Zoltan Elek ist Geschäftsführer des Münchner Biomethanlieferanten Landwärme.

Zoltan Elek ist Geschäftsführer des Münchner Biomethanlieferanten Landwärme.

Bild: © Landwärme

Nach dem Insolvenzantrag Mitte August will Landwärme mit einer Sanierung in Eigenverwaltung wieder auf starke Füße kommen. Dafür will das Unternehmen unter anderem alle Verträge überprüfen und einen finanzstarken Partner ins Boot holen. In der Produzentenbranche rumort es indes: Die Rede ist von offenen Forderungen in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro.

Herr Elek, warum ist Ihr Unternehmen in eine Schieflage geraten?
Elek:
Der Markt für die THG-Quotenpreise befindet sich schon länger in einer Krise, die sich in einem massiven Preisverfall zeigt. Zwar ist es uns fast zwei Jahre lang gelungen, dem zu begegnen. So haben wir unsere Handelsstrategie stetig angepasst und dies auch auf der Finanzierungsseite abgebildet. Zudem haben wir begonnen, nach neuen Investoren zu suchen. Als jedoch im Juli die Preise weiter fielen, haben einige Banken ihren Rückzug angekündigt. Gleichzeitig wurde eine starke Bestandsabwertung erforderlich. Um eine Vertiefung der Krise zu vermeiden, haben wir das Eigenverwaltungsverfahren eingeleitet, das uns hervorragende Möglichkeiten für einen Neustart bietet.

Welche Auswirkungen hat die Insolvenz auf Ihre Kunden?
Besonders wichtig für unsere Biomethan-Abnehmer ist: Wir werden sie möglichst weiter beliefern, soweit dies im rechtlichen Rahmen möglich ist. Wir haben unsere Kunden sofort nach Einleitung der Eigenverwaltung umfassend informiert und stehen mit ihnen in ständigem Kontakt. Außerdem führen wir Landwärme im Rahmen dieses Eigenverwaltungsverfahrens in vollem Umfang fort und haben eine umfassende Sanierung unseres Unternehmens begonnen.

Auf der THG-Quotenseite müssen wir unser Portfolio anpassen. Aber es ist unser Ziel, Stadtwerke und Energieversorger weiter zu beliefern, sofern dies rechtlich möglich ist. Das klären wir jedoch mit jedem unserer Kunden individuell. Dazu können wir keine Informationen nach außen geben, da es sich bei einem Eigenverwaltungsverfahren um ein nicht-öffentliches Verfahren handelt. Wir bemühen uns aber, mit jedem unserer Vorlieferanten sowie den Stadtwerken und Vollversorgern eine sinnvolle wirtschaftliche Lösung zu finden.

"Wir bedauern sehr, dass einige unserer Partner offene Forderungen haben."Zoltan Elek, Landwärme

Könnten Sie das konkretisieren?
Das heißt, wir liefern unseren Kunden zunächst weiter ihr Biomethan in den benötigten Mengen. Das betrifft die überwiegende Mehrheit. Im Rahmen der Sanierung wird dann geklärt, ob uns im nun gegebenen rechtlichen Rahmen Maßnahmen auferlegt sind, die wir zwingend einhalten müssen.  

Einige Anlagenbetreiber liefern weiterhin Biomethan und bekommen seit langem kein Geld. Stimmt diese Information?
Wir bedauern sehr, dass einige unserer Partner offene Forderungen haben. Wir stehen bereits mit unseren Vorlieferanten im Gespräch und suchen gemeinsam nach Lösungen.

Die finanziellen Schwierigkeiten der Landwärme lagen vorrangig nicht im Biomethansegment, sondern im THG-Quotenhandel.
Mittlerweile sind beide Geschäftsbereiche in etwa gleich groß. Aber das ist richtig: Das Problem der Abwertung des Bestands betraf zum größten Teil die THG-Quote.

Die Insolvenz von Landwärme ist im THG-Quotenmarkt derzeit eine Ausnahme. In der Branche wird Ihnen nachgesagt, sich mit aggressiver Preispolitik große Marktanteile gesichert zu haben. Haben Sie sich verkalkuliert?
Wir vermarkten THG-Quoten seit zwölf Jahren. Der Markt ist schwierig aufgrund des Oligopols auf der Seite der Quotenverpflichteten. Diese erwarten von den Tankstellenkunden kontinuierliche Zahlungen, wollen aber erst im Folgejahr für die Erfüllung durch Dritte zahlen. Das heißt: jeder, der THG-Quoten erzeugt – Ladesäulenbetreiber, Elektromobilisten, Biomethanerzeuger und -tankstellen – muss dagegen in Vorleistung gehen.

Wir helfen den einzelnen Dritten, indem wir die Quote bündeln. Aber in unseren Planungsszenarien konnten wir natürlich keinen orchestrierten, staatlich abgesegneten Betrug im Umfang von über 10 Mio. Tonnen einkalkulieren. Das war nicht als Low Case vorgesehen, weder bei den Banken noch bei den Personen, die in die Projekte investiert haben.

Spätestens Anfang 2023 begann der Verfall der THG-Quotenpreise. Wann haben Sie Ihre offensive Strategie angepasst?
Wir waren in der Tat bis Ende 2022 sehr aktiv im Markt tätig. Wir haben zu hohen Preisen eingekauft und zu hohen Preisen verkauft. Als der Verfall der Quotenpreise Anfang 2023 eingesetzt hat, haben wir natürlich vorsichtiger agiert, was die Neuakquise betrifft, aber der Schaden war nicht mehr rückgängig zu machen.

Ich muss es noch einmal wiederholen: Wir sind für den Klimaschutz zusammen mit unseren Vorlieferanten in Vorleistung gegangen. Und jetzt werden wir im Regen stehen gelassen. Es ist ein Markt, der sehr spot-orientiert ist. Ich kann aktuell keine Quote für das Jahr 2026 verkaufen. Ich sehe nur, dass die Verpflichtung für das Jahr 2026 um 10 Millionen Tonnen höher sein wird als heute. Aber keiner deckt sich vorsorglich ein, kaum jemand investiert noch in Verkehrswendeprojekte. Sollte sich die Situation nicht ändern, werden wir auf der Biomethan-Erzeugungsseite viele Insolvenzen sehen.

Eine wichtige Rolle für die Sanierung des Unternehmens soll ein Finanzpartner bilden. Wie läuft die Suche?
Wir führen einen offenen M&A-Prozess durch, bei dem sich Interessenten melden können. Bis jetzt haben sich über zwei Dutzend Interessenten gemeldet. Dann wird man sehen, wer die beste Lösung bietet – auch im Hinblick auf das Unternehmen, die Mitarbeiter und die Befriedigung der Gläubiger. Wir befinden uns allerdings noch ganz am Anfang des Prozesses und können keine Entscheidungen vermelden. Sie liegt letztlich ohnehin bei den Gläubigern. Der neue Finanzpartner entscheidet auch, ob ich Geschäftsführer von Landwärme bleibe. Mein Angebot steht jedenfalls.

Neben dem Preisverfall auf dem THG-Quotenmarkt machen Sie auch das Bundesumweltministerium für die Misere bei Landwärme verantwortlich. Können Sie das erläutern?
Ich werfe dem Ministerium und den zuständigen Kontrollbehörden vor, nicht konsequent, transparent und nicht schnell genug auf ein lang bestehendes Problem des massiven Betrugs bei THG-Zertifikaten reagiert zu haben.

Durch die Doppelanrechnungen kommen immer noch weitere Millionen Tonnen nicht realer THG-Minderung in den Markt. Der Markt hatte ein Volumen von vielleicht insgesamt 18 Millionen Tonnen in diesem Jahr. Das hat den gesamten Markt zerschossen. Das ist einfach eine Menge, die dazu führt, dass sich der Preis nicht mehr an den Kosten der Treibhausgasminderung in Deutschland, sondern am billigsten Angebot auf dem Weltmarkt orientiert. Denn die Akteure des Marktes sind nicht darauf angewiesen, in Deutschland Biodiesel oder Biomethan einzukaufen.

Warum werden diese Korrekturen nicht vorgenommen?
Die Aufklärung läuft schleppend. Der größte Skandal ist, dass mehrere Projekte aberkannt wurden, aber die daraus resultierende THG-Quote im Markt bleibt. Die Gewinne bleiben bei einigen großen Mineralölkonzernen wie Shell, und es findet keine Korrektur statt.

Die einzige Maßnahme war, die Erfüllungsoption für UER-Zertifikate zu streichen, aber vermutlich nicht aufgrund des Betrugs, sondern weil man sie plötzlich für überflüssig hielt. Das ist aus meiner Sicht ein Vertrauensbruch gegenüber denjenigen, die redlich arbeiten.

Es ist nicht so, dass alle Mineralölkonzerne involviert waren. Nur etwa ein Viertel aller großen Verpflichteten hatten gefälschte UERs in ihrem Portfolio. Die haben das dann weiterverkauft. Aber dann müssen die gefälschten Nachweise trotzdem nachträglich aberkannt werden. Auch wenn eine Raffinerie, die nichts mit dem Betrug zu tun hatte, nur die Quote von einer anderen Raffinerie gekauft hat. Betrug bleibt Betrug.

"Der Markt muss sich aber auf die Echtheit verlassen können." Zoltan Elek, Landwärme

Sie sagen, Sie haben die THG-Quoten gutgläubig erworben, auch von den Mineralölkonzernen. Wie kann ich mir das vorstellen?
Mineralölkonzerne wie Shell haben THG-Quoten aus gefälschten Projekten in Umlauf gebracht. Der Markt muss sich aber auf die Echtheit verlassen können, sprich darauf, dass, wenn er diese gutgläubig von Shell & Co. erwirbt, diese auch redlich sind. Eigentlich müssten die durch Betrug entstandenen THG-Quoten aus dem Markt genommen werden und die Mineralölkonzerne müssen den Schaden tragen. Die Mineralölwirtschaft hat aber so viel Macht und Gehör in Berlin, dass dies beim BMUV politisch durchsetzbar ist.

Wir geben aber nicht auf und werden die Gegenwehr ausweiten, zusammen mit Vorlieferanten und namhaften Unterstützern aus der Branche. Die ganze Branche leidet ja massiv. Mehr kann ich dazu aktuell noch nicht sagen. Wenn die auf Betrug beruhenden Zertifikate aus dem Markt genommen würden, könnte die Landwärme schneller wieder auf sicherere Füße kommen.

Wie soll das gehen?
Sollte das Gros der auf Betrug beruhenden Quoten aus dem Markt verschwinden, würden die Preise für die THG-Quote deutlich steigen. Generell sind es Preise von 250 bis 400 Euro, ab denen tragfähige Geschäftsmodelle mit Ladesäulen, Wasserstoff und Neubau von Biomethananlagen entstehen. Derzeit liegen wir bei zwischen 80 und 100 Euro.

Das Interview führte Artjom Maksimenko

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