Von Artjom Maksimenko
Der beschleunigte Netzausbau zeigt spürbare Erfolge. Ein Indiz dafür sind aus Sicht von Thomas Dederichs, Leiter Systementwicklung beim Übertragungsnetzbetreiber Amprion, die zurückgehenden Redispatch-Maßnahmen. "Wir sehen in unseren Analysen für die Jahre 2028 bis 2030 einen massiven Rückgang der Redispatch-Mengen", sagte er beim BET-Energieforum in Aachen. Derzeit müsse das System rund 20 bis 25 Terawattstunden pro Jahr verarbeiten. Die Kosten lagen zuletzt bei 3,5 bis 4 Milliarden Euro.
Dieser Wert werde bis 2030 deutlich zurückgehen, erklärt Dederichs. Er begründet dies mit der Fertigstellung der großen Leitungsprojekte: Ultranet im Jahr 2026, A-Nord und der erste Teil des Suedostlinks 2027, während das zweite Suedostlink-Teilvorhaben erst 2030 ans Netz geht, sowie schließlich Suedlink bis 2028. Danach würden die Redispatch-Maßnahmen nach seiner Einschätzung erneut zunehmen.
Zeit "zum Luftholen"
Lobend äußerte sich Dederichs zur Entscheidung der Bundsnetzagentur, beim Langzeit-Szenario ein Trichtersystem einzusetzen. "Das finde ich mutig, weil es natürlich bedeutet, dass unterschiedliche Szenarien auch unterschiedliche Netze ergeben können – und genau diese Spannbreite brauchen wir", sagte er. Denn schon seit Jahren stagniere der Stromverbrauch, real sinke er sogar – nicht zuletzt durch die Industrie. Gleichzeitig seien bereits 1,7 Millionen Wärmepumpen und 1,7 Millionen Elektrofahrzeuge integriert, ohne dass die Gesamtnachfrage bislang gestiegen sei. "Aber sie wird kommen", gab sich Dederichs sicher.
Um diese Entwicklungen gebührend zu analysieren, brauche es Zeit. "Ich glaube nicht, dass wir einen Richtungswechsel brauchen. Was wir brauchen, ist Zeit zum Luftholen – vielleicht ein, zwei Jahre, um die Prozesse zu sortieren", so sein Appell. Denn der aktuelle Kurs stimme aus seiner Sicht: Kohleausstieg, Netzausbau, Kraftwerke – all das reiche bis Mitte der Dreißigerjahre. "Danach können wir in Ruhe entscheiden, wie genau das Zielbild 2045 aussieht."
"Es ist mir völlig egal, ob die ersten fünf oder zehn Gigawatt Kraftwerke gebaut werden – wir müssen loslegen!" Thomas Dederichs, Amprion
Eine andere Strategie empfiehlt der Experte beim Bau neuer Kraftwerke. "Es ist mir völlig egal, ob die ersten fünf oder zehn Gigawatt Kraftwerke gebaut werden – wir müssen loslegen! Die Lösung ist eindeutig: starten, und erst danach überlegen, wie wir das sinnvoll in den Markt integrieren."
Klar für eine rasche Umsetzung der Kraftwerksstrategie sprachen sich in Aachen auch VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing und der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, aus. Die Vorstellung, allein mit Speichern, Demand-Side-Management oder bidirektionalem Laden auszukommen, sei unrealistisch, betonte Müller. "Wer diese These aufstellt, torpediert meines Erachtens die Energiewende nicht nur technisch, sondern auch in Bezug auf das Sicherheitsgefühl, das Industrie, Bevölkerung und Politik haben müssen."
Höhere Eigenkapitalverzinsung in Sicht
Mit großem Interesse dürfte Dederichs auch die Aussage des BNetzA-Präsidenten zum Thema Eigenkapitalverzinsung vernommen haben. Im Nest-Prozess sei die Refinanzierung der Investitionen der Netzbetreiber ein zentrales Thema, so Müller. Er betonte, dass seine Behörde die Anreizregulierung so ausgestalte, dass die Unternehmen ihre massiven Investitionen stemmen können. Dies gehe mit einer höheren Eigenkapitalverzinsung einher. Müller räumte ein, dass dies intern in der Behörde für "Magenkrämpfe" sorge, verteidigte die Maßnahme aber als notwendig: "Das geht einher mit der Zusage – und glauben Sie mir, jedes Mal hat irgendjemand bei der Bundesnetzagentur Magenkrämpfe, wenn der Präsident das so sagt – das geht einher mit einer höheren Verzinsung in der Zukunft." Die Methodik sei bereits offengelegt, die genauen Zahlen hingen jedoch vom Zeitpunkt der Festlegung ab. Ziel sei es, die Investitionsfähigkeit der Netzbetreiber sicherzustellen, ohne die Kosteneffizienz aus den Augen zu verlieren.



