Die Stadtwerke Bad Belzig stecken in der größten Krise ihrer Geschichte. Doch es gibt auch Hoffnung. Auf dem Bild ist St. Marien, das Wahrzeichen Bad Belzigs, zu sehen.

Die Stadtwerke Bad Belzig stecken in der größten Krise ihrer Geschichte. Doch es gibt auch Hoffnung. Auf dem Bild ist St. Marien, das Wahrzeichen Bad Belzigs, zu sehen.

Bild: © Holger.L.Berlin/AdobeStock

Dass ein Stadtwerk insolvent geht, kommt nur ganz selten vor. In Bad Belzig ist es nun geschehen. Doch wie konnte es dazu kommen? Und wie geht es nun weiter? Im Rahmen einer Mini-Serie will die ZfK Antworten auf diese Fragen finden. Heute Teil zwei:

Neue Herausforderungen hatte sich Thomas Tanneberg gewünscht, als er im Juli von der Berliner Gasag-Gruppe ins 70 Kilometer entfernte Bad Belzig wechselte, um Vertriebsleiter der dortigen Stadtwerke zu werden.

Und neue Herausforderungen hat er bekommen. Wenn auch wohl vorerst ganz andere, als erhofft.

"Sind aus allen Wolken gefallen"

Es war Tanneberg, der Ende November mit Eckhard Schindelhauer, dem Technischen Leiter des Unternehmens, kommissarisch die Geschäftsführung der Stadtwerke übernahm, nachdem der Aufsichtsrat Vorgänger Evelek hinausgeworfen hatte. Es war Tanneberg, der den 24 Mitarbeitern sagen musste, dass ihre Stadtwerke in eine wirtschaftliche Schieflage geraten seien. Und es war Tanneberg, der kurz vor Weihnachten den Insolvenzantrag für die Stadtwerke Bad Belzig stellte.

"Die Mitarbeiter sind natürlich aus allen Wolken gefallen", erinnert sich der Manager. "Aber das Ermutigende ist: Sie laufen nicht weg, sondern stellen sich der Situation."

ZfK-Zweiteiler zu Bad Belzig

Im ersten Teil dieser Mini-Serie beleuchtete die ZfK, wie die Stadtwerke Bad Belzig von einem kerngesunden Unternehmen zum Insolvenzfall wurden. (Hier lesen Sie Teil eins.) Nun geht es um die Zeit danach: Wie wollen sich die Stadtwerke sanieren und wieder fit werden für die Zukunft?

Die ZfK hat darüber mit dem kommissarischen Geschäftsführer Tanneberg und Bad Belzigs Bürgermeister Roland Leisegang (parteilos) gesprochen.

1992 gegründet

Die Stadtwerke Bad Belzig sind vergleichsweise jung. 1992 gegründet konzentrierten sie sich zuerst neben Wasser und Abwasser auf die Geschäftsfelder Gas und Wärme, ehe sie 2017 auch ins Stromgeschäft einstiegen.

Mit einem Stamm von knapp 1000 Kunden sind sie in der 11.000-Einwohnerstadt Bad Belzig Gas-Grundversorger. Zudem zählten sie bis Ende Dezember etwa 1400 Stromkunden.

Kooperation mit EWP Potsdam

Damit ist Schluss. Zum Jahreswechsel endete der Bilanzkreisvertrag mit Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz. Seitdem steht das Kommunalunternehmen ohne Stromkunden da.

Auf die Schnelle gewannen die Bad Belziger das Nachbarstadtwerk EWP Potsdam als Partner. Die Vereinbarung: Die 1400 Stromkunden erhalten ein „faires Angebot“ von der EWP Potsdam. "Wir stellen uns darauf ein, dass etwa 25 Prozent [unser] Angebot annehmen werden", teilte Anfang Januar ein Sprecher der Stadtwerke Potsdam mit.

Thomas Tanneberg (links), einer der beiden kommissarischen Geschäftsführer der Stadtwerke Bad Belzig, und Roland Leisegang, Bürgermeister der Stadt Bad Belzig (parteilos), haben sich den Fragen der ZfK gestellt.Bild: © Sabine Froning/Communication Works

Harter Wettbewerb

Gewinn machten die Stadtwerke Bad Belzig im Stromvertrieb bis zum Schluss nicht.

Der Wettbewerb mit anderen Anbietern sei hart gewesen, sagt Bürgermeister Leisegang. "Auch deshalb wollen wir erst einmal davon die Finger lassen, auch wenn uns bewusst ist, dass die Bedeutung von Strom in Zukunft eher noch wachsen wird." Strom-Grundversorger in Bad Belzig ist Energiekonzern Eon.

Kerngeschäft Gas und Fernwärme

Was möglicherweise bleiben soll, sind lokale Mieterstromprojekte, die die Stadtwerke derzeit mit zwei Wohnungsbaugesellschaften betreiben.

Wichtig für das Überleben des Unternehmens in jetziger Form dürfte der Erhalt des Kerngeschäfts Gas und Fernwärme sein. Beide Sparten erwiesen sich in der Vergangenheit als wirtschaftlich.

Gaspreise steigen

Offen ist, wie teuer den Stadtwerken der Kauf noch fehlender Gasmengen für dieses Jahr kommen wird.

Mehreinnahmen durch die kräftige Erhöhung des Grundversorgungstarifs ab Februar auf 12,94 Cent pro kWh dürfte die Lücke nur zum Teil lindern.

"Bis März vollständig eingedeckt"

Tanneberg geht jedoch davon aus, dass entstandene Verluste "mittelfristig" wieder ausgeglichen werden könnten. Ex-Geschäftsführer Hüseyin Evelek hatte es nach Darstellung des Aufsichtsrats versäumt, für dieses Jahr einen Großteil der Mengen zu beschaffen.

"Bis März haben wir uns mittlerweile vollständig mit Erdgas eingedeckt", sagt Tanneberg. "Angesichts extrem hoher Beschaffungspreise ist es uns allerdings derzeit nicht möglich, längerfristig zu planen."

"Rettung aus jetziger Sicht möglich"

Die Rettung der Stadtwerke ist keine ausgemachte Sache. Inzwischen ist der kommunale Versorger in das vorläufige Eigenverwaltungsverfahren eingestiegen. Als vorläufiger Sachwalter übernahm der Berliner Rechtsanwalt Jürgen Spliedt.

Wie er der "Märkischen Allgemeinen" sagte und der ZfK bestätigte, hält er die Stadtwerke im Kern für gesund. "Es sind Spekulationsverluste entstanden, keine betrieblichen Verluste. Eine Rettung des Unternehmens ist aus jetziger Sicht möglich."

"Reden mit Partnern und Kunden"

Auch Leisegang zeigt sich verhalten optimistisch. "Wir haben uns seit November darum gekümmert, das Unternehmen wieder flott zu kriegen. Vielleicht schaffen wir es, uns bereits in einem halben Jahr wieder zu sanieren."

Ein Knackpunkt dürfte sein, inwiefern Gläubiger, darunter Energieriese Vattenfall, auf Geld verzichten, das ihnen eigentlich noch zusteht. "Wir reden mit Partnern und Kunden", sagt Tanneberg.

Zukunftsmodell Doppelspitze?

Sollte es weitergehen, benötigen die Stadtwerke jedenfalls eine neue dauerhafte Geschäftsführung. Bürgermeister Leisegang hält ein Duo an der Spitze für eine durchaus attraktive Option.

Derzeit gefalle ihm die "harmonische" Zusammenarbeit zwischen den Interimschefs Tanneberg und Schindelhauer sehr gut, sagt er. Wird die Übergangs- also zur Dauerlösung? "Bevor wir darüber entscheiden, muss erst einmal die Sanierung abgeschlossen sein", sagt der Bürgermeister.

Smart City Bad Belzig

Zukunftsperspektiven sehen Tanneberg und Leisegang für die Stadtwerke durchaus. Die Stadtwerke starteten erst im vergangenen Jahr die Zusammenarbeit mit dem Modellprojekt Smart City. "Daraus könnte ein zukunftsträchtiges Geschäftsfeld erwachsen", findet Tanneberg.

Zudem hält er eine verstärkte Zusammenarbeit mit der städtischen Wohnungsgesellschaft Bewog für aussichtsreich. "Hier können wir im Kleinen viel erreichen", sagt der kommissarische Geschäftsführer. "Doch zuvor müssen sich die Stadtwerke erst einmal wieder stabilisieren." (aba/jk)

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