Vielerorts sind der Gasvertrieb und die Gasnetze das Brot- und Buttergeschäft von Stadtwerken. Das wird sich bis 2045 ändern, bis dann will Deutschland annähernd klimaneutral sein. Die Wärmewende und die damit einhergehende Dekarbonisierung stellen die Branche vor eine immense Transformationsherausforderung.
Stilllegungen, Umwidmungen für die Nutzung von Wasserstoff, der Aufbau einer alternativen, grünen Wärmeversorgung, der Ausbau des Wärmevertriebs und die Erschließung alternativer Geschäftsfelder, – all das treibt die Branche um. Gleichzeitig gibt es viele offene rechtliche und regulatorische Fragen und Unsicherheiten, auch mit Blick auf die Finanzierung und die Wahl der Abschreibungsmodalitäten. Darüber wollen wir mit Verantwortlichen von Stadtwerken, mit Fachexperten und Beratern in einer neuen Serie sprechen. Haben Sie einen interessanten Input oder drängende offene Fragen? Dann sollten wir ins Gespräch kommen. Die Serie lebt von der Praxisnähe. Wir freuen uns über Ihre Meinung oder Ihre Impulse zum Thema. Schicken Sie entsprechende Vorschläge oder Rückfragen gerne an den ZfK-Redakteur Hans-Peter Hoeren unter h-hoeren@zfk.de
Im zweiten Teil der Serie führt ins Fichtelgebirge nach Selb-Marktredwitz. Es geht um kommunale Herausforderungen, dezentrale Strategien und das Spannungsfeld zwischen Wärmewende und Infrastruktur.
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Gastbeitrag von
Mathias Jakob,
Geschäftsführer
Energieversorgung Selb-Marktredwitz (ESM)
Die Diskussion über die Wärmezukunft in Deutschland dreht sich häufig um Technologien, Förderprogramme und gesetzliche Vorgaben – doch konkret wird diese Zukunft in den Regionen. Dort, wo Stadtwerke über komplexe Infrastrukturen Energie liefern, wird der Umbau des Netzsystems zur operativen Aufgabe. Das zeigt sich auch an der Frage nach der Zukunft der Gasnetze. Denn was heute noch wirtschaftlich betrieben wird, kann morgen schon zu einem Transformationsfall werden.
Die Wärmezukunft in Deutschland wird auch über die Zukunft der Gasverteilnetze entscheiden – mit regional unterschiedlichen Ergebnissen. Hintergrund ist die im Gebäudeenergiegesetz (GEG) forcierte Umstellung auf erneuerbare Energien im Wärmesektor. Die Folge: Sinkende Anschlussquoten, zurückgehender Gasabsatz und damit eine Belastung der verbleibenden Nutzer durch steigende Netzentgelte. Das stellt uns als Netzbetreiber vor völlig neue wirtschaftliche und technische Herausforderungen. Die Anwendung von KANU 2.0 [Anm. d. Red.: Diese Festlegung flexibilisiert die Abschreibungsmöglichkeiten der Gasversorger.] kommt dabei für uns aus verschiedenen Randbedingungen frühestens 2027 in Frage.
Bestandsaufnahme: Gasversorgung unter Druck
Die ESM betreibt derzeit ein rund 313 Kilometer langes Erdgasnetz und versorgt über 9000 Objekte in zehn Konzessionsgemeinden in Nordostbayern – darunter Selb, Marktredwitz, Schönwald und Bad Alexandersbad. Die Anschlussquote liegt entlang des bestehenden Netzes bei etwa 80 Prozent. Doch der Veränderungsdruck ist groß: Mit der verpflichtenden kommunalen Wärmeplanung bis Mitte 2028 müssen alle Gemeinden in Deutschland festlegen, welche Gebiete künftig durch Nahwärme, dezentrale Heizsysteme oder weiter über das Gasnetz, dann allerdings mit erneuerbarer Energie, versorgt werden sollen. Es ist planerisch eine große Aufgabe, die ermittelten Bedarfe aus den kommunalen Wärmeplänen konkret mit Verbrauchern abzustimmen und Vorverträge mit konkreten Preisen und Systemen zu schließen, ohne die finale Anschlussdichte und den planbaren Wärmeabsatz zu kennen.
Schon heute ist aber klar, dass der Erdgasabsatz sinken wird. Bislang gab es im ESM-Gebiet nur Einzelfälle von Netzanschluss-Stilllegungen, etwa beim Rückbau von Gebäuden oder Umstellungen auf andere Heizsysteme. Ein echter Rückbau ganzer Netzabschnitte steht noch aus – das ist auch rechtlich und wirtschaftlich ein komplexes Thema. Denn laut Paragraf 18 des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) besteht grundsätzlich ein Anschlussanspruch; zudem widersprechen Stilllegungen in vielen Fällen den aktuellen Konzessionsverträgen.
Dennoch prüft die ESM schon sehr genau, ob sich Investitionen in einzelne Netzbereiche noch lohnen. Während der technische Erhalt gesichert bleibt, werden Ortsnetzerweiterungen oder neue Erschließungen nicht mehr vorgenommen. Ab 2027 erwartet die ESM durch den Übergang zum europäischen Emissionshandelssystem einen weiteren Schub bei der Umstellung auf alternative Heizsysteme. Gleichzeitig ist unklar, wie die künftige CO2-Bepreisung ausfallen wird – eine Planungsunsicherheit, die für regionale Versorger zur echten Hürde wird. Als eine große finanzielle und organisatorische Herausforderung sehen wir die Co-Existenz von Erdgasnetzen parallel zu geplanten Wärmenetzen. Bei dieser Konstellation muss letztendlich entschieden werden, Teilstrecken des Erdgasnetzes über einen bestimmten Zeithorizont stillzulegen.
Wärmemix statt Einzellösung: Welche Bausteine künftig zählen
Die Frage, wie die Wärmeversorgung im Fichtelgebirge künftig aussieht, lässt sich nicht mit einer einzigen Technologie beantworten. Stattdessen setzt die ESM auf ein regional passendes Mosaik aus Wärmequellen – angepasst an Infrastruktur, Siedlungsstruktur, Wirtschaft und Ressourcen. In unserer Region spielt Holz eine zentrale Rolle. Sowohl Hackschnitzel als auch Pellets stammen aus Waldrestholz und sind in der Region nachhaltig verfügbar. Schon heute betreibt die ESM 38 Wärmezentralen – einige davon mit Holzfeuerung.
Eine zentrale Rolle kommt künftig auch der Abwärme zu – etwa aus Industrieprozessen. Die ESM ist dafür schon in Gesprächen mit Industriekunden zur Nutzung von Potenzialen. Allerdings ist es in der derzeitigen wirtschaftlichen Lage schwierig, mit mittel- bis langfristen Abwärmequellen aus Industrie- und Gewerbe zu planen.
Wasserstoff sieht die ESM hingegen nicht flächendeckend im heutigen Erdgasnetz, sondern nur in Nischenanwendungen, etwa für Prozesswärme in der Porzellanindustrie oder als Brennstoff in BHKW-Anlagen. Zwar ist ein Abschnitt des deutschen Wasserstoff-Kernnetzes ab 2032 nahe Selb geplant – ob und wann er wirtschaftlich genutzt werden kann, ist allerdings noch offen. Für eine dezentrale Wärmeversorgung mit Wasserstoff fehlt derzeit die Infrastruktur – und die Preisprognosen sind kritisch. Für klassische Haushaltsheizungen wird Wasserstoff voraussichtlich keine Rolle spielen.
Verwendung von Biomethan in KWK-Anlagen wird geprüft
Die Erdgasnetze könnten aber möglicherweise regional und punktuell weitergenutzt werden – für die Einspeisung von Biomethan: Es gibt im Netzgebiet der ESM Betreiber von Biogasanlagen, welche derzeit planen, landwirtschaftliche Anlagen zu bündeln, eine Gasaufbereitungsanlage zu errichten und das Biomethan in das Erdgasnetz der ESM einzuspeisen. Wir wollen derartige Vorhaben proaktiv unterstützen und prüfen, ob Biomethan oder auch reines Rohbiogas in KWK-Anlagen der ESM zum Einsatz gebracht werden kann.
Wir haben aber auch die Kundinnen und Kunden im Blick, bei denen es künftig keine Möglichkeit eines Fernwärme- oder Biomethan-Anschlusses gibt. Für sie erarbeitet die ESM aktuell ein Portfolio an Energiedienstleistungen mit Partnern aus der Region. Dort soll es das Angebot von ganzheitlichen Lösungen im Segment von Wärmepumpen, PV-Anlagen und intelligenten Steuerungssystemen geben.
Regionale Lösungen und Sektorenkopplung als Schlüssel
Bei allen Technologien ist klar: Die Wärmewende muss regional gedacht werden – und sektorenübergreifend. Die ESM arbeitet daher an innovativen Konzepten, bei denen in der Region Grünstrom aus Wind- und PV-Anlagen in grüne Wärme umgewandelt wird – etwa über Großwärmepumpen oder Power-to-Heat-Technologien. Wenn Stromüberschüsse gespeichert und zeitlich versetzt genutzt werden, entstehen stabile Preise und eine hohe Versorgungssicherheit. Wir koppeln künftig Erzeugung, Speicherung und Nutzung in einem regionalen Bilanzkreis. Damit lassen sich Solar- und Windstrom bilanziell mit Wärmeanwendungen verknüpfen – etwa in Schulen, Quartieren oder Gewerbeobjekten. Batteriespeicher sollen helfen, die volatilen Einspeisungen zu glätten.
Ein Ziel dieser Strategie: Die Wärmeerzeugung vom volatilen Energiemarkt unabhängiger zu machen. Denn die Erfahrungen der Energiekrise haben gezeigt, wie anfällig Wärmepreise für globale Marktentwicklungen sind. "Ein hoher Anteil erneuerbarer, regional erzeugter Energie bringt nicht nur Klimaschutz – sondern auch Preisstabilität für unsere Kunden. Entscheidend ist die Fähigkeit, lokal passgenaue Lösungen zu entwickeln. Ein Beispiel dafür ist Waldershof: Dort hat sich die Stadt nach europaweiter Ausschreibung für die ESM als Partner für das neue Wärmenetz am Schulzentrum entschieden. Die modular geplante Anlage mit Pelletkessel wird Schule, Turnhalle und Kindergarten versorgen – effizient, CO2-arm und schnell umsetzbar.
Ein Pilotprojekt mit Vorbildcharakter – denn die ESM setzt auf Beteiligung, Dialog und Partnerschaften, auch mit Kommunen, Industrie und Landwirtschaft. Nur wenn alle Akteure mitgenommen würden, kann die Transformation gelingen. Unsere Konzepte müssen sowohl ökologisch und technisch passen als auch sozial und wirtschaftlich tragfähig sein.
Was jetzt gebraucht wird: Klarheit, Planungssicherheit, Finanzierung
Trotz vieler guter Ansätze ist klar: Ohne verlässliche Rahmenbedingungen auf Bundes- und EU-Ebene wird der Umbau nicht gelingen. Wir brauchen endlich ein rechtssicheres Regelwerk für Stilllegungen, für Investitionsentscheidungen und für die Koordination mit Wärmeplänen. Auch über neue Förderlandschaften muss schnell entschieden werden. Denn die Umsetzung vor Ort braucht Zeit, Geld und Organisation – und nicht zuletzt authentische und zielgerichtete Kommunikation in der Region.
Die Wärmewende ist nicht mit einer Technologie zu lösen – sie ist ein Systemumbau. Und dieser Umbau funktioniert nur, wenn man ihn lokal denkt, gemeinsam entwickelt und flexibel umsetzt.
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