Die Beseitigung der Energieabhängigkeit von Russland hat energiepolitisch für den Eon-Vorstandsvorsitzenden Leonhard Birnbaum absolute Priorität. Man stehe hier aber vor einer langfristigen Aufgabe, selbst der beschleunigte Bau von LNG-Terminals könne schnell drei Jahre oder mehr dauern, sagte er auf Frage eines Journalisten bei der Bilanzpressekonferenz des Energiekonzerns.
Als wichtige Säulen einer diversifizierten Energieversorgung nannte er LNG und den Aufbau einer grünen Wasserstoffwirtschaft. Bis diese Abhängigkeit von Russland fundamental reduziert sei, werde man deutlich höhere Energiepreise sehen. Kurzfristig gelte es nun, die Sicherheit der Energieversorgung aufrechtzuerhalten.
"Eine größere Verknappung beim Gas würden alle Marktteilnehmer zu spüren bekommen"
„Wir müssen auch die Bezahlbarkeit der Energie garantieren. Für Haushalte ebenso für die Industrie“, so der Eon-Chef. Wenn man den Industrie- und Wirtschaftsstandort nicht gefährden wolle, dürfe man sich hier keine moralisch überhöhten Positionen, sprich auch keinen Import-Stopp für russische Energie, leisten. In dem Zusammenhang begrüßte er „die besonnenen Vorgehensweisen der deutschen Bundesregierung“.
Birnbaum verurteilte den Angriffskrieg auf die Ukraine scharf. „Das ist ein schlimmer Rückfall in dunkle Zeiten, wir stehen voll hinter den Sanktionen der Europäischen Union.“ Viele Eon-Mitarbeiter in Anrainerstaaten wie Polen oder Rumänien seien direkt über Verwandte und Freunde betroffen und leisteten vor Ort Unterstützung beim Aufbau und Anschluss der Energieversorgung in Flüchtlingsunterkünften.
Der Essener Energiekonzern bezog bisher drei bis vier Prozent seiner benötigten Gasmengen über Handelsunternehmen, die zu russischen Konzern gehören, wie etwa Wingas. Diese Verträge habe man seit Kriegsbeginn gestoppt. „Wenn es aber zu einer größeren physischen Verknappung im Gasmarkt kommen sollte, werden das aber alle Marktteilnehmer zu spüren bekommen“, stellte er klar.
Eon-Vorstand benennt Kredit- und Liquiditätsrisiken
Die Eon-Führung sieht aktuell vor allem Risiken für die Rohstoffmärkte und damit einhergehende Kredit- und Liquiditätsrisiken sowie Bewertungsrisiken bei Kapitalanlagen. Dazu zählt bei dem Konzern auch die Beteiligung an der Nord Stream AG.
Eon ist mit 15,5 Prozent an der Pipeline Nord Stream 1 beteiligt und profitiert bisher von Zinserträgen auf das investierte Kapital. Die Beteiligung ist ein Baustein des Pensionsvermögens. Birnbaum schloss einen Abbau der Beteiligung zum jetzigen Zeitpunkt aus.
"Für 2022 sind wir im Wesentlichen durchgehedgt"
Die Energiemengen für das laufende Geschäftsjahr sind laut Eon-Chef Birbaum „im Wesentlichen durchgehedgt", sprich "preislich abgesichert". Eine Preiserhöhung in diesem Jahr wollte er mit Blick auf das aktuelle Preisniveau an den Energiemärkten aber dennoch nicht ausschließen.
«Die Beschaffungspreise für Strom und Gas sind seit Längerem extrem hoch», sagte er. «Wenn wir dauerhaft ein deutlich höheres Niveau als in der Vergangenheit sehen, dann wird das irgendwann auch auf die Kunden durchschlagen müssen.“ Wie hoch die Erhöhung ausfallen werde, könne man noch nicht sagen.
Rund 300.000 Kunden in Deutschland fielen die Ersatzversorgung
Im vergangenen Geschäftsjahr hat der Energiekonzern europaweit rund eine Mio. Kundinnen und Kunden aufgrund von Lieferstopps oder Insolvenzen anderer Mitbewerber in die Ersatzversorgung übernehmen müssen. Rund 300.000 entfielen davon auf den deutschen Markt.
Da die benötigten Energiemengen zu deutlich höheren Preisen kurzfristig beschafft werden mussten, führte dies zu Ergebnisbelastungen im dreistelligen Millionenbereich, wie Finanzchef Marc Spieker ausführte. Unterm Strich aber habe man die außergewöhnliche Situation an den Rohstoffmärkten im vergangenen Jahr gut überstanden.
Konzerergebnis liegt über den Erwartungen
Die operative Gesamtbilanz fällt aber sehr positiv aus, das Unternehmen hat die Erwartungen deutlich übertroffen. Das bereinigte Konzern-Ebitda für 2021 wurde um 14 Prozent auf rund 7,9 Mrd. Euro gesteigert. Der bereinigte Konzernüberschuss kletterte um 53 Prozent auf rund 2,5 Mrd. Euro. Der Konzernumsatz wuchs auf Jahressicht um 27 Prozent auf knapp 77,4 Milliarden Euro.
Wachstumstreiber war dabei unter anderem das Kundenlösungsgeschäft, hier habe sich insbesondere die Umstrukturierung des britischen Vertriebsgeschäfts sehr positiv ausgewirkt, heißt es weiter. Das Ebit-Ziel von über 100 Mio. Euro erreicht.
PV-Boom auch im Netzbereich von Eon-Tochter Bayernwerk
Zu wichtigen Wachstumsfeldern entwickeln sich laut Eon zudem die Bereiche Energy Infrastructure Solutions mit Lösungen für Industriekunden und Städtische Quartiere und insbesondere der Bereich Future Energy Home. Letzterer verzeichnet vor allem eine stark steigende Nachfrage nach Solaranlagen mit Batteriespeichern. Die Zahl der installierten Anlagen stieg im vergangenen Jahr von 100.000 auf 125.000.
Insbesondere die aktuellen Sorgen um das Thema Energiesicherheit und Energieabhängigkeit von Russland würden die Energiewende und auch den PV-Ausbau weiter beschleunigen, prognostizierten Spieker und Birnbaum. „Wir merken, dass das weiter zunimmt.“ Allein im Netz der der Tochter Bayernwerk sollen dieses Jahr 80.000 Anlagen neu angeschlossen werden.
Hohe Auslastung der Kraftwerke
Aber auch das Nicht-Kerngeschäft steigerte den operativen Gewinn um über 75 Prozent. Dazu zählt bei Eon der Rückbau der deutschen Kernkraftwerke, die von der Einheit PreussenElektra gesteuert werden, sowie das Erzeugungsgeschäft in der Türkei.
Hier trug laut Eon eine besonders hohe Auslastung der Kraftwerke und das aktuelle Preisniveau auf der Absatzseite insbesondere im vierten Quartal bei. Der Dividendenvorschlag von 49 Cent pro Aktie wurde bestätigt und das Ziel, die Dividende bis 2026 jährlich um bis zu fünf Prozent zu erhöhen.
Zurückhaltung bei Prognose für laufendes Jahr
Für das Geschäftsjahr 2022 erwartet Eon ein leicht niedrigeres Ebitda von 7,6 bis 7,8 Mrd. Euro. Dieses soll in allererster Linie durch ein signifikantes organisches Wachstum im Kerngeschäft erreicht werden. Zudem will Eon rund 400 Mio. Euro an weiteren Synergien im Zusammenhang mit der Innogy-Transaktion realisieren.
Die von der Politik zuletzt wiederholt ins Spiel gebrachte Laufzeitverlängerung verbliebener Atomkraftwerke ist für Eon weiter kein Thema. Die Eon-Tochter Preussenelektra betreibt eines der drei letzten deutschen Atomkraftwerke. Sie sollen zum Jahresende endgültig vom Netz gehen.
Eon sucht Co-Investor für Breitband-Infrastrukturgeschäft der Westenergie
Mögliche Veräußerungen und Zukäufe sind in der Prognose jedoch nicht enthalten, ebenso wie die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs. Eon prüft unter anderem eine Verkauf seines Fernwärmegeschäfts in Norrköping und Örebro in Schweden. Außerdem lotet der Konzern Chancen aus, einen Co-Investor für das Breitband-Infrastrukturgeschäft seiner Tochter Westenergie hereinzuholen. (hoe/dpa)



