Der momentane Wegfall der LNG-Lieferungen aus den Golfstaaten nach Asien verschärft den weltweiten Konkurrenzkampf um LNG (Symbolbild).

Der momentane Wegfall der LNG-Lieferungen aus den Golfstaaten nach Asien verschärft den weltweiten Konkurrenzkampf um LNG (Symbolbild).

Bild: © Alexyz3d/AdobeStock

Die Volatilität und das Preisniveau im europäischen Erdgasgroßhandel bleiben aufgrund des Iran-Kriegs anhaltend hoch. An der Börse in Amsterdam sprang die Notierung für den Erdgas-Terminkontrakt TTF zur Lieferung in einem Monat zum Handelsbeginn um rund 30 Prozent auf 69,50 Euro je Megawattstunde (MWh) nach oben. Im frühen Handel fiel der Preis auf 61,80 Euro, am Nachmittag sank er auf 57,90 Euro.

Nach Katar stellt auch Bahrein die Energielieferungen ein

Entscheidend für die weitere Entwicklung seien jetzt vor allem zwei Punkte, sagt Stephan Sieber, Geschäftsführer des Plattformbetreibers Volue. Zum einen die Dauer der Blockade der "Straße von Hormus", durch die rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gastransporte verschifft werden und die vom Iran faktisch gesperrt wurde. Zum anderen die Situation um Katars große LNG-Anlage in Ras Laffan, für die seit einer Woche "höhere Gewalt" ausgerufen wurde. Diese Erklärung entbindet einen Vertragspartner rechtlich von seinen Lieferpflichten. Das hat Gewicht: Denn Katar ist der zweitgrößte Flüssiggas-Produzent weltweit, seit einer Woche sind die Flüssiggas-Lieferungen aus Katar gestoppt.

"Meldungen über mögliche Schäden an Infrastruktur oder über den Zeitpunkt einer Wiederaufnahme der Produktion könnten den Markt sehr stark bewegen. Je länger die Unsicherheit anhält, desto größer wird das Risiko deutlich höherer Energiepreise im Winter", verdeutlicht Sieber.

Der Markt reagiert bisher weniger mit der Erwartung eines akuten Mangels,
sondern mit der Erwartung dauerhaft höherer Preise durch stärkeren Wettbewerb um LNG.

Die fehlenden LNG-Mengen vom Golf haben auf die Gasversorgung in Europa aktuell direkt keinen Einfluss, nur sieben Prozent der benötigten Gasmengen kommen vom Golf. Da diese Mengen aber vor allem in Asien fehlen, verschärft sich der Konkurrenz- und damit der Preiskampf um die verbleibenden Gasmengen im globalisierten LNG-Markt. Dies könnte die Preise weiter in die Höhe treiben, so Sieber.

"Der Markt reagiert bisher weniger mit der Erwartung eines akuten Mangels, sondern mit der Erwartung dauerhaft höherer Preise durch stärkeren Wettbewerb um LNG", sagt der Volue-Analyst Sieber. Erste Effekte sehe man bereits: LNG-Ladungen würden verstärkt von Europa nach Asien umgeleitet.

Strompreise steigen, erhebliches Aufwärtspotenzial

"Diese Entwicklung wirkt sich auch auf die Strommärkte aus. Unsere Modellanalysen zeigen, dass Strompreise in Europa stark auf Gaspreise reagieren", sagt Sieber. Der Marktpreis für Strom liege bereits deutlich über dem Vorkrisenniveau. Besonders für die Wintermonate zeige sich ein erhebliches Aufwärtspotenzial für Strompreise, sollte die Gaspreissituation angespannt bleiben oder sich weiter verschärfen.

Im Gas-Terminmarkt wirke sich der Preisanstieg über das gesamte Jahr hinweg aus. Gleichzeitig erschwere der stärkere Wettbewerb um LNG das Wiederauffüllen der europäischen Gasspeicher vor dem nächsten Winter.

Endkundenpreise bleiben vorerst weiter stabil

"Für Großhändler und Energieversorger bedeutet das vor allem höhere Beschaffungskosten und mehr Preisvolatilität. Diese Effekte schlagen zunächst in den Großhandelsmärkten und Terminmärkten durch und wirken sich erst zeitverzögert auf langfristige Lieferverträge aus", so Sieber weiter.

Bei Endkunden kämen Preisänderungen in der Regel mit Verzögerung von mehreren Monaten an. Viele Stadtwerke sichern ihre Energie über Terminmärkte ab oder arbeiten mit längerfristigen Beschaffungsstrategien. Einzelne Stadtwerke kommunizieren das bereits proaktiv an ihre Kunden. Die Stadtwerke Kiel etwa teilten gestern mit, dass die Erdgas- und Strompreise absehbar stabil gehalten würden. Verivox hatte Ende vergangener Woche von einer massiv gestiegenen Nachfrage nach langfristigen Gastarifen berichtet, eine Vertriebsumfrage der ZFK zeigte hier ein uneinheitliches Bild.

Sollten die aktuell erhöhten Großhandelspreise über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben – insbesondere bis in den Sommer hinein – sei davon auszugehen, dass die höheren Preise im Laufe des Jahres und spätestens zum nächsten Winter stärker in Endkundentarifen sichtbar werden, verdeutlicht Sieber.

Auch Ölpreis zieht weiter deutlich an

Auch der Preis für ein Fass (159 Liter) Rohöl der Nordsee-Marke Brent stieg in der Nacht auf Montag um bis zu 29 Prozent auf fast 120 Dollar. Dann sank der Preis zwar, er lag im Vormittagshandel aber mit 107 Dollar immer noch 15 Prozent höher als am Freitag. Damit kletterte der Preis für die Referenzsorte des Großteils der weltweit gehandelten Ölsorten auf den höchsten Stand seit dem Sommer 2022.

Für Entspannung sorgte ein Bericht, wonach die führenden westlichen Industriestaaten der G7-Gruppe erwägen, ihre nationalen Erdölreserven einzusetzen, um den Preisanstieg am Ölmarkt zu bremsen.

Die Europäische Kommission sieht die Versorgung mit Öl und Gas weiter nicht unmittelbar gefährdet. "Europa ist trotz seiner hohen Abhängigkeit von den globalen Märkten als Nettoimporteur von Energie gut vorbereitet", sagte eine Sprecherin der Behörde. Europa beziehe Gas und Öl von verschiedenen Anbietern. Die Öl-Notvorräte seien gefüllt, und auch die Gas-Vorräte seien hoch genug, um Europa bis zum Ende der Heizperiode zu versorgen. 

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