Alireza Assadi leitet seit 2012 die Stadtwerke Oranienburg. Ende September ist Schluss.

Alireza Assadi leitet seit 2012 die Stadtwerke Oranienburg. Ende September ist Schluss.

Bild: © Stadtwerke Oranienburg

Nach fast zwei Jahrzehnten in der Privatwirtschaft heuerte Alireza Assadi 2012 als Geschäftsführer bei den Stadtwerken Oranienburg an. Zehn Jahre, eine bundesweite Vertriebsmarke und eine Holdinggründung später ist Schluss. Im Frühjahr und trotz Energiekrise beschloss die Oranienburger Stadtverordnetenversammlung, Assadi vor Vertragsende abzuberufen. (Die ZfK berichtete.) Kurz vor seinem Abschied hat die ZfK mit Assadi noch einmal über seine Bilanz, Zukunftspläne und die Lage der Stadtwerke insgesamt gesprochen.

Herr Assadi, die Stadtwerke Flensburg ziehen sich aus dem bundesweiten Gasvertrieb zurück. Auch die Stadtwerke Oranienburg haben unter Ihrer Führung stark auf den bundesweiten Vertrieb gesetzt. Fürchten Sie, dass sich das nach Ihrem Weggang ebenfalls massiv ändern wird?

Wir haben zwar schon länger den Neukundenvertrieb eingestellt, aber an eine Aufgabe unserer Gaskunden außerhalb unseres Grundversorgungsgebiets haben wir nicht gedacht. Allerdings kann man in diesen Zeiten für nichts garantieren. Sollte sich die Lage an den Energiemärkten weiter zuspitzen, könnte dies auch in Oranienburg in Erwägung gezogen werden.

Dabei prognostizierten Sie noch vor Kurzem, dass in einigen Jahren praktisch jedes Stadtwerk einen bundesweiten Vertrieb haben müsse, um im Wettbewerb bestehen zu können.

Dieser Auffassung bin ich noch immer. Wer seine Tätigkeit nicht über sein Netzgebiet hinaus erweitert, bleibt in der Defensive. Die Krise hat gezeigt, dass Stadtwerke tragfähige Geschäftsmodelle benötigen. Entsprechend muss auch der bundesweite Vertrieb digital und nachhaltig ausgerichtet sein. Beschaffung und Vertrieb müssen aufeinander abgestimmt sein. Wer das beherzt umsetzt, ist auch in Krisenzeiten gut aufgestellt.

Wie haben sich denn die Stadtwerke Oranienburg bislang in der Krise bewährt?

Wir haben im Frühjahr 2021 in der Beschaffung auf eine Long-Strategie umgestellt. Das heißt, wir haben uns deutlich überdeckt. Das hat uns bereits 2021 gerettet. Zwar kamen auch bei uns im vierten Quartal nach Lieferstopps von Mitbewerbern und inmitten enorm gestiegener Großhandelspreise unerwartet viele Neukunden in die Grundversorgung, was sich am Ende negativ auf das Ergebnis ausgewirkt hat. Trotzdem schlossen wir mit einem Gewinn von 2 Mio. Euro ab.

Wie sieht es im laufenden Geschäftsjahr aus?

Natürlich hängt es davon ab, was im vierten Quartal passieren wird. Das ist unberechenbar. Aber Stand jetzt erwarten wir einen Rekordgewinn von fünf bis sechs Mio. Euro. Und auch für 2023 bin ich optimistisch, dass ein sehr positives Ergebnis herausspringen wird.

Trotzdem müssen Sie schon jetzt die Stadtwerke Oranienburg verlassen – mehr als ein Jahr vor dem regulären Vertragsende.

Ich hätte mir sehr gut vorstellen können, die Unternehmensgruppe weiter durch die Krise zu steuern. Ich bedauere es auch für die Belegschaft, dass es jetzt mitten in der Krise einen Führungswechsel geben wird.

Am Ende war es die Stadtverordnetenversammlung höchstselbst, die ihre vorzeitige Abberufung beschloss. Zuvor hatte es heftige Kritik an Ihrem Führungsstil gegeben. Hatten Sie als einer, der aus der Privatwirtschaft kam, nicht das nötige Fingerspitzengefühl, das in der Kommunalwirtschaft mitunter vonnöten ist?

Eine für mich wichtige Erkenntnis aus den letzten drei, vier Jahren war jedenfalls, dass man sich in der Kommunalwirtschaft für seinen Erfolg verteidigen muss. Das habe ich in der Privatwirtschaft so nicht erlebt. Da ist die Maxime: höher, schneller, weiter. In der Kommunalwirtschaft dagegen kann zu viel Erfolg bei einigen negative Assoziationen hervorrufen.

Worauf wollen Sie hinaus?

Als ich vor zehn Jahren die Führung der Stadtwerke Oranienburg übernommen habe, war das Unternehmen in einer Misere, durchgerüttelt und durchgeschüttelt. Ich habe es auf Wachstumskurs gebracht, das Ergebnis mehr als verdoppelt, den kulturellen Wandel vorangetrieben. Doch gerade in den letzten drei, vier Jahren, als dieser Kurs immer mehr Früchte trug, wurde die Kritik aus der Kommunalpolitik immer lauter.

Wohl auch weil Sie einigen Kommunalpolitikern mit Gründung der von Ihnen konzipierten Oranienburg Holding zu mächtig wurden. Denn in der Folge waren Sie nicht nur Chef der mit Abstand größten Holdingtochter Stadtwerke Oranienburg, sondern in Personalunion auch noch Geschäftsführer der Holding selbst. Hätte ein Amt nicht gereicht?

Ich kann nachvollziehen, dass sich einige daran gestört haben. Aber solche Konzernstrukturen sind national und international völlig normal. Das passiert jeden Tag und überall. Das ist weder anrüchig noch illegitim und schon gar nicht illegal. Ich habe die Doppelfunktion auch nie als Machtposition begriffen, sondern als Verantwortung, um Ergebnisse zu liefern und die Stadt voranzubringen. Und ich bin stolz, wie sich die Holding entwickelt hat. Allein im letzten Jahr erzielten wir einen Jahresüberschuss von knapp 5 Mio. Euro.

Aber haben Sie aus Ihrer Sicht wirklich gar keine eigenen Fehler gemacht?

In der Kommunikation hätte in den vergangenen zwei, drei Jahren sicherlich einiges besser laufen können. Dann hätte man sicherlich den einen oder anderen Streit vermeiden können. Aber hinterher ist man immer schlauer. Man muss aber auch sagen, dass meine Hauptkritiker in der Stadtverordnetenversammlung gar nicht das Gespräch mit mir gesucht haben. Da war ein konstruktives Miteinander gar nicht möglich.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zum parteilosen Bürgermeister Alexander Laesicke beschreiben?

Als konstruktiv-kritisch. Wir waren an einigen Stellen unterschiedlicher Meinung. Aber wir haben immer offen und anständig miteinander kommuniziert. Da gibt es aus meiner Sicht nichts zu beanstanden.

Weiten wir wieder das Bild: Wie schätzen Sie die Lage der deutschen Stadtwerke in der jetzigen Krise ein?

Da braucht man nichts schönreden. Wenn kein Rettungsschirm kommt, werden es einige Stadtwerke nicht schaffen. Das hat vor allem mit falschen strategischen Entscheidungen zu tun. Auch Stadtwerke, die bislang nur verwaltet wurden, werden es schwer haben. So mancher Kommune könnte es nun auch auf die Füße fallen, dass sie in wirtschaftlich guten Jahren zu stark gebremst hat, wichtige Unternehmensentscheidungen verhindert hat und zu politisch unterwegs gewesen ist. Da wird sich die Spreu vom Weizen trennen.

Was verstehen Sie unter Stadtwerken, die bislang nur verwaltet wurden?

Ich meine Kommunalunternehmen, die sich auf den Vertrieb und Netzbetrieb im eigenen Versorgungsgebiet konzentriert und sonst nichts anderes ausprobiert haben. Die nicht in genügend gute Mitarbeiter, Klimaneutralität und Digitalisierung investiert haben.

Und was meinen Sie mit falschen strategischen Entscheidungen?

Ein Beispiel wären Stadtwerke, die Kernprozesse wie Beschaffung und Portfoliomanagement derart ausgelagert haben, dass sie überhaupt keinen Einfluss mehr darauf haben. Denn wenn es darauf ankommt, haben sie das Lenkrad nicht in der Hand. Oder sie müssen ausgerechnet jetzt in Windeseile ein professionelles Beschaffungsteam aufbauen, weil sie aus der Vollversorgung gefallen sind.

Das Kapitel Oranienburg ist für Sie beendet. Was kommt jetzt?

Kurzfristig werde ich mir eine Auszeit nehmen, weil ich das eine oder andere Land bereisen möchte. Was meine berufliche Zukunft betrifft, halte ich mir alle Türen offen. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, direkt oder indirekt der Energie- und Kommunalwirtschaft verbunden zu bleiben.

Und wenn ein Stadtwerk schon im Oktober unbedingt Ihre Hilfe bräuchte, wo könnte es Sie finden?

(Lacht) In New York.

Das Interview führte Andreas Baumer

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