Civey-Umfrage
Die Stadtwerke im baden-württembergischen Bad Säckingen (Landkreis Waldshut) sind aufgrund erwarteter Millionenverluste in Handel und Beschaffung im Geschäftsjahr 2021 in eine gefährliche Schieflage geraten. Nun soll der mehrheitlich kommunale Energieversorger mit einer Finanzspritze seiner Gesellschafter in Höhe von 15 Mio. Euro gerettet werden.
Die 18.000-Einwohnerstadt plant deshalb am Montag (25. Juli) die Verabschiedung eines Nachtragshaushalts, wie Bürgermeister Alexander Guhl (SPD) auf ZfK-Anfrage bestätigte. Als Erstes hatte die Regionalzeitung „Südkurier“ über das Thema berichtet.
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Die Stadt Bad Säckingen will dem örtlichen Energieversorger elf Mio. Euro an neuem Eigenkapital zur Verfügung stellen, Minderheitsgesellschafter Energiedienst weitere vier Mio. Euro. Die positive Fortführungsprognose im Sanierungsgutachten ist an den Zufluss dieser neuen Mittel in das Unternehmen gekoppelt. „Dann sind die Stadtwerke wieder handlungsfähig“, so Guhl.
Bad Säckingen ist stark vom Gas abhängig
„Wir mussten in 2021 in größerem Maßstab Energie nachkaufen“, erklärt der Bürgermeister weiter. Der Abschluss für 2021 ist noch nicht testiert. Das Unternehmen habe in 2020 nicht alles eingedeckt, sondern immer gewisse Mengen am Spotmarkt beschafft. „Früher waren wir in der Beschaffung offensiver aufgestellt und hatten damit jahrelang auch Erfolg.“ Die massive Volatilität am Energiemarkt ab dem dritten Quartal 2021 habe die Stadtwerke Bad Säckingen jedoch besonders getroffen, weil sie sehr stark vom Gas abhängig sei.
Hinzu kam, dass ein Großkunde mit größeren Mengenflexibilitäten seinen Verbrauch deutlich erhöht hatte.
Rund 40 Prozent des Umsatzes entfielen auf die Stromsparte, weitere 36 Prozent auf Erdgas. Dieses spiele eine wichtige Rolle in der eigenen Wärmeerzeugung, aber auch für Haushaltskunden und Gewerbe. In dem Ort gebe es auch energieintensive Betriebe, das Gasnetz ist 115 Kilometer lang.
Aufgrund der Preisexplosion erwartet man eine Verdopplung des Gasumsatzes
Die Bilanzsumme des Unternehmens liegt bei rund 50 Mio. Euro. 2019 betrug der Gasumsatz 7,5 Mio. Euro, 2021 waren es 12 Mio. Euro, im laufenden Jahr erwartet Guhl auf der Grundlage des aktuellen Umsatzes eine Verdopplung auf 25 Mio. Euro.
„Unsere Beschaffungsstrategie haben wir mit Hilfe der neuen Geschäftsführung angepasst. Aber es ist aktuell schwierig, überhaupt einen Partner zu finden, der liefert“, sagt der Bürgermeister. Für 2023 sei man noch nicht komplett eingedeckt.
Eigenkapitalquote soll von 5 auf über 30 Prozent steigen
Ob auch ein Zusammenhang zwischen den erwarteten Verlusten und den Ermittlungen gegen den ehemaligen Stadtwerke-Geschäftsführer Martin Ritter wegen Verdachts auf Untreue besteht, dazu will Guhl sich mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht äußern. Der aktuelle Geschäftsführer Udo Engel jedenfalls genieße sein „uneingeschränktes Vertrauen“. Engel leitet seit Februar vergangenen Jahres die Stadtwerke Bad Säckingen, zuvor war er Prokurist bei den Stadtwerken Neuwied.
Im laufenden Jahr seien die Stadtwerke über Plan. Durch die Finanzspritze soll die Eigenkapitalquote, die nach dem vorläufigen Ergebnis für 2021 bei rund fünf Prozent liegt, wieder auf über 30 Prozent gesteigert werden. „Wir investieren jetzt elf Millionen Euro in einen Vermögenswert, die Stadtwerke erhalten damit auch Mittel für künftige Investitionen“, stellt er klar.
"Umsatzrentabilität lag normal bei 6,4 Prozent und darüber"
Das Unternehmen habe in der Vergangenheit immer "ordentliche Ergebnisse" erwirtschaftet, in der Regel lag der Überschuss zwischen zwei und zweieinhalb Mio. Euro. 2020 habe man noch eines der besten Ergebnisse in der Unternehmensgeschichte erzielt, die Umsatzrentabilität habe normal bei 6,4 Prozent und auch darüber gelegen.
Diese Zeiten seien aktuell vorbei. „Ich hoffe auf einen Rettungsschirm für Stadtwerke. In vielen Kommunen ist es 5 vor 12 mit Blick auf ihre Stadtwerketöchter“, mahnt der Bad Säckinger Bürgermeister. Es könne nicht sein, dass der Bund die Kommunen dazu treibe, „Riesenschulden für die Stadtwerke aufzunehmen“. Auch weitere Entlastungen der Verbraucher seien jetzt wichtig. Die Möglichkeit der künftigen unmittelbaren Preisweitergabe für Versorger begrüßt er zwar. Wenn dies aber nicht sozialpolitisch weiter abgefedert werde, erhöhten sich die Ausfallrisiken massiv.
"Wir benötigen Sicherheiten, um handeln zu können"
Stadtwerke müssten wieder die Möglichkeit haben, am Markt teilnehmen und im Bereich der Daseinsvorsorge wieder verlässlich sein zu können. „Im November müssen wir die Preise für das nächste Jahr veröffentlichen und Verträge schließen. Wir erwarten, dass wir die Sicherheiten bekommen, um handeln zu können.“
Wenn die Stadtwerke Bad Säckingen künftig aufgrund der aktuellen Energiemarktsituation die Liquiditätsanforderungen nicht erfüllen könnten, nutze ihnen auch die aktuelle Finanzspritze letztlich wenig. „Jetzt sind einfach Liquiditätshilfen extrem wichtig in Form von zinsfreien Darlehen und Bürgschaften. Ich fordere keine Zuschüsse“, versichert er.
"Banken sehen Stadtwerkekredite mittlerweile als risikoreich"
Die Stadt Bad Säckingen habe 18 Jahre lang erfolgreich den Haushalt konsolidiert und jedes Jahr rund eine Mio. Euro getilgt. Hierzu hätten auch die Stadtwerke Bad Säckingen mit ihren Gewinnen einen wesentlichen Beitrag geleistet. „Jetzt machen wir mit dem Nachtragshaushalt voraussichtlich so viele Schulden wie noch nie und unsere Aufgaben werden nicht weniger. Da muss jetzt auch das Land tätig werden, sonst geht den Kommunen der Atem aus.“
Die Stadt muss für die 11 Mio. Euro neue Kredite aufnehmen und erhalte diese auch problemlos. Für Energieversorger sei das aktuell schwieriger. „Banken sehen einen Kredit an Stadtwerke aufgrund der Entwicklung am Energiemarkt mittlerweile als besonders risikoreich“, sagt Guhl. Was die Stadt aber zusätzlich triff, ist, dass die Zinswende die Darlehensaufnahme deutlich verteuert hat. Zwischen zwei und drei Prozent zahlt die Kommune mittlerweile für einen Kredit. „Das sind bei elf Millionen Euro schon mal gleich 330.000 Euro pro Jahr an Zinsen.“
Auch Ramelow und Söder fordern Rettungsschirm für Stadtwerke
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat angesichts des geplanten milliardenschweren Rettungspakets für den Energiekonzern Uniper am Freitag ebenfalls einen Rettungsschirm für Stadtwerke gefordert. Wenn es einen Rettungsschirm für Uniper gebe, dann müsse man auch Stadtwerken helfen, sagte Söder nach dpa-Informationen aus Teilnehmerkreisen in einer kurzfristig anberaumten Schalte von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mit den Länder-Regierungschefs. Die regionale Energieversorgung könnte sonst gefährdet sein, sagte Söder.
Auch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow hat den Bund aufgefordert, einen Schutzschirm über kommunale Energieversorger zu spannen. Die finanzielle Lage vieler Stadtwerke und anderer Energieversorger im kommunalen Besitz sei angesichts der hohen Einkaufspreise für Energie extrem angespannt, sagte Ramelow der Deutschen Presse-Agentur in Erfurt. Sie seien schließlich gesetzlich verpflichtet, jeden Haushalt in die Grundversorgung mit Strom und Gas aufzunehmen. «Es reicht nicht, wenn der Bund mit einem milliardenschweren Rettungspakets beim angeschlagenen Energiekonzern Uniper einsteigt.»
Ramelow fordert auch Schutz für Wohnungsgenossenschaften
Ramelow zufolge gab es am Freitag eine Telefonkonferenz von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mit den Ministerpräsidenten zu den Themen Uniper und Versorgungssicherheit. Er habe dabei die Probleme kommunaler Versorger angesprochen und eine gesonderte Runde dazu angeregt, sagte Ramelow. Er fürchte, «dass angesichts der hohen Energiepreise und der Inflation kommunale Strukturen in Gefahr geraten». Unter einen Schutzschirm sollten nach Ansicht des Linke-Politikers auch kommunale und genossenschaftliche Wohnungsunternehmen genommen werden.
Der VKU erneuerte seine Forderung nach einem ergänzenden Schutzschirm für Stadtwerke und kommunale Energieversorger.
(hoe mit Material von der dpa)



