Gut sechs Monate nach der verpflichtenden Einführung von dynamischen Tarifen fällt das Fazit vieler Versorger enttäuschend aus. Die Kundenzahlen sind niedrig, der technische und organisatorische Auffand hoch. Wie die etablierten Versorger das Interesse der Kunden wecken könnten und was die neuen Player ihnen voraushaben, erläuterte Silvia Fischer, Leiterin Vertrieb bei MVV Energie, im Interview mit der ZfK
Die Bilanz vieler Versorger zu den seit Jahresbeginn verpflichtenden dynamischen Tarifen fällt ernüchternd aus. Warum?
Ein Großteil der Bürger kennt heute das Potenzial der dynamischen Tarife noch nicht und auch das Angebot der Versorger ist überschaubar. Die meisten Unternehmen vermarkten die dynamischen Angebote, die nun verpflichtend angeboten werden müssen, nicht unbedingt aktiv.
Dennoch hat sich der Anteil derer, die dynamische Tarife verstehen und sie nutzen, in den letzten zwei bis drei Jahren etwa verdreifacht, mit stark steigender Tendenz. Und immer mehr Haushalte können sich vorstellen, künftig dynamische Tarife zu nutzen, wenn sich daraus Einsparpotenziale ergeben.
Was fehlt diesen Tarifen zum endgültigen Durchbruch?
Der Trend ist und muss klar in Richtung zunehmender Flexibilisierung gehen, sowohl was die Angebots- als auch die Nachfrageseite angeht. Die zunehmende Elektrifizierung der Haushalte durch den Wechsel von fossiler Heizenergie auf zum Beispiel eine Wärmepumpe und der Wechsel hin zur E-Mobilität wird den Stromverbrauch der Haushalte massiv erhöhen.
Der weitere Ausbau der erneuerbaren Energie und die damit verbundenen Preisschwankungen am Strommarkt, werden künftig noch häufiger dazu führen, dass die Kosten für die Stromerzeugung stundenweise sinken und zeitweise sogar negativ sind. Wenn Verbräuche in Zeiten günstiger Strompreise gelegt werden können, sparen Kunden viel Geld. In Verbindung mit einer smarten Steuerung, zum Beispiel über ein Energiemanagementsystem, Ems, können Kunden somit von der Volatilität der Strompreise profitieren, wenn sie einen dynamischen Tarif buchen.
Welche Anreize für die Kunden könnten hier aus Ihrer Sicht die Trendwende schaffen?
Strom ist ein Commodity-Produkt. Die meisten Kunden interessieren sich nicht wirklich für den Strom aus der Steckdose. Er sollte einfach so günstig wie möglich sein. Ein stundenweises Austarieren von Stromverbräuchen und Tarifen passt da nicht so recht ins Bild. Eine ordentliche Ersparnis ist jedoch ein starkes Verkaufsargument.
Unserer Aufgabe als Versorger ist es, die Komplexität für unsere Kunden zu reduzieren. Im flexibilitätsgetriebenen Marktumfeld wird dies ermöglicht durch die intelligente Steuerung der Verbraucher mit Hilfe eines Energiemanagementsystems, Ems. Den größten Hebel haben Geräte mit großen, verschiebbaren Verbräuchen: allen voran das E-Auto, aber auch die Wärmepumpe, die vom Ems automatisiert preisoptimiert werden.
Die Höhe der Ersparnis ist stark abhängig vom Stromverbrauch, den man durch eine zeitliche Lastverschiebung optimieren kann. Am meisten Potenzial hat dabei ein voll elektrifizierter Haushalt mit E-Auto und Wärmepumpe, der am besten mit einer PV-Anlage und Speicher ausgestattet ist. In diesem Szenario sparen Kunden je nach Fahrverhalten 4-stellige Beträge auf ihre jährliche Stromrechnung.
In welchen Kundensegmenten wäre aus Ihrer Sicht das größte Marktpotenzial zu heben?
Im Rahmen der Energie- & Wärmewende konzentriert sich MVV stark auf das Segment der Prosumer mit Ein- und Zweifamilienhäusern. Der größte Hebel entsteht beim Laden des E-Autos.
In naher Zukunft werden aber auch mehr Produkte für andere Wohnsituationen entstehen, insbesondere für Mehrfamilienhäuser. Hier hat der Gesetzgeber zum Beispiel die Rahmenbedingungen für die Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung gelegt.
"Um langfristig zu bestehen, braucht es Kundenorientierung mit dem Mut für neue Lösungen und Geschwindigkeit."
Mit innovativen Modellen gewinnen neue Player immer größere Marktanteile. Wie können sich da die klassischen Energieversorger behaupten?
Das kann man als Disruption bezeichnen. Die Spielregeln des Marktes haben sich verändert und neue Player sind sehr schnell darin, passende Angebote am Markt zu platzieren. Die klassischen Energieversorger stehen unter Druck.
Zwei Dinge sind wichtig, um langfristig bestehen zu können: Erstens Kundenorientierung mit dem Mut zu neuen Lösungen und zweitens Geschwindigkeit.
Die klassischen Versorger sind langjährige Partner ihrer Kunden. Diese verlässliche Kundenbindung sollten sie nutzen und ihren Kunden neue Lösungen anbieten, die auf Augenhöhe mit den neuen Akteuren sind. Die neuen Lösungen sollten schnell verfügbar sein. Dabei helfen der Branche Kooperationen. Der Markt ist hoch fragmentiert und alle Unternehmen müssen sich denselben Herausforderungen stellen. Es ist nicht effizient, wenn jeder die Herausforderungen für sich allein zu lösen versucht.
Hier bietet die MVV Energie AG mit ihrer Tochter Beegy ein umfassendes White Label-Angebot für sämtliche Wertschöpfungsstufen an. Wir bieten für Stadtwerke den Aufbau des kompletten dezentralen Geschäfts an, inklusive der hierfür notwendigen Software oder auch nur die smarte Steuerung über das Ems perspektivisch mit oder ohne dynamischen Tarif.
Welche Profits und Impulse erwarten Sie bei der Kooperation mit Ostrom?
Zusammen mit dem dynamischen Tarif von Ostrom bieten wir unser Energiemanagementsystem bundesweit an und haben damit unser Vertriebsgebiet kurzfristig deutlich ausweiten können. Gerade für den Vertrieb der Beegy Box, die von jedem Handwerksunternehmen frei verbaut werden kann, wollten wir ein passendes Tarifangebot mitliefern können. So können Kunden überall von den Einsparpotenzialen unserer Steuerung profitieren.
Grundsätzlich funktioniert unser Ems natürlich mit allen am Markt angebotenen dynamischen Tarifen. Als Energieversorger kann man auch eigene Angebote damit verknüpfen.
Welche Ziele setzen Sie sich bei der Kundengewinnung für das laufende Jahr?
Im Rahmen der Energie - & Wärmewende haben wir uns deutliche Wachstumsziele gesetzt. Ems und Beegy Box werden auf den Branchenmessen präsentiert und wir freuen uns über Kooperationen innerhalb der Branche und darüber hinaus. Hierfür haben wir verschiedene Partnermodelle im Angebot.
Das Interview führte Artjom Maksimenko
Es erschien in gekürztes Fassung in der Mai-Ausgabe der ZfK. Hier geht es zum E-Paper.



