Von Hans-Peter Hoeren und Artjom Maksimenko
Die Gaspreise im Privatkundensegment liegen derzeit auf dem tiefsten Stand seit Jahresbeginn, und das kurz vor dem Start der Wintersaison. Während eine Kilowattstunde Erdgas im Frühjahr noch bei zehn Cent lag, ist der Preis im Verlauf des Sommers auf neun Cent gesunken. Für die Ermittlung der durchschnittlichen Gaspreise der Grundversorgung hat das Vergleichsportal Verivox die veröffentlichten Preise der rund 700 Gas-Grundversorger in Deutschland ausgewertet.
Die Auswertung von Verivox verweist dabei auf die Großhandelspreise, die nach und nach fallen, als Grund für den Preisrückgang im Endkundensegment. Im August 2025 haben sie mit durchschnittlich rund 3,3 Cent pro Kilowattstunde den niedrigsten Monatswert in diesem Jahr erreicht. "Die wettbewerbsorientierten Gasversorger geben diesen Preisnachlass weiter und versuchen so, Neukunden zu gewinnen“, sagte Thorsten Storck, Energieexperte bei Verivox.
Preisintensiver Wettbewerb
Storck verweist dabei auf die Festpreistarife, die auch vor den voraussichtlich steigenden Gasnetzentgelten im Herbst schützen. Die Gasnetzgebühren sind zwischen 2024 und 2025 im bundesweiten Schnitt um über 20 Prozent angestiegen, was vielerorts zu Preiserhöhungen geführt hat.
"Der Wettbewerb im Gasmarkt ist derzeit extrem intensiv", sagt auf ZfK-Anfrage Philip Boros vom Vertriebsspezialisten Seals Group. Das Unternehmen berät viele Energieversorger in Vertriebsfragen. "Es wird tatsächlich um jeden einzelnen Kunden gekämpft", so Boros. Kunden, die noch im Grundversorgungstarif hängen, würden teilweise 14 bis 16 Cent pro Kilowattstunde zahlen. "Das ist eine Dimension, die den Markt gerade unglaublich spannend macht", sagte er. Auch für die Stadtwerke? Ja, sagt der Experte und sieht in dem aktuellen Preiswettbewerb für sie eine "riesige Chance".
"Viele Anbieter schauen nicht mehr darauf, wessen Gebiet sie betreten und greifen an. Das macht die Situation rauer." Philip Boros, Seals Group
Wer heute attraktive Preise biete, könne weit über die eigenen Stadtgrenzen hinaus neue Kunden gewinnen. Als Beispiel führt Boros die Stadtwerke Neumünster an. Das mittelgroße Stadtwerk schaffe es, bundesweit Kunden zu überzeugen, einfach, weil Preis und Sicherheit stimmten. Gerade nach der Energiekrise spiele das Thema Sicherheit eine Schlüsselrolle.
Zugleich warnt Boros: "Der Markt wird härter. Viele Anbieter schauen nicht mehr darauf, wessen Gebiet sie betreten. Sie gehen bewusst in die Flächenversorgungsgebiete von großen Playern und greifen dort an.Wer als Stadtwerk in dieser Phase schläft, verliert Marktanteile."
Gasag bietet Laufzeitverträge unter zehn Cent pro Kilowattstunde an
"Berlin war schon immer ein sehr wettbewerbsintensiver Marktplatz für Energievertrieb", sagte Michael Reines, Leiter Geschäftseinheit Vertrieb der Gasag-Gruppe. Daher biete der Versorger entsprechend der aktuellen Einkaufsmöglichkeiten auch Laufzeitverträge deutlich unter zehn Cent je Kilowattstunde an. Auch Bestandskunden offeriere die Gasag nach Ablauf ihrer Vertragsbindung die Option eines neuen Laufzeitvertrags mit den aktuell gültigen Konditionen an.
Stadtwerke Rotenburg: Marketingkampagne für grundversorgte Kunden
Die Stadtwerke Rotenburg in der Nähe von Bremen nehmen seit einigen Wochen "ein relativ niedriges Niveauder Gaspreise im Energiehandel" wahr , bestätigt Fabian Gerardu, Leiter Marketing bei den Stadtwerken Rotenburg. Das habe man bereits genutzt, um sich mit entsprechenden Mengen einzudecken. Das könne auch zu möglichen Preissenkungen für die Endkunden führen.
Eine spezielle Akquisekampagne dazu haben die Stadtwerke noch nicht gestartet, die Preisgarantien aber bereits für weitere zwölf Monate verlängert. Da der Bruttopreis bereits bei zehn Cent je Kilowattstunde liegt, würden die Verbraucher damit auch langfristig von den günstigen Konditionen profitieren.
"Ich starte nun zusätzlich eine weitere Marketingmaßnahme für die grundversorgten Kunden, um genau diese Preisgarantie zu bewerben und die Kunden in entsprechende Sonderverträge zu überführen", sagte Fabian Gerardu, Leiter Marketing bei den Stadtwerken Rotenburg, auf ZfK-Nachfrage.
Höhe des CO₂-Preises und der Netzentgelte noch ungeklärt
GGEW-Vorstand Carsten Hoffmann unterscheidet bei der aktuellen Marktpreisanalyse zwischen Spotmarktpreisen und langfristigen Endverbraucherpreisen. Die aktuell beobachteten niedrigen Preise seien vor allem durch die Wettbewerbssituation am Markt und durch Vergleichsportale sichtbar geworden, die besonders günstige Angebote listen, sagte er bei der Bilanzpressekonferenz auf ZfK-Nachfrage.
Ein weiterer Grund sei die Entschärfung der Speicherproblematik: "Anfangs bestanden Sorgen, dass die Gasreserven nicht ausreichen könnten, doch die Bundesregierung hat Stichtage flexibler gestaltet, was die Situation beruhigte." Zudem hätten sich geopolitische Konflikte entspannt, und ein Überangebot an LNG trage ebenfalls zum Preisrückgang bei.
Ein wichtiger Punkt bleibe jedoch die Entwicklung der Gas-Netzentgelte und des CO₂-Preises, da diese die Endkundenpreise beeinflussen. Hoffmann betonte, dass frühzeitige Maßnahmen zur Abschreibung der Netzinfrastruktur sinnvoll seien, um Kosten sozial und gerecht auf möglichst viele Kunden zu verteilen.
"Discounter werden die Spotpreise für Neukunden nutzen und dann später die Preise entsprechend anziehen; das ist jedoch nicht die Stadtwerke-Strategie" Unternehmensberatung Lead and Sale
"Wir würden Stadtwerken empfehlen, die günstigen Marktpreise entsprechend an die Kunden weiter zu geben nach Vorliegen von Netzentgelten, Steuern und Abgaben", heißt es bei der auf Vertriebsfragen spezialisierten Unternehmensberatung Lead and Sale.
Aufgrund der aktuellen Preisentwicklung sollte den Kunden wieder ein längerfristiges Angebot über zwei Jahre unterbreitet werden, insbesondere um Bestandskunden zu halten und ehemalige Kunden wieder zurückzugewinnen. Seit der Energiekrise habe man bei vielen Stadtwerken Angebote von maximal zwölf Monaten gesehen. Die aktuelle Situation biete aber die Chance, wieder Preisgarantien für 24 Monate auszusprechen mit entsprechenden günstigen Konditionen.



