Von einer "wirtschaftlichen Schieflage" der Stadtwerke Bad Belzig war in der Öffentlichkeit erstmals Anfang Dezember die Rede. Keinen Monat später musste der Kommunalversorger Insolvenz anmelden. (Symbolbild)

Von einer "wirtschaftlichen Schieflage" der Stadtwerke Bad Belzig war in der Öffentlichkeit erstmals Anfang Dezember die Rede. Keinen Monat später musste der Kommunalversorger Insolvenz anmelden. (Symbolbild)

Bild: © BirgitMundtOsterw./AdobeStock

Dass ein Stadtwerk insolvent geht, kommt nur ganz selten vor. In Bad Belzig ist es nun geschehen. Doch wie konnte es dazu kommen? Und wie geht es nun weiter? Im Rahmen einer Mini-Serie will die ZfK Antworten auf diese Fragen finden. Heute Teil eins:

Es war der Abend des 29. Septembers 2021, als der Aufsichtsrat der Stadtwerke Bad Belzig (Brandenburg) zu einer denkwürdigen Sitzung zusammenkam. Zuerst gab es eine gute Nachricht: Ein externes Wirtschaftsprüfungsunternehmen hatte die Prüfung des Geschäftsjahres 2020 abgeschlossen. Beanstandet worden sei nichts, schildert Roland Leisegang, Bürgermeister der 11.300-Einwohner-Stadt, der als Aufsichtsratsmitglied der Sitzung beiwohnte.

Doch dann die Überraschung: Der damalige Geschäftsführer Hüseyin Evelek habe mitgeteilt, dass er bis zu diesem Zeitpunkt nur unzureichend Gas und keinen Strom beschafft habe, erinnert sich der Politiker. "Bei Gas fehlten ungefähr 75, bei Strom sogar 100 Prozent."

Stadtwerke galten als kerngesund

Der Aufsichtsrat habe Evelek daraufhin beauftragt, "ab sofort" die notwendigen Energiemengen zu beschaffen, erinnert sich der Bürgermeister. Doch geschehen sei dies nicht. Auf der nächsten Aufsichtsratssitzung Mitte November 2021 sei Evelek dann nicht mehr anwesend gewesen, sagt Leisegang. Der erst seit Juli bei den Stadtwerken tätige Vertriebsleiter Thomas Tanneberg habe ihn vertreten und den Aufsichtsrat informiert, dass der Geschäftsführer weiterhin nicht genügend Energiemengen beschafft habe.

Ende November musste Evelek gehen. Ende Dezember waren die Stadtwerke pleite. Wie konnte es dazu kommen, dass ein Unternehmen, das noch vor einem Jahr als kerngesund galt, plötzlich Insolvenz anmelden musste? Wie konnte ein kleines Stadtwerk mit einem Eigenkapital von rund sieben Millionen Euro innerhalb weniger Monate offenbar ein Vielfaches davon an Schulden anhäufen?

"Branchenübliche" Regularien

Die ZfK hat mit Bad Belzigs parteilosem Bürgermeister Roland Leisegang und Tanneberg gesprochen, der inzwischen einer von zwei kommissarischen Geschäftsführern der Stadtwerke ist. Die Stadtwerke Bad Belzig sind ein kleiner Energieversorger. Sie beschäftigen 24 Mitarbeiter.

Ihre Energie beschaffen die Stadtwerke im Regelfall strukturiert vorlaufend. Das heißt für Tarifkunden in monatlichen Tranchen, 24 Monate im Voraus beginnend. "Die Regularien sind branchenüblich", sagt Tanneberg.

Transaktionsvolumen war beschränkt

Und wie war es unter Evelek? Der damalige Geschäftsführer habe selbst eingekauft, erklärt Tanneberg. Laut Regularien habe zum einen das Vieraugenprinzip gegolten. Ein Mitarbeiter aus den Bereichen Vertrieb oder Energiewirtschaft hätte demnach mitwirken müssen. Zum anderen habe es klare Beschränkungen bezüglich des Transaktionsvolumens gegeben. Nach dem jetzigen Kenntnisstand habe Evelek dagegen grob verstoßen.

Die Vorwürfe des Aufsichtsrats gegen Evelek wiegen schwer. Der Ex-Geschäftsführer soll "unzulässige Warentermingeschäfte" hinter dem Rücken des Aufsichtsrats und des Gesellschafters getätigt haben.

Thomas Tanneberg (links), einer der beiden kommissarischen Geschäftsführer der Stadtwerke Bad Belzig, und Roland Leisegang, Bürgermeister Bad Belzig (parteilos), haben sich den Fragen der ZfK gestellt.Bild: © Sabine Froning/Communication Works

Manager setzte wohl auf sinkende Preise

Nach ZfK-Informationen soll sich Evelek dabei verzockt haben. Dem Energieriesen Vattenfall soll er Strom verkauft haben, den er zum Zeitpunkt des Geschäfts nicht besaß. Vattenfall bestätigte, dass es Handelspartner der Stadtwerke Bad Belzig gewesen sei. Zu Einzelheiten der Vertragsbeziehungen will sich der Konzern jedoch aus Gründen der Vertraulichkeit nicht äußern.

Evelek soll auf sinkende Preise an der Energiebörse EEX gesetzt haben. Hätte er Recht behalten, hätte er einen hübschen Gewinn einheimsen und womöglich den mühsam aufgebauten, aber bis dahin gerade so kostendeckenden Stromvertrieb der Stadtwerke lukrativ machen können. Oder fehlende Energiemengen auch zu höheren Preisen einkaufen können. Offiziell ist zu den Beweggründen Eveleks nichts bekannt.

Schaden in Millionenhöhe

Die Preise im Großhandel sanken allerdings nicht, sondern stiegen – in Sphären, die zu Jahresbeginn auch Energiemarktexperten nicht für möglich gehalten hatten. So soll für die Stadtwerke ein Schaden in zweistelliger Millionenhöhe entstanden sein. Leisegang und Tanneberg wollten sich zu Zahlen nicht äußern.

Dass der Aufsichtsrat früher hätte eingreifen können, bestreitet der Bürgermeister. Bis zur Aufsichtsratssitzung im September 2021 habe jedes Anzeichen gefehlt, dass die Stadtwerke schlecht wirtschafteten. "Wir sind davon ausgegangen, dass alles läuft."

Bürgermeister spricht von "Vertrauensbruch"

Inzwischen spricht Leisegang von einem "eklatanten Vertrauensbruch". Die Stadt hat gegen Evelek Strafanzeige gestellt. War in einer ersten Pressemitteilung noch von einer "Trennung in gegenseitigem Einvernehmen" die Rede, teilte die Kommune später mit, dass dem Manager kurz darauf außerordentlich gekündigt worden sei.

Eveleks Job übernahmen Ende November übergangsweise Vertriebschef Tanneberg und Eckhard Schindelhauer, bis dahin Technischer Leiter des Unternehmens. Ihr Fazit nach erster Einsicht in die Finanzen des Unternehmens: Die Stadtwerke befänden sich in einer "wirtschaftlichen Schieflage". Einen Monat später beantragte der Versorger beim Amtsgericht Potsdam Insolvenz. (aba/jk)

Sie wollen direkt weiterlesen? Hier geht es zu Teil zwei. Thema dort: Wie wollen die Stadtwerke Bad Belzig nun wieder auf die Beine kommen?

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