
Der Schutzschirm hat letztlich doch nicht ausgereicht: Der Biomethanhändler BMP Greengas hat am 1. August das Insolvenzverfahren eröffnet. Immerhin: Noch scheint genug Substanz vorhanden oder zumindest die realistische Erwartung auf eine Fortführung der Geschäfte. Denn die Insolvenz wird in Eigenverwaltung durchgeführt.
Die Insolvenz hatte sich bereits angekündigt und war denn auch zentraler Gesprächsgegenstand im zweiten Erfahrungsaustausch für Stadtwerke zum Thema BMP Greengas, den die Arbeitsgemeinschaft für sparsame Energie- und Wasserverwendung (ASEW) ausrichtete. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von 30 verschiedenen Unternehmen nahmen an der Diskussion teil.
Bereits zu Beginn zeigte sich ein eindeutiges Bild hinsichtlich der weiteren Zusammenarbeit mit dem Biomethanhändler aus München: Laut einer Blitzumfrage haben nach wie vor 79 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer den vorgelegten Änderungsvertrag nicht angenommen. Zwar ist diese Zahl nicht repräsentativ, aber sie zeigt einen Trend.
"Ersatzbeschaffung gestaltet sich schwierig"
Sehr eindeutig waren auch die Themen, die Stadtwerke nun im Kontext umtreiben: Die Masse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer glaubt, dass das Vertrauen in das Produkt Biogas beschädigt wurde. Herausforderungen sind zudem, dass sich die Ersatzbeschaffung schwierig gestaltet, weil zu wenig Biomethan im Markt vorhanden ist und die Eröffnung des Insolvenzverfahrens von BMP Greengas die Karten nun teilweise neu gemischt hat.
EEG-geförderte Anlagen dominieren
Auf großes Interesse stieß die Präsentation der vom Verband kommunaler Unternehmen (VKU) in der Vorwoche erhobenen Zahlen unter den Mitgliedern. Danach hat die Mehrheit langfristige, d.h. noch bis mindestens 2028 laufende, Lieferverträge mit BMP Greengas abgeschlossen.
Auch die Nutzungsart ist eindeutig: EEG-geförderte Anlagen, aufgegliedert nach EEG 2009, EEG 2012 und EEG 2014, dominieren deutlich gegenüber Anwendungen im Mobilitätsbereich, beispielsweise Erdgastankstellen. Beachtlich ist die Schadenssumme, die bei einem vollständigen Ausfall von BMP Greengas auf die betroffenen Stadtwerke aus der VKU-Umfrage zukommen würde: Bis zu 150 Millionen Euro kumuliert über die kompletten Vertragslaufzeiten.
Medl-Geschäftsführer: "Brückentechnologie Biogas geht uns faktisch verloren"
Einer dieser Betroffenen ist Hendrik Dönnebrink, kaufmännischer Geschäftsführer der Medl GmbH aus Mülheim an der Ruhr. Hier ist die Wärmeversorgung betroffen. „Wir versorgen 11.000 Einwohner mit Wärme, die aus Biogas erzeugt wird. Eben weil wir hier Biogas nutzen, können wir dies mit einem sehr guten Primärenergiefaktor von 0,25 leisten. Diese Brückentechnologie, die wir bis 2027/28 fest in unserer Strategie eingeplant hatten, geht uns nun faktisch verloren.“
Als besonders bedauerlich empfindet man in Mülheim das wenig partnerschaftliche Geschäftsgebaren von BMP Greengas. Als Partner sei man ja durchaus bereit, einen gewissen Anteil zu tragen, wenn sich Geschäftsentscheidungen der anderen Partei als wirtschaftlich negativ herausstellen sollten. „Derzeit erwartet man aber von uns, dass wir gewissermaßen komplett dafür zahlen sollen, dass jemand anderes mit seiner Einkaufsstrategie falsche Entscheidungen getroffen hat. Das ist für uns so nicht hinnehmbar.“
Werden Anlagen nicht mehr mit Biogas betrieben, entfällt EEG-Förderung
Für die Medl GmbH steht durchaus einiges auf dem Spiel. Denn der Einsatz von Biogas ist wie andernorts ebenfalls eng mit einer Förderung gemäß EEG verbunden. Diese bis 2031 laufende EEG-Förderung würde komplett entfallen, wenn die so geförderten Anlagen nicht mit Biogas betrieben werden.
Die Folge in Mülheim: Teile des Maschinenparks werden stillgelegt. „Das wurmt umso mehr, als wir ja mit unserer Entscheidung für Biogas eigentlich genau das gemacht haben, was der Gesetzgeber von uns wollte, sprich einen Beitrag zur Dekarbonisierung und für den Klimaschutz zu leisten. Es ist deshalb auch vollkommen unverständlich, dass hier politisch keine Intervention erfolgt!“
Medl ist ein gebranntes Kind
In Mülheim kommt hinzu, dass man seinerzeit, also 2019, die Entscheidung für BMP Greengas als Partner nicht voreilig getroffen habe. Die Medl GmbH war gewissermaßen ein gebranntes Kind, da bereits zweimal Partner durch Insolvenzen wegbrachen. Insofern wollte man diesmal auf Sicherheit setzen und entschied sich für den Partner, der in den Lageberichten immer wieder auf die gute Bonität und die Investitionssicherheit mit dem solventen Mutterkonzern Erdgas Südwest bzw. EnBW im Rücken verwies.
„Dafür nahmen wir Mehrkosten von 200.000 Euro im Jahr im Vergleich mit anderen Marktakteuren in Kauf, weil wir hier die Sicherheit der besseren Finanzanlage vorzogen. Das hat sich nun offensichtlich nicht ausgezahlt!“
"Verkehrung der Täter-Opfer-Rolle"
Juristisch wird man in Mülheim nun keinesfalls lockerlassen. Bereits einmal, als das Schutzschirmverfahren noch lief, hat man beim zuständigen Gericht in Karlsruhe versucht, Einfluss auf das Verfahren zu nehmen. Das wurde damals abschlägig beschieden, da formal ja noch keine Insolvenz eröffnet war, insofern auch kein Gläubiger Ausfälle geltend machen könne. Das ist nun nach der Bekanntmachung der Insolvenz anders.
„Wir werden in jedem Fall dagegenhalten und das juristisch durchziehen. Denn hier kommt es letztlich zu einer Verkehrung der Täter-Opfer-Rolle. Der Geschädigte, also wir, soll sämtliche Nachteile für sich in Kauf nehmen. Hier geht es letztlich auch ums Prinzip!“
Noch ist nicht absehbar, was die Insolvenz von BMP Greengas genau bedeutet. Ein gewisser Spielraum scheint zu bestehen, da die Eigenregie zumindest auf vorhandene Substanz hindeutet. Ob die Folgen für den Biogasmarkt eher überschaubar oder gar nachhaltig prägend sein werden, wird sich zeigen müssen. Die ASEW hat für den 6. September 2023 einen erneuten Austausch angesetzt.


