Herr Salcher, der Ausbruch des Ukraine-Kriegs hat sich deutlich im Future Readiness Index 2022 niedergeschlagen. Dieser sank vom Frühjahr zum Herbst um 24 Prozentpunkte. Daneben hatten auch die Corona-Pandemie, der Fachkräftemangel sowie die steigende Inflation zu diesem Sinkflug beigetragen. Wieso trifft es besonders die Energiebranche im Vergleich zu anderen Industrien?
Michael Salcher, Managing Partner/Regionalvorstand, Head of Energy: Die Energiebranche steht am Anfang der industriellen Wertschöpfung bzw. ist ihre Grundlage. Die Konsequenzen des Ausbleibens von Gaslieferungen bzw. die Auswirkungen von langfristig gebildeten Strukturen ist für die Energiewirtschaft unmittelbar. Die Versorgungssicherheit war lange Zeit selbstverständlich und muss weiterhin aufrecht erhalten bleiben. Die Notwendigkeit von Ersatzbeschaffungen um jeden Preis führt zu heftigen, teils existenziellen Einbrüchen der Ertragslage von vielen Unternehmen der Energiewirtschaft aber auch deren Kunden.
Hinzu kommt, dass die benötigte Infrastruktur in Form von Gasfernleitungen oder auch Stromtrassen noch nicht in benötigtem Maße vorhanden ist und somit Substitute für ausbleibende Lieferungen nicht schnell verfügbar sein werden.
Die Bundesregierung reagiert jedoch mit einer Vielzahl von Gesetzesinitiativen. Das Problem ist aber multidimensional und es wird mehr denn je klar, dass langfristige Entscheidungen nicht kurzfristig revidierbar sind. So reduzieren wir zwar Komplexitäten, jedoch nicht Unsicherheiten.
Top-Investitionsschwerpunkte sind vor allem die Anpassungen an politisch-regulatorische und ökologische Veränderungen. Hinzu kommen Anpassungen an Krisen und Konflikte sowie Anpassungen an weltwirtschaftliche Veränderungen. Die Anpassungen an den technologischen Fortschritt bleiben auf hohem Niveau gleich. Der Reifegrad bleibt aber unterdurchschnittlich. Wie sind diese Ergebnisse zu verstehen?
Die strategische Ausrichtung der Energieunternehmen folgt jeher insbesondere politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen. Insofern ist eine Orientierung der Investitionstätigkeit an diesen Leitplanken nichts Neues. Für die energiewirtschaftliche Wertschöpfungskette sind kurz- und mittelfristig keine wesentlichen Änderungen zu erwarten.
Jedoch werden einzelne Elemente tiefgreifend umgestaltet. So bleibt der Ausbau von Anlagen für Erneuerbare Energie momentan noch hinter den Anforderungen zurück, während andererseits der Fokus auf die mit Lichtgeschwindigkeit errichtetet Infrastruktur zur Anlandung dringend benötigter Flüssiggasmengen liegt. Solche Projekte wurden bereits projektiert, mangels Wirtschaftlichkeit jedoch verschoben. Energieunternehmen können Anlagenbau, aber eben solche Anlagen, die langfristig zum Marktdesign passen. So wird Schritt gehalten und das Anspruchsniveau bleibt hoch. Es entstehen momentan aber keine bahnbrechenden Vorhaben, das Land geht Schritt für Schritt voran.
Der Wachstumsaspekt Personal verliert im Future Readiness Index 2022 stark an Priorität und steht mit der Anpassung an den gesellschaftlichen Wandel am Ende der Liste. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch in Zeiten des Fachkräftemangels und dem Ausbau erneuerbarer Energien?
Der Punkt „Personal“ ist in der Tat auffällig. Der Wert „Reifegrad“ steigt erneut erheblich (+ 30 Prozent), was zeigt, dass die Unternehmen sich im Bereich Personal aktuell deutlich besser aufgestellt sehen als zuvor. Dagegen verliert Personal deutlich an Priorität in Zusammenhang mit geplanten Investitionsaktivitäten (niedrigster Rang). Das Spektrum an geopolitischen Entwicklungen, Rezessionsängste, nur langsam abnehmende Versorgungsengpässe und Lieferkettenprobleme scheinen ebenso wie die noch andauernde Pandemie und die steigende Inflation einen höheren Einfluss auf die Stimmungslage im Energiesektor als der Faktor Personal einzunehmen.
Andererseits steigt für die Umsetzung der Energiewende und für den Umbau der künftigen Energieversorgung der Bedarf an qualifizierten Fachkräften stetig. Der demografische Wandel und Veränderungen der Arbeitswelt stellen auch die Energiewirtschaft vor eine große Aufgabe, insbesondere wenn man die Geschwindigkeit und die Dimensionierung des notwendigen Umbaus der Energiesysteme betrachtet.
Wir interpretieren diese Ausprägung momentan nicht als unwesentlich, sondern sicherlich als sehr bedeutsam, jedoch knapp hinter den weiteren augenblicklichen Problemen, die es zu lösen gilt.
Als wichtigste künftige Herausforderung wird Nachhaltigkeit und Klimaschutz eingestuft, gefolgt von Cybersecurity. Neu hinzugekommen und fast gleichauf mit der IT-Sicherheit ist die Zunahme geopolitischer Spannungen und Handelskonflikte. Danach folgen demografischer Wandel und Plattformbasierte Geschäftsmodelle. Das zeigt, Nachhaltigkeit und Klimaschutz wird trotz der Krisen am wichtigsten eingestuft. Werden daraus auch Konsequenzen in der Praxis gezogen? So werden zum Beispiel zunehmend Cyberattacken auf Energieversorger bekannt.
Der Umbau der Energiesysteme und die Inkaufnahme von Zwischenlösungen muss fair gestaltet werden, dies wird immer deutlicher. ESG – kurz für Environmental, Social, Governance, also die Bedeutung der Aspekte Umwelt, Soziales und Unternehmensführung bei Entscheidungen – ist kein Schlagwort, sondern bildet notwendige Kriterien als Zielsetzung. Klimaschutz muss trotz des intensiven Betriebs von Kohlekraftwerken im Fokus bleiben, hier gibt es Ausgleiche über Emissionszertifikate.
Gas- und insbesondere LNG-Infrastruktur muss errichtet werden, aber nicht ohne die Möglichkeit auf ein Upgrade hin zu einer Wasserstoffinfrastruktur. Der Gewinner der Energiekrise wird der Klimaschutz sein, das ist politischer und gesellschaftlicher Konsens. Ob dies immer wirtschaftlich sinnvoll ist, bleibt fraglich, erkennt man doch bereits jetzt Abwanderungstrends der deutschen Industrie. All diese Punkte bilden eine neue Ausprägung des Risikomanagements auf Seiten der Energieversorger wie auch der Industrie. Der Schutz der Infrastruktur ist ein wichtiges, zusätzliches Merkmal, das schon seit Langem auf der Tagesordnung von Aufsichtsräten von Infrastrukturunternehmen steht.
Wie bewerten Sie die Rangliste der Herausforderungen. Deckt sich das auch mit Ihren eigenen Einschätzungen?
Die Rangliste spiegelt unseres Erachtens die bestehende außergewöhnliche Situation im Energiesektor geeignet wider. Die zukünftigen Herausforderungen werden in großem Maße von der weiteren Entwicklung der Krisensituation und ihrer Bewältigung abhängig sein. Wir teilen die Einschätzung der befragten Unternehmen. Aus unserer Sicht gibt es einen engen Schulterschluss zwischen Politik und Energiewirtschaft. Es geht dabei um nichts anderes als um die Rahmenbedingungen eines attraktiven Industriestandorts Deutschland.

Rangfolge der Herausforderungen für den Energiesektor
Wie verhält sich der Energiesektor insgesamt im Vergleich zu anderen Branchen, wo sticht die Energiebranche besonders hervor?
Im Vergleich von Sektoren untereinander fällt eine ansteigende Investitions- und Aktivitätsbereitschaft der Energiebranche besonders auf.
Geopolitische, regulatorische und ökologische Veränderungen führen zu einer hohen Handlungsbereitschaft, fast Alarmbereitschaft des Energiesektors. Auch nehmen plattformbasierte Geschäftsmodelle und disruptive Technologien mit plus 42 Prozent stark an Bedeutung zu, während diese bei anderen Sektoren abnimmt. Für die Realisierung der Energiewende als Umbau eines Energiesystems und den Ausbau der Erneuerbaren Energien mit Errichtung einer sehr dezentralen Erzeugungsstruktur nehmen diesbezügliche Trends an Bedeutung zu. Für die Realisierung der neuen „Energiezukunft“ werden digitale Technologien und Skalierbarkeit in allen Belangen benötigt.
Welche Entwicklungen erwarten Sie für das Jahr 2023? Denken Sie es wird einen Aufwärtstrend im Optimismus geben, wird sich etwas bei den Investitionsschwerpunkten ändern?
Die Schwerpunkte der Veränderungen werden sich fortsetzen, das gilt auch auch bei Investitionen bzw. Desinvestitionen. Es gibt Grund für Optimismus: Wichtige gesetzliche Grundlagen wurden geschaffen und es bleibt zu hoffen, dass die Vereinfachung administrativer Vorgänge sowie die Verfügbarkeit von Materialien spürbar besser wird. Im Fokus werden Bereiche um Gas- und LNG-Infrastruktur, Netzausbau und elektrifizierte Infrastruktur, Wind- und Solaranlagen sowie Elektromobilitätsinfrastruktur stehen.
Zudem werden planmäßig die letzten Kernkraftwerksblöcke vom Netz gehen und kurzfristig durch Kohlekraftwerke ersetzt werden, die unterhalten werden müssen. Der Bezug von Gas wird ein eigener Investitionsbereich an sich bleiben.
Nicht vernachlässigt werden sollten auch Bereiche um die Anpassungen der Organisationen und Systeme an gesetzliche Rahmenbedingungen im Zusammenhang mit ESG. Auch wird sich der administrative Aufwand in Zusammenhang mit den Preisbremsen erhöhen.
Der Katalog ließe sich anhand der Wertschöpfungskette natürlich noch verlängern – wichtig wird sein, die Maßnahmen in eine vernünftige Reihenfolge zu bringen: Maßnahmen für die Versorgungssicherheit und Klimaneutralität sind step-by-step umzusetzen.
Die Fragen stellte Stephanie Gust



