Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Mit der Kältewelle stieg die Gasnachfrage zuletzt deutlich an, in Deutschland auf bis zu 3300 GWh pro Tag, eine Verdopplung gegenüber den Werten von vor 10 Tagen.

In Deutschland fielen die Temperaturen auf das Tagesmittel von bis 4 Grad Celsius und damit 6 Grad unter die saisonale Norm. Somit stieg einerseits die Nachfrage nach Heizgas und andererseits nach Kraftwerksgas zur Stromerzeugung. Die Stromgeneration der Gaskraftwerke stieg auf bis zu 9 GW, der höchste Stand seit Ende Januar.

Dank des festen Gasangebots reduzierte sich das in der EU eingespeicherte Speichergas jedoch nur um rund 3000 GWh, das heißt, es wurde nur an wenigen Tagen netto ausgespeichert. Der Füllstand der EU Gasspeicher hielt sich trotz Kältewelle weitgehend stabil und lag zuletzt bei knapp 62 Prozent, 17 Prozentpunkte über dem Fünf-Jahres-Mittel.
 

ENTSO-G Summer Supply Outlook 2024

Der Verband Europäischer Fernleitungsnetzbetreiber für Gas (ENTSO-G) geht in seinem kürzlich veröffentlichten Summer Outlook davon aus, dass alle EU-Länder in allen Nachfrageszenarien bis zum Ende des Sommers ihre Gasspeicher zu 90 Prozent oder mehr befüllen können.

Die ENTSO-G modelliert dazu für den Ausfall russischer Pipeline-Gasimporte und den Rückgang der LNG-Regasifizierung von 966 TWh auf 595 TWh zwei Stressszenarien für die Angebotsseite. Das Negativszenario für die Nachfrageseite bildet das Fünf-Jahres-Mittel, das Referenzszenario sieht eine Nachfragereduzierung von 9,4 Prozent gegenüber dem Fünf-Jahres-Mittel vor.

Kommt es zu einem kompletten Ausfall der russischen Pipeline-Gasimporte und negativer LNG-Angebotsentwicklung, so können laut ENTSO-G die EU-Gasspeicher dennoch bis Ende September zu 85 Prozent befüllt werden.

Import von russischem Gas nach 2024

Voraussetzung dafür ist jedoch, dass sich die Nachfrage gemäß der Referenz entwickelt. Entwickelt sich die Sommernachfrage entlang des Fünf-Jahres-Mittels, so würden die Gasspeicher noch immerhin zu 70 Prozent gefüllt werden.

Die EU-Kommission erklärte bereits im März, dass sie sich nicht für eine Verlängerung des Ende 2024 auslaufenden russisch-ukrainischen Gasabkommens einsetzen werde. Russisches Gas könnte 2025 ohne Abkommen dann nur noch auf Basis von Ausschreibungen kurzfristiger Kapazitäten durch die Ukraine in die EU fließen.

Das ukrainische Gastransportunternehmen GTSOU verkündete jedoch zuletzt, dass es weder mit Russland Verhandlungen führen werde, noch Transitkapazitäten im Rahmen von Auktionen bereitstellen werde. Damit würde russisches Gas dann ab 2025 nur noch über Bulgarien (TurkStream) importiert werden.

Bei Negativentwicklung würden Gasspeicher-Füllstände massiv sinken

Fallen die russischen Gasflüsse im gesamten nächsten Winter komplett aus, so geht ENTSO-G auch im Fall der Negativentwicklung des LNG-Angebots davon aus, dass die EU-Länder den Winter ohne verordnete Nachfragekürzungen überstehen könnten.

Die Gasspeicher wären dann jedoch zum Ende des Winters 2024/2025 auf einen Füllstand von 11 Prozent geleert. Im Negativszenario wären zusätzliche, verordnete Nachfragekürzungen von bis zu 10 Prozent der Gesamtnachfrage notwendig.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: Geopolitik sorgt für Rallye an den Gasmärkten.

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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