Gerhard Holtmeier ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung (DEW21).

Gerhard Holtmeier ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung (DEW21).

Bild: © DEW21

Von Hans-Peter Hoeren

Die Verluste der Stadtenergie im Jahr 2023 sind deutlich höher als bisher gedacht. Das Defizit beträgt insgesamt 93,2 Millionen Euro, das sind 19,2 Millionen mehr als die vorläufige Verlustübernahme, die im Frühjahr 2024 im Jahresabschluss 2023 der Muttergesellschaft Dortmunder Energie- und Wasserversorgung (DEW21 ) verarbeitet worden war. 

Die Abweichung hängt im wesentlichen mit niedrigeren Umsätzen und der Konkretisierung von Prognosewerten anhand der jetzt abschließend vorliegenden Verbrauchs- und Preisdaten zusammen. Das wurde dem Aufsichtsrat der DEW21 vergangene Woche mitgeteilt. Im Anschluss wurde der Jahresabschluss der Stadtenergie durch DEW21 für 2023 beschlossen. Dieser Abschluss wird im anstehenden Abschluss der Muttergesellschaft für das Geschäftsjahr 2024 verarbeitet.

Holtmeier: "Geschäftsmodell der Stadtenergie hatte nie eine Chance zu fliegen"

"Die Stadtenergie wird ihren operativen Betrieb Ende Juni einstellen, ab ersten Juli werden die Bilanzkreise neutral gestellt", sagte Gerhard Holtmeier, Vorsitzender der Geschäftsführung der DEW21 im Gespräch mit der ZfK. Alle Kund*innen erhielten eine finale Abrechnung auf einwandfreier Basis und ein Angebot von DEW21 zur weiteren Energiebelieferung

Die Stadtenergie hatte in den vergangenen Monaten über 70000 manipulierte Kundenabrechnungen neu abrechnen müssen. Mittlerweile seien alle Abrechnungen verschickt und sämtliche Beträge erstattet, heißt es. Der Abrechnungsbetrug ereignete sich während der jüngsten Energiekrise, Haupttatverdächtiger ist ein ehemaliger Pokurist der Stadtenergie. 

"Das Geschäftsmodell der Stadtenergie hatte nie eine Chance zu fliegen, weil dort viel zu teuer eingekauft worden ist", ergänzte Holtmeier. Das Gros der rund 10 Mitarbeitenden der Stadtenergie hat Übernahmeangebote von der Muttergesellschaft erhalten, die meisten der Betroffenen haben diese angenommen.

Als Folge der Vorkommnisse bei der Stadtenergie, aber auch der hohen Verluste im Handelsgeschäft der DEW21 während der Energiekrise, hat der Mutterkonzern das Risikomanagement verschärft und die Risikolimits im Handel reduziert, um eine riskoaverse Beschaffung sicherzustellen. "Wir haben das alte, wenig aussagekräftige Risikohandbuch neu gefasst, die neuen Kontrollmechanismen sehen unter anderem eine noch zeitgemäßere und viel stärkere Einbindung der Gremien vor", so Holtmeier. 

Künftig sei es beispielsweise nicht mehr möglich, dass eine Tochtergesellschaft unabhängig von der Mutter eigenständige Handelsentscheidungen treffen könne. Die Stadtenergie war als digitales Schnellboot konzipiert worden, das möglichst unabhängig von der Mutter agieren sollte.

"Unsere Mentalität ist eine andere"

Der Aufbau eines solchen Geschäftsmodells erfordere sehr viel Geld, insbesondere der Aufbau eines Kundenstamms, so Holtmeier. Die Grundidee hinter der Digitaltochter halte er weiterhin für richtig, dennoch ist es in seiner Einschätzung zielführender, sich von vornherein auf eine Verbesserung der Prozesse und der Aufstellung des Vertriebs im Mutterkonzern zu konzentrieren, anstatt dies über die Gründung einer zusätzlichen Digitaltochter und die dort gemachten Erfahrungen zu erreichen. 

"Nach meiner Erfahrung können Stadtwerke generell, keine Start-ups aufbauen und handhaben. Unser Versorgungsauftrag und unsere Mentalität ist eine andere", stellte er klar. Das gelte in der Regel auch für das Thema bundesweiter Vertrieb, deshalb wolle man sich in Dortmund künftig wieder auf die Heimatregion konzentrieren.

Auch 2024 wird die Muttergesellschaft erneut wohl keine Dividende erhalten

Die höheren Verluste bei der Digitaltochter hätten keine Auswirkungen auf das prognostizierte Jahresergebnis der DEW21 für 2024, das voraussichtlich im Juni veröffentlicht werden soll, versicherte Holtmeier. Dieses entspreche der bisherigen Planung. Laut Berichten von Lokalmedien soll das Ergebnis für das vergangene Jahr bei rund zwölf Millionen Euro liegen. 

Die Mehrheitseignerin der DEW21, die Dortmunder Stadtwerke AG, wird demnach keine Dividende erhalten, der Rest soll an die Minderheitseignerin Westenergie fließen. Für 2025 wird laut Lokalmedien mit einem ausgeglichenen Ergebnis von 39 Millionen Euro geplant, aus dem beide Gesellschafter eine etwa gleich hohe Dividende erhalten sollen, die im Bereich des „untersten Erwartungsniveaus“ liegen soll.

Die Gesellschafter, die DEW21 und die Arbeitnehmerseite hatten sich Ende 2024 auf eine Transformationsvereinbarung geeinigt, in der die Ergebniserwartung der Eigner für jedes einzelne Jahr bis 2029 definiert ist. Ab 2030 soll der Jahresüberschuss des mehrheitlich kommunalen Energieversorgers ein Niveau von rund 80 Millionen Euro erreichen. 

DEW21: Auch Beteiligung von Investoren an Erneuerbarenportfolio wird geprüft

"Das Ziel ist eine jährliche Rendite von sieben bis acht Prozent, das ist eine faire und vertretbare Erwartungshaltung", verdeutlichte Holtmeier. Die Gesellschafter werden zudem das Eigenkapital der DEW21 mit zusätzlichen rund 100 Millionen Euro stärken.

Aufgrund der Belastungen durch die hohen Millionenverluste bei der Stadtenergie und im Handelsgeschäft der DEW21 hatte die DEW21 im vergangenen Jahr einen Investitionsstopp verhängt. Das Unternehmen muss in den nächsten Jahren einen Betrag von mehreren Milliarden Euro in die Energie- und Wärmewende, vor allem in den Ausbau der Strom- und Fernwärmenetze, investieren. 

Um das stemmen zu können, ist die Generierung von weiterem Eigenkapital im dreistelligen Millionenbereich notwendig. „Wir prüfen deshalb auch alternative Finanzierungswege“, so Holtmeier. Eine Option dabei könnte offenbar sein, einen Kooperationspartner für einen beschränkten Zeitraum  mit an Bord zu holen. Dieser könnte sich beispielsweise an dem bestehenden Erneuerbaren-Portfolio der DEW21 von aktuell rund  170 MW beteiligen und dieses Geschäftsfeld mit dem kommunalen Versorger weiter entwickeln. Noch ist man hier aber offenbar im Stadium der Prüfung und Diskussion von Optionen.

DEW21-Chef über Preisaufsicht bei Fernwärme und Klimaziele

Von der künftigen Bundesregierung wünscht sich der DEW21-Chef vor allem Verlässlichkeit mit Blick auf die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen und Technologieoffenheit. Er warnte in dem Zusammenhang vor einem planwirtschaftlichen Ansatz, beispielsweise einer Preiskontrollaufsicht für die Fernwärme. "Wenn das beschlossen würde, wird der Ausbau der Fernwärme zum Erliegen kommen bevor er überhaupt richtig angefangen hat."

Die wachsenden Zweifel vieler Kommunen, die selbst gesteckten Klimaziele punktgenau zu erreichen, sieht er gelassen. Er gehe davon aus, dass man in Dortmund die bundesweit gesteckten Klimaziele bis 2030 schaffen werde, der Anteil der grünen Fernwärme liege bereits bei über 70 Prozent. "Die Ziele für 2035 werden wir dann vielleicht in manchen Bereichen schaffen, in anderen vielleicht nicht." 

Er habe Verständnis für jedes von der Politik formulierte Klimaziel. Entscheidend sei aber letztlich, was sich davon in der Realität wirtschaftlich und sozialverträglich umsetzen lasse und wie viel Spielraum die Politik den Unternehmen hierfür lasse.  

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