Die Energiebranche ist für Matthias Martensen (30) nicht neu. Fünf Jahre beriet er als Mitarbeiter des Consultingunternehmens Oliver Wyman führende deutsche Stromkonzerne und Stadtwerke. Damit ist Schluss. Denn Martensen will nun selbst den deutschen Strommarkt aufmischen — und das mit einer Kombination aus Ökostrom, einer App und einem einfach gehaltenen, monatlich kündbaren Tarif.
Zusammen mit Karl Villanueva aus den Philippinen gründete Martensen im November das Start-up Ostrom. Die Website des Unternehmens ist seit Anfang April online. Die ersten Kunden sind angeworben, die ersten Kooperationsverträge mit Dienstleistern wie Südweststrom und Powercloud abgeschlossen.
Herr Martensen, der deutsche Strommarkt gilt als besonders umkämpft. Wo ist da noch Platz für Ihr Unternehmen?
Der Wettbewerb ist groß. Und doch finde ich, dass viele Anbieter ziemlich altmodisch sind. Einige haben häufig noch nicht einmal ein Kundenportal, verschicken noch immer Briefe. In Gesprächen habe ich erlebt, dass manche stolz waren, besonders hochwertiges Briefpapier als Alleinstellungsmerkmal zu haben. Ich glaube, dass Kunden im 21. Jahrhundert anders sind, dass sie lieber alles übersichtlich und digital, am besten auf einer App haben wollen.
Und die können Sie erreichen?
Die App wird bei uns im Fokus stehen. Dort können unsere Kunden dann alles steuern, von der Zählerablesung bis hin zu Vertragsdetails. Und wenn sie ein Problem haben, können sie von dort unseren Support(-Chat) erreichen.
Eine App haben große deutsche Energieversorger und viele Stadtwerke in der Regel auch.
Wir wollen die Unsere aber so übersichtlich wie möglich gestalten. Bei uns gibt es nur einen einzigen Tarif. 100 Prozent Ökostrom, monatlich kündbar. Keine Kombinationen etwa mit Kühlschrank und Waschmaschine, bei denen die Kunden dann gar nicht mehr genau wissen, wie viel sie nun für den Stromtarif zahlen und wie viel für den Rest. Da geht bei uns Transparenz vor. Zudem wollen wir am Stromverbrauch nichts mitverdienen. Wir finanzieren uns ausschließlich über eine monatliche Grundgebühr von sechs Euro.
Mit ähnlichen Argumenten wollen auch andere Player wie Octopus Energy und Tibber den deutschen Strommarkt revolutionieren. Und das vermutlich mit deutlich mehr Geld, als Ostrom aktuell zur Verfügung steht.
Das mag sein. Aber bei Octopus scheint die App nicht so im Mittelpunkt zu stehen wie bei uns. Und Tibber wirbt ja vor allem mit dynamischen Tarifen. Ich weiß nicht, ob sie damit in Deutschland nicht zu früh an den Start gegangen sind. Auch wir können uns vorstellen, irgendwann dynamische Tarife anzubieten. Unsere Powercloud-Plattform lässt dies zu. Wir wollen aber erst einmal abwarten, wie sich der Markt in den nächsten Jahren entwickelt. Bis dahin glauben wir, dass ein fester Tarif erfolgsversprechender ist.
Welche Zielgruppen will Ostrom erreichen?
Wir wollen uns vorerst auf junge, digital affine Großstädter konzentrieren. Und auf die Expat-Community [Ausländer, die für eine bestimmte Zeit oder dauerhaft in Deutschland arbeiten, d. Red.]. Für sie wollen wir unsere App auch in englischer Sprache anbieten. Bei Website und Support ist das bereits geschehen. Das bieten selbst große deutsche Energieversorger noch nicht an. Da sehen wir eine große Lücke.
Kommen wir zum Geschäftsmodell von Ostrom. Wird es auf Dauer nur bei einer monatlichen Grundgebühr als einziger Einnahmequelle bleiben?
Nein. Ziel ist es, künftig auch smarte Energielösungen anzubieten. Wir denken da an E-Ladelösungen, Speichertechnologie und Smart-Home-Geräte. Auch dafür ist unsere App bereits ausgelegt.
Wie viel Geld kann Ostrom überhaupt in die Hand nehmen?
Wir haben bislang mit 468 Capital einen Großinvestor und einen Business Angel gewinnen können. Für dieses Jahr sind wir auf jeden Fall durchfinanziert. Das Engagement unseres Investors geht aber weit darüber hinaus. Wir sind überzeugt, etwas Großes auf die Beine stellen zu können.
Octopus ging mit der Ankündigung in den deutschen Markt, bis 2024 eine Million Gas- und Stromkunden gewinnen zu wollen. Und Ostrom?
Da wollen wir uns noch nicht festlegen. Nur so viel: Uns ist es fürs Erste wichtiger schnell zu wachsen als zügig profitabel zu werden.
Woher will Ostrom eigentlich seinen Ökostrom beziehen?
Auf keinen Fall wollen wir unseren eingekauften Strom durch günstige Herkunftsnachweise etwa aus norwegischen Wasserkraftwerken greenwashen. Ziel ist es, unseren Ökostrom von den Erzeugern direkt abzunehmen und einen Strompool aufzubauen, den wir dann auch auf unserer App darstellen. Da sind wir bereits mit zwei, drei Anbietern im Gespräch.
Zum Schluss müssen Sie noch eines erklären. Was steckt hinter dem Namen Ostrom?
Der Name geht auf Elinor Ostrom zurück, der ersten weiblichen Wirtschaftsnobelpreisträgerin. Sie forschte, wie Menschen in und mit Ökosystemen nachhaltig interagieren können, ohne dass gleich der Staat eingreifen muss. Ein sehr progressiver Gedanke, der gut zu unserem Start-up passt.
Die Fragen stellte Andreas Baumer
Korrektur: In einer ersten Fassung stand, dass die dynamischen Tarife von Tibber einen Smart Meter voraussetzen. Dem ist nicht so. Kunden ohne smarten Zähler bekommen den monatlich durchschnittlichen Einkaufspreis, profitieren also auch von allen negativen Stunden und Schwankungen an der Strombörse.



