Von Artjom Maksimenko
Die Klimaneutralität der Stadt Kassel ist erst im Jahr 2040 erreichbar, und damit zehn Jahre später als zunächst vorgesehen. Grund ist das Ergebnis eines Gutachtens, das insgesamt vier Szenarien hin zur Klimaneutralität skizzierte. Auch dieses Datum sei nur "unter günstigen Bedingungen" machbar, teilte die Stadt mit. "Die Ergebnisse bringen einiges mehr an Klarheit für unseren weiteren Weg“, so Oberbürgermeister Sven Schoeller.
In einem der Szenarien, dem für 2040, gehen die Autoren von einem umfassenden Erneuerbarenausbau aus, der bis dahin den gesamten Strom‐ und Wärmebedarf der Stadt abdecken könne. Durch Sanierungen, Verhaltensänderungen und Effizienzmaßnahmen im Bereich der Strom‐ und Wärmenutzung soll der Energiebedarf im stationären Sektor bis 2040 signifikant zurückgehen. Die Technologiewende im Bereich Wärme werde durch städtische Maßnahmen wie die kommunale Wärmeplanung beschleunigt, wobei das vollständige Ende fossiler Heizungen erst nach 2040 erwartet wird.
Klimaneutralität bis 2030 nicht realisierbar
Mit dem Gutachten wurde der Klimaschutzspezialist Ark Climate, das Fraunhofer-Institut für Bauphysik und die PTV Transport Consult von der Stadt Kassel beauftragt. An der Erstellung des Berichts sind die Kasseler Verkehrs‐ und Versorgungs‐GmbH sowie externe Fachinstitutionen beteiligt. Das vorliegende Grobkonzept hat in insgesamt vier Szenarien für die Jahre 2030, 2035, 2040 und 2045 untersucht, mit welchen Mitteln Klimaneutralität in Kassel erreicht werden kann.
Das Fazit der Studienautoren des "Grobkonzepts": Unter günstigen Bedingungen ist die Klimaneutralität 2040 machbar. Gleichzeitig sehen sie keinen gangbaren Weg für Kassel als Kommune, bereits 2030 oder 2035 klimaneutral zu sein. Grund für die Verzögerung hierfür sind unter anderem Vorgaben des Gesetzgebers auf EU‐ und Bundesebene.
Interims-Stadtwerkechef Grützmacher hatte bereits Zweifel
Die drohende Unerreichbarkeit der Klimaneutralität bis 2030 in Kassel ist in den Fachkreisen keine Überraschung. Im Interview mit der ZfK im vergangenen Sommer hatte beispielsweise Stefan Grützmacher, damals Interimsmanager beim Kasseler KVV-Konzern, empfohlen, dieses Ziel kritisch zu hinterfragen. Er "halte es persönlich mit Blick auf das aktuelle Datum nicht mehr für realistisch".
Einige Städte hätten sich unter dem Druck von "Fridays for Future" dazu verpflichtet, bis 2030 klimaneutral zu sein, auch die Stadt Kassel. Bei der Umsetzung gehe es allerdings nun um konkrete Fragen der technischen, finanziellen und ressourcenmäßigen Herausforderungen bei der Umsetzung der Klimaneutralität in Kassel, gab er zu bedenken.
Fuel-Switch im Heizkraftwerk dauert länger
Im Jahr 2023 gehörten die Städtischen Werke Kassel zu den treibenden Kräften bei der CO2-Reduktion in der städtischen Klimabilanz. Ausschlaggebend dafür war unter anderem "die Umstellung des Heizkraftwerks auf erneuerbare Brennstoffe wie Altholz und Klärschlamm", sagte ein Unternehmenssprecher der ZfK. Der komplette Fuel-Switch des Heizkraftwerks auf nachhaltigere Ressourcen werde 2025, anders als geplant, nicht möglich sein. Als Gründe dafür nannte der Sprecher die internationalen Lieferengpässe und fehlende Fachfirmen, die die Maßnahmen umsetzen könnten. Die Umsetzung in Eigenregie wäre ein technisches Neuland und deshalb mit zeitlichen Verzögerungen verbunden.
Für das nun auf 2040 terminierte Ziel der Klimaneutralität in Kassel wolle der Versorger seine Arbeit intensivieren. Konkret gehe es um den Fernwärmeausbau sowie die bereits genannte Umstellung des Heizkraftwerks.
"Die ehrgeizigen Dekarbonisierungsziele vieler Kommunen werden jetzt in der Realität hinsichtlich der Machbarkeit eingeholt." Anton Berger, Rödl & Partner
Zeichnet sich ein neuer Trend ab?
Ob die Neubewertung des Zeitplans von Kassel eine neue Tendenz für weitere Städte und Kommunen bedeutet, wollte der Sprecher der Städtischen Werke Kassel nicht sagen; dafür aber mehrere Stimmen aus der Branche. "Die ehrgeizigen Dekarbonisierungsziele vieler Kommunen werden jetzt in der Realität hinsichtlich der Machbarkeit eingeholt", resümierte beispielweise Anton Berger, Leiter Geschäftsbereich Energie, Umwelt, Telekommunikation & Infrastruktur bei Rödl & Partner, auf Anfrage der ZfK. An der aktuellen Diskussion werde an vielen Stellen, vor allem bei Kommunen, sichtbar, dass die ambitionierten Ziele nicht haltbar seien. Die Gründe für diesen "neuen Realismus" seien vielfältig. So würden primär bei den Stadtwerken und Dienstleistern Ressourcen für das Erreichen der Klimaziele fehlen.
Der Umbau hin zur Klimaneutralität würde zudem erhebliche Investitionen erfordern. An vielen Stellen ist die Finanzierung noch überhaupt nicht gesichert. Aufgrund von Angebot und Nachfrage steigen dabei die Baukosten erheblich an. Außerdem bleibe die konventionelle Energieerzeugung und -verteilung ein weiterhin profitables Geschäft, so Berger weiter.
Grundlage für einen Klimafahrplan
Trotz einer gewissen Ernüchterung angesichts des Gutachtenergebnisses bleibt Stadtklimarätin Simone Fedderke optimistisch. "Klimaschutzrat und Themenwerkstätten haben mit der Klimaschutzstrategie großartige Vorarbeit geleistet in der Beantwortung der Frage, was notwendig ist, um eine lebenswerte und klimaneutrale Zukunft zu ermöglichen", wird sie in einer Mitteilung der Stadt zitiert. Im Gutachten seien dutzende Vorschläge für Einzelmaßnahmen und Maßnahmenbündel definiert, wovon sich einiges bereits in der Umsetzung befindet.
Als Beispiel nannte Fedderke eine stringente Förderung des Radverkehrs, die Pflanzung von Bäumen in Zielrichtung der 100.000 Bäume, die Eröffnung der Baustoff‐ und Materialbörse, den konsequenten Zuwachs von Photovoltaik und vieles mehr. Die Stadtverwaltung habe nun einen konkreten Fahrplan, der die CO2-Wirkung von Maßnahmen bewertet, Kosten und Ressourceneinsatz abschätzt, Wechselwirkungen berücksichtigt und somit auch eine "fundierte Priorisierung" ermöglicht. "Das Grobkonzept bietet nun die erste Orientierung, die im zweiten Schritt zu einem Klimafahrplan ausgearbeitet werden soll", sagte sie weiter.



