Herr Lieberasch, Ende des Jahres steht das Thema Preisanpassungen für Strom- und Gaskunden routinemäßig auf der Tagesordnung. Was planen die Stadtwerke Wasserburg konkret?
Martin Lieberasch: Wir haben unsere Preisanpassung für Strom bereits zum 1. Oktober umgesetzt. Die gesunkenen Beschaffungskosten seit Jahresbeginn haben eine deutliche Preissenkung ermöglicht, welche wir jedoch um 3 Monate vorziehen wollten.
Unsere Sonderverträge haben nur 4 Wochen Mindestvertragslaufzeit, was trotz Strompreisbremse zu zahlreichen unterjährigen Kundenverlusten geführt hat. Für uns hieß es daher, Vertrauen und Kunden zurückzugewinnen.
Wir liegen mit allen SLP-Tarifen unter der Strompreisbremse. Das war auch notwendig, da der Mehraufwand bei der Umsetzung der Preisbremse für mein Team unzumutbar war.
Wie hoch sind aktuell die Standardtarife für Strom und Gas für Haushaltskunden und welches Preisniveau wird künftig anvisiert?
Unsere Standardtarife bei Strom (wir sind kein Gasversorger) lagen bei 51 Cent brutto in der Grundversorgung und bei 48 Cent in den Sondertarifen. Wir haben dieses Niveau um 30 Prozent senken können und bieten seit Oktober 38,95 Cent in der Grundversorgung und 34,95 Cent in den Sonderverträgen.
Zudem haben wir alle Tarife vergrünt und bieten seit Oktober nur noch Ökostrom (im SLP) an. Wir liegen mit allen unseren SLP-Tarifen unter der Strompreisbremse, was unter anderem auch eine Notwendigkeit war, da der Mehraufwand bei der Umsetzung für mein Team unzumutbar war. Wir sind ein sehr kleines Stadtwerk und mit 4 Mitarbeiter*innen im Kundenservice unter dieser Belastung fast zusammengebrochen.
Aktuell sind die Preisdifferenzen im Markt zu den günstigsten Anbietern sehr hoch und betragen teils mehrere Hundert Euro. Viele Stadtwerke haben deshalb Sorge vor einer massiven Kundenabwanderung (vor allem aus der Grundversorgung), die auch bisher sehr loyale Kunden betreffen könnte. Was tun Sie, um das zu verhindern?
In der Grundversorgung beliefern wir nur noch 12 Prozent unserer Kunden, da es auch in den Sondertarifen keine längere Mindestvertragslaufzeit als vier Wochen gibt. Faire Vertragsbedingungen und faire Preise sind unsere Strategie, um Kunden langfristig zu binden.
Mit einer umfassenden Kommunikationskampagne klären wir die Stromkunden auch über die Mogelpackungen der Boni-Wettbewerber auf.
Das hat bisher sehr gut funktioniert, jetzt müssen wir stärker in die Kommunikation gehen, damit unsere Kunden nicht bei jeder Marktveränderung auf die Lockrufe vermeintlich günstigerer Anbieter hereinfallen. Ich glaube das gelingt uns mittlerweile sehr gut, da wir seit Juli, als wir die Preissenkung kommuniziert haben das Blatt wenden konnten und mittlerweile mehr Kunden gewinnen und zurückgewinnen als wir verlieren.
Mit einer 16-monatigen Kommunikationskampagne in den lokalen Online- und Offline-Medien haben wir im Oktober, unter dem Motto: „tue Gutes und sprich darüber“, begonnen Stromkunden auf uns aufmerksam zu machen und über die Mogelpackungen der Boni-Wettbewerber aufzuklären.
Eine Kundengewinnungskampagne für SLP-Gewerbekunden läuft seit Juli dieses Jahres mit fantastischen Conversionsraten auf unsere Mailings. Für RLM-Kunden haben wir ebenfalls ein überaus attraktives Angebot. Alles in allem werden wir die Verluste aus der vorgezogenen Preissenkung vermutlich schon bis Ende 2024 kompensiert haben.
Wie hoch sind aktuell Wechselbereitschaft und Wettbewerbsintensität ?
Die Wechselbereitschaft ist seit dem Sommer drastisch gesunken. Wir haben jedoch auch Kunden, die Ihren Wechsel vermutlich auf falschen Tatsachen aufbauen. So hatte ich in diesem Monat einige Kundenwechsel zu Eon in meiner Statistik, die rational nicht zu erklären sind, da wir unter den Eon-Preisen liegen.
Sowohl im Arbeits- als auch im Grundpreis und diese Angebote hatten teilweise 24 Monate Mindestvertragslaufzeit. Ohne Optin war es mir leider nicht möglich, diese Kunden anzurufen. Mich hätte schon interessiert, was die Beweggründe für den Wechsel waren.
Ich würde mir vom Verbraucherschutz etwas mehr Aufklärung wünschen, beispielsweise, dass es keine Preistransparenz bei den Discountern gibt.
Was die Fairness der Wettbewerber angeht, würde ich mir vom Verbraucherschutz etwas mehr Aufklärung wünschen. Zum Beispiel, dass es keine Preistransparenz bei den Discountern gibt, dass die Neukundenboni nicht ausgezahlt werden, wenn man innerhalb der ersten Mindestvertragslaufzeit kündigt und dass Bestandskunden höhere Preise zahlen als die auf der Website und den Portalen angebotenen Neukundenpreise.
Da der Verbraucherschutz hier seit Jahren tatenlos zusieht, haben wir das mit unserer Kommunikationskampagne übernommen.
Neben den Marktvolatilitäten gibt es ja noch das Risiko des nur noch schwer zu kalkulierenden Energiebedarfs hinzu.
Die Energiemärkte sind volatiler geworden und werden das wohl auch bleiben. Damit sind auch die Risiken gestiegen. Wie sichern Sie sich hier ab?
Wir haben unsere Beschaffungsstrategie geändert. Neben den Marktvolatilitäten gibt es ja noch das Risiko des mittlerweile nur noch schwer zu kalkulierenden Energiebedarfs.
Der Zubau von Balkon-PV, PV-Erweiterung/Neubau im Privat- und Gewerbebereich geht schneller als Wärmepumpen und E-Mobilität auf der Bedarfsseite diese Nachfrage decken könnten. Das alleine über Risikoprämien abzudecken, würde den Energiepreis sinnlos in die Höhe treiben.
"Wir wollen die Preiswellen zeitgleich mit den Discountern surfen können und nicht zeitversetzt.
Führt die tendenziell höhere Volatilität zu einer Anpassung der Beschaffungsstrategie, beispielsweise zu kürzeren Beschaffungszeiträumen und gegebenenfalls höherem Spotmarktanteil?
Unsere Beschaffungsstrategie ist immer noch langfristig ausgerichtet, aber wir haben auf die Marktlage reagiert und möchten uns auch nicht länger von den Discountern die Butter vom Brot nehmen lassen. Daher haben wir den Spotanteil deutlich erhöht, was uns in die Lage versetzen soll, die Preiswellen zeitgleich mit den Discountern surfen zu können und nicht zeitversetzt, wie in der Vergangenheit.
Beispielhaft für so einen Versatz waren die Jahre 2022 und 2023 als die kommunalen Versorger mehr als die Hälfte günstiger waren und Verbraucherschützer empfohlen haben, sich in die Grundversorgung fallen zu lassen. Diesen Rettungsschirm zahlen all die Kunden, die Ihren Stadtwerken treu geblieben sind.
Wir möchten die gesenkten Preise bis Ende 2024 aufrechterhalten können und müssen jetzt noch einmal sehr scharf kalkulieren.
Wie sehr erschwert die Diskussion um eine Verlängerung der Preisbremsen die Kalkulation der Preisanpassungen?
Wie bereits am Anfang erwähnt, wollten wir die Mehrbelastung der Strompreisbremse unserem Team nicht mehr zumuten und haben daher die vorgezogene Preissenkung zum 1.10. bereits im Juni im Gemeinderat einstimmig durchsetzen können.
Die drastischen Preissteigerungen bei den Netzentgelten machen uns derzeit das Leben schwer. Wir möchten die gesenkten Preise gerne bis zum 31.12.2024 aufrechterhalten, müssen jetzt aber noch einmal sehr scharf kalkulieren. Wenn es zu einer Preiserhöhung kommen muss, dann aber immer noch unterhalb der Strompreisbremse. Wir sind jedoch zuversichtlich, die Preise stabil halten zu können. (Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)
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