige Eon-Grundversorgungspreise
Eon-Grundversorgungspreise sind derzeit vergleichsweise niedrig, wie eine ZfK-Stichprobe in Deutschlands größten Städten ergab.
So zahlten grundversorgte Gaskunden in Hamburg zuletzt zwölf Cent pro kWh. Grundverorgten Stromkunden in Essen wurden 31 Cent pro kWh berechnet.
Stadtwerke Castrop-Rauxel verteidigen sich
Jens Langensiepeln, Geschäftsführer der Stadtwerke Castrop-Rauxel, verteidigte das Vorgehen seines Unternehmens auf ZfK-Nachfrage. "Dass ein Energieversorger Verträge mit Preisgarantie kündigt, ist kein Novum, dafür gibt es zahlreiche weitere Beispiele in der aktuellen Zeit", teilte er mit. "Das Angebot, Kunden per Vollmacht temporär zum Grundversorger zu bringen, mit der automatischen Option zu einem späteren Zeitpunkt zurückzukehren, haben wir so noch nirgendwo wahrgenommen."
Das scheine außergewöhnlich zu sein, sei aber für seine Stadtwerke ein logischer Schritt, wenn man Kundenorientierung konsequent zu Ende denke. "Als kommunales Stadtwerk haben wir auch eine Verantwortung dafür, dass Energie bezahlbar bleibt, auch wenn das heißt, Kunden zeitweise nicht mehr selbst zu beliefern." (aba)



